München hat ein Problem

Weniger als 1149 Euro pro Monat: Jeder Fünfte von Armut bedroht

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München hat ein großes Problem: die überdurchschnittlich hohe Armut älterer Menschen. Das zeigt ein Bericht, der die 16 größten deutschen Städte miteinander vergleicht.

München - Ja, es stimmt: München ist eine Stadt der Reichen und Schönen. Aber es ist auch eine Stadt der Armen und Alten. Zwar beziehen hier nur halb so viele Menschen Sozialleistungen wie in anderen deutschen Großstädten – und kaum jemand bleibt allzu lange ohne Arbeit. Trotzdem hat München ein großes Problem: die überdurchschnittlich hohe Armut älterer Menschen. Das zeigt ein Bericht, der die 16 größten deutschen Städte miteinander vergleicht und der am Donnerstag im Sozialausschuss vorgestellt wird.

Wichtigste Ergebnisse: München zahlt im Städte-Vergleich am wenigsten Transferleistungen. Von 1000 Einwohnern bezogen hier nur 63,1 Sozial- oder andere Hilfen. Bundesschnitt: 134,6. Laut den Autoren gründet der niedrige Wert vor allem darin, dass in München relativ wenige Menschen Hartz IV beziehen – es gibt also wenige Arbeitslose.

Armutsgefährdung: Wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens verdient, gilt als armutsgefährdet. Die Schwelle liegt in München bundesweit am höchsten: bei 1149 Euro (Bundesschnitt: 917 Euro). Tatsächlich gefährdet ist fast jeder fünfte Münchner (18,1 Prozent, Bundesschnitt: 17,6 Prozent).

Alter und Erwerbsminderung: Rentner und voll Erwerbsgeminderte, deren Geld nicht für den Lebensunterhalt reicht, können Grundsicherung beantragen. In München stieg die Zahl zuletzt um zwei Prozent. Unter den Beziehern von Grundsicherung sind nicht so viele Erwerbsgeminderte, dafür viele Rentner: 79,5 Prozent (Bundesschnitt: 64,1 Prozent). Laut Studie liegt das daran, dass hier die Renten niedrig sind: monatlich 925 Euro. Am meisten Rente bekommen Düsseldorfer (1082 Euro) und Leipziger (1055 Euro). Verschärft wird das Ganze durch hohe Lebenshaltungskosten. Laut Prognos ist in München ein Euro Rente 23 Prozent weniger wert als im Bundesschnitt.

Hintergründe: München gab pro Grundsicherungs-Bezieher am meisten aus: monatlich 565 Euro (Durchschnitt: 519 Euro) – vor allem wegen der hohen Unterkunftskosten. Und vielleicht sehen wir nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Dunkelziffer der armen Alten ist hoch, weil nicht jeder, der sie bräuchte, Grundsicherung beantragt. In München beziehen 54 von 1000 Einwohnern über 65 Jahre Grundsicherung (Bundesschnitt: 57). Der Ausländeranteil liegt in München bei 41,7 Prozent (Schnitt: 34,7 Prozent) – auch ein Grund dafür, dass oft keine Rentenansprüche erworben worden sind. Der Prognos AG zufolge bieten die wirtschaftsstarken Städte mit niedriger Arbeitslosigkeit zwar gute Voraussetzungen, um hohe Rentenansprüche zu erwerben – aber sie sind keine guten Orte zum Leben für Rentner, da man sich hier mit der Rente weniger leisten kann.

Das ist unverschämt

Irmgard Wohlfeld (83), Rentnerin aus München: „Vor vielen Jahren hatte ich einen Skiunfall und konnte kaum mehr ­arbeiten. Ich habe alles verkauft: Briefmarken, Goldmünzen, Lebensversicherung, um zum Heilpraktiker zu gehen. Das hat auch geholfen, aber auf Dauer war die Behandlung viel zu teuer. Jetzt bekomme ich 400 Euro im Monat, wovon ich alles außer der Miete zahlen muss. Das ist unverschämt!“

Sparen für Familien-Besuche

Zelihe Krasniqi (43), Frührentnerin aus München: „Ich bin geh- und sehbehindert, aber wollte nie auf Kosten des Staates leben. Sieben Jahre lang war ich Zimmermädchen im Hotel, bis es nicht mehr ging. Jetzt bekomme ich Frührente und Grundsicherung – zusammen 490 Euro monatlich. Die Stadt übernimmt meine Miete, aber Strom und Telefon muss ich selbst bezahlen. Um meine Familie im Kosovo zu besuchen, lege ich monatlich ein paar Euro zurück. Für Hin- und Rückflug muss ich ein Jahr sparen.“

Ich warte seit Jahren auf Geld

Harald Gloegel (53), Hartz-IV-Empfänger, München: „Ich habe früher als IT-System-Administrator gearbeitet – teilweise bis zu 16 Stunden täglich. Für meine Leistungen wurde ich aber auch gut bezahlt. Vor vier Jahren wurde ich durch eine akute Lungenentzündung aus der Bahn geworfen. Seitdem warte ich auf meine Frührente. Von den Behörden bekomme ich null Rückmeldung – es ist, als würde ich mit dem ­Papierkorb telefonieren. Von den 290 Euro, die ich an Hartz IV im Monat bekomme, bleibt nichts übrig.“

Christine Ulrich

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