Kostbar mit 300.000 Buchstaben

Neue Torarolle für Münchner Juden

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Rabbiner Tom Kucera von der liberalen jüdischen Gemeinde Beth Shalom in München steht am 16.05.2017 in München (Bayern) vor einem Toraschrein, in dem die Torarollen aufbewahrt werden.

Torarollen sind für die Juden kostbar. Meist werden die Schriftrollen aus Pergament von Generation zu Generation weitergereicht. Ab und zu wird eine Rolle neu geschrieben, so wie für eine jüdische Gemeinde in München.

München - 304 805 Buchstaben, 79 976 Worte, 5844 Verse: Viele Monate war Bernard Benarroch aus London damit beschäftigt, das alles aufzuschreiben. Von Hand und mit Gänsekiel auf Pergament. Benarroch ist ein Sofer, der Torarollen schreibt. Was er fertigt, ist mehr als bloße Handarbeit - es ist ein sakraler Akt.

„Die Torarolle ist das Zentrum des Judentums, es gibt nichts Wichtigeres, nichts Kostbareres im übertragenen und letztlich auch im materiellen Sinne“, erklärt Cilly Kugelmann, viele Jahre lang Programmdirektorin des Jüdischen Museums in Berlin. Eine von Benarrochs Werken kommt nun nach München. Die Liberale Jüdische Gemeinde Beth Shalom in München bekommt eine neue Torarolle. Am Sonntag (28. Mai) wird sie in die kleine Synagoge im Südwesten der Stadt eingebracht.

„Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“, so beginnt jede Tora, in der die fünf Bücher Mose enthalten sind. Wer den ehrenvollen Beruf des Schreibers wählt, muss eine Ausbildung machen und viele Jahre üben, bevor er den Text von einer fehlerfreien Vorlage kopieren darf. „Nach dem jüdischen Gesetz muss eine Sefer Tora mit der schönsten Schrift und auf die beste und schönste Art und Weise geschrieben werden“, erläutert der Rabbiner und Sofer Reuven Yaacobov aus Berlin. Wort für Wort lesen sich die Schreiber den Text bei ihrem Werk laut vor. Eine intensive Beschäftigung mit der Schrift, die sich dadurch ins Gedächtnis einbrennt. „Nach zwei, drei Jahren hat ein Sofer deshalb auch die ganze Tora im Kopf“, sagt Yaacobov.

Höchste Konzentration erfordert die Arbeit. Jeder Schreiber bitte Gott um physische und mentale Kraft, wie der Zentralrat der Juden in Deutschland im Internet erläutert. „Macht er auch nur einen einzigen Fehler, muss er von vorne anfangen.“ Cilly Kugelmann begründet, warum das akkurate Schreiben und sogar der perfekte Schwung der Buchstaben so wichtig ist: „Der Text ist gedacht als von Gott gegeben und vom Menschen kopiert. Da es ein göttliches Wort ist, darf es keinen Fehler enthalten.“ Besondere Regeln gelten auch für die Tinte und für die Pergamentseiten, die aus der Haut koscherer Tiere gewonnen werden.

Eine teure Anschaffung. „Das könnte so bis zu 100 000 Dollar kosten, je nachdem, wie lange daran gearbeitet wird“, weiß Kugelmann. Denn mit dem Text ist es nicht getan. Die beschriebenen Pergamentseiten werden zu langen Bahnen zusammengenäht und dann auf zwei hölzerne Stäbe aufgerollt, mit einem besonderen Stoffband umwickelt und in einen kunstvoll verzierten Mantel gehüllt. Hinzu kommen der silberne Toraschmuck und ein silberner Lesestab, an dessen Ende eine kleine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger angebracht ist. Denn mit bloßen Händen berühren darf man die kostbare Schriftrolle nicht.

Rabbiner Tom Kucera ist in freudiger Erwartung. „Das ist schon etwas Besonderes“, sagt er. Die meisten Rollen werden von Generation zu Generation weitergegeben und haben deshalb eine bewegte Geschichte, so wie die kleinste der drei Rollen von Beth Shalom. Sie war vor dem Holocaust in Augsburg und konnte vor der Zerstörung durch die Nazis bewahrt werden. Ein Augsburger Jude brachte sie nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA. 2004 entschloss sich sein Enkel, die Rolle der 1995 gegründeten Liberalen Gemeinde in München zu schenken. Doch die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen und das Pergament ist nicht mehr gut erhalten. Die Rolle könne nicht mehr lange für regelmäßige Lesungen genutzt werden, heißt es in einem Spendenbrief von Beth Shalom.

Die Gemeinde leistet sich die Anschaffung zum 10-jährigen Dienstjubiläum ihres Rabbiners, auch mit Spenden der katholischen und evangelischen Kirche sowie der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (IKG). Kucera kümmert sich seit 2006 als Lehrer und Seelsorger um gut 450 Mitglieder. Anders als die große und bekannte IKG im Herzen Münchens pflegt Beth Shalom das progressive Judentum. „Wir wachsen“, sagt Kucera. „Es gibt Interesse daran, was wir anbieten“. Vor allem für junge Menschen sei das liberale Gedankengut reizvoll, das etwa Frauen in der Synagoge die gleichen Rechte wie den Männern einräumt. Im Wettbewerb mit der IKG und ihren strengeren orthodoxen Regeln sieht sich der Rabbiner aber nicht. „Es ist ein Judentum“, betont er. Und meistens habe man die gleiche Meinung.

Zur Feier am Sonntag wird deshalb auch IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch erwartet. Ihr und anderen Spendern wird eine besondere Ehre zuteil. Denn die Torarolle wird gemäß der Tradition unvollendet angeliefert. Die letzten zwölf Buchstaben fehlen und werden in der Synagoge feierlich mit Hilfe der Ehrengäste vollendet. „Das ist schon ein gutes Gefühl, dass es jetzt am Ende ist“, sagt Kucera freudig. Nun kann sich die in einem schmucklosen Gewerbebau untergebrachte Gemeinde einem neuen Projekt zuwenden: Einer eigenen Synagoge mit Gemeindezentrum nach Plänen des berühmten Architekten Daniel Libeskind. „Ein Traum“, wie Kucera einräumt, bei dem noch einige Millionen fehlen, damit er wahr werden kann.

dpa

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