Hubertussaal

Neuer Kammeroper-Streich: Hauser haut um

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André Baleiro als Kaspar Hauser – die Kammeroper München verzaubert noch bis Mitte September im Schloss Nymphenburg.

München - Ein neues Stück mit alter Musik und ernstem Thema ist bei Kaspar Hauser im Nymphenburger Hubertussaal zu erleben.

Einen Satz soll er bei seiner Entdeckung dauernd wiederholt haben: „Ein Reiter will ich werden, wie mein Vater einer war.“ Und man wundert sich, zu wie vielen Schubert-Lied-Zeilen das Metrum passt. Sogar zur bekanntesten, zum Beginn der Forelle. Auf diese Verwandtschaft muss man erst mal kommen – so wie gerade die Münchner Kammeroper.

Große Oper en miniature ist das, (orchestral) verkleinert und (szenisch) respektlos, das funktioniert bei dem Off-Ensemble seit Jahren. Ein neues Stück mit alter Musik und ernstem Thema allerdings auch, so wie bei Kaspar Hauser im Nymphenburger Hubertussaal zu erleben.

Ganz listig (und richtig) versucht man sich gar nicht an einer linearen Erzählung von diesem seltsamen Burschen, der 1828 aus dem Nichts auftauchte und 1833 ermordet wurde. Der Zweistünder ist eine Folge von Schlaglichtern, eine Rück- und Vorblende, eine Fantasie über dieses zutiefst romantische Thema – ein „Traumspiel“, wie die Urheber das selbst nennen. Die sind der ganz zurückhaltend agierende und die Ausstrahlung seiner Darsteller nutzende Regisseur Dominik Wilgenbus sowie der so findungsreiche, kluge und behutsame Schubert-Arrangeur Alexander Krampe.

Ein drehbares Gerüst, dahinter das kleine Orchester mit seinen formidablen, klang- und selbstbewussten Musikern samt Dirigent Nabil Shehata, dazu Solisten mit Hinschau- und Hinhörgarantie, eine subtile Lichtregie: Mehr braucht es nicht für diesen starken Abend.

Der hat von allem die richtige Dosis. Ein bisschen Groteske, ein wenig poetische Spielerei, vor allem aber viel von jenem eigentümlichen Zauber, der Schuberts Klänge mit dieser Geschichte verbindet. Es ist ja eine Musik, die sich in ihren Liedern und Opernhelden nach Geborgenheit sehnt. Die sich auf die Seite des Einsamen schlägt, der immer Fremdling bleiben wird, obwohl er doch, schüchtern und linkisch, nach Gemeinschaft sucht. Passt klanglich ideal zu Kaspar Hauser.

Und: Krampe und Wilgenbus meiden das billige „Erkennen Sie die Melodie?“. Was, bis auf wenige Beispiele, auch gar nicht funktionieren würde, so unbekannt ist vieles. Es gibt Zitate aus der Deutschen und der Es-Dur-Messe, viel aus dem Lazarus-Oratorium, auch Lieder, die manchmal von Krampe auf verblüffende Weise zu Duetten und Ensembles geweitet werden.

Dass bei Schubert die Stimme bloßliegt, hört man auch bei den jungen Solisten, die in Mehrfachrollen unterwegs sind. Am besten schlagen sich Bariton Philipp Jekal und die vokal schon erstaunlich reife Sopranistin Katharina Konradi. Bariton André Baleiro berührt gerade in seiner Zurückhaltung – sein Finale, wenn Kaspar Hauser ganz schlicht gestaltend, ganz zartgliedrig mit der Litanei auf das Fest Aller Seelen den Raum verlässt, so ist das einer jener Zaubermomente, die dieser Abend oft bietet.

Keine Oper, eher eine Thesen- und Stimmungssammlung über Kaspar Hauser – und das Ansbacher Findelkind und seine geheime Verwandtschaft zu Franz Schubert. Ein Verdacht erhärtet sich: Wenn der eine Kaspar-Hauser-Oper gewollte hätte, sie hätte so ähnlich geklungen.

Markus Thiel

Bis 13. September, Hubertussaal (Schloss Nymphenburg), Karten-Tel. 54 81 81 81.

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