Nur vereinzelte Kritik

Neuer Wachstums-Plan: Bald 60 Meter hohe Wohngebäude in München?

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Der Marienplatz und die Frauenkirche vor blauem Himmel in München.

Wie will München das Wachstum gestalten? Traut sich der Stadtrat, 20 bis 60 Meter hohe Wohngebäude zu genehmigen? Diese Fragen waren Thema eines Hearings. Die Antworten fielen ungewohnt einig aus.

München - London hat ein Problem. Dort merkt die Politik schon heute, dass sich viele Bürger die Stadt nicht mehr leisten können. Einkommensschwächere Schichten wandern in andere Landesteile ab, auch die Mittelschicht gerät zusehends unter Druck. Kleingartengebiete werden zu Vorstädten. „Und die Firmen klagen, dass sie keine Fachkräfte mehr kriegen, weil die sich den Wohnraum in der englischen Hauptstadt nicht mehr leisten können oder der Pendelweg zu lang ist“, sagt Professor Klaus Overmeyer aus Berlin. Der Experte für Stadtentwicklung war am Mittwoch zu einem Hearing des Stadtrates ins Rathaus gekommen. Thema: „Gestaltung des Wachstums“.

Wie soll das Wachstum gestaltet werden?

Nun ist München nicht London – aber so weit von dessen Strukturen auch nicht mehr entfernt. Stichwort: Gentrifizierung. OB Dieter Reiter (SPD) sprach eingangs von einer großen Bandbreite an Möglichkeiten. „Es gibt diejenigen, die sagen, wir müssen so viel bauen wie möglich. Die andere Seite sagt, wir schaffen es ohnehin nicht, dann lassen wir es bleiben.“ Irgendwo dazwischen müsse sich die Stadtpolitik wiederfinden: „Daher mein Wunsch nach einer gemeinsamen Haltung des Stadtrates.“

OB Reiter ärgert sich über CSU

Hintergrund sind freilich die Störfeuer aus den Stadtvierteln. Reiter ist immer noch verstimmt, da die CSU im Rathaus stets die Beschlüsse mittrage, vor Ort aber Stimmung gegen Bauprojekte mache. So hatte etwa der Landtagsabgeordnete Robert Brannekämper (CSU) die Planungen für den Prinz-Eugen-Park als Plattenbau bezeichnet. Und beim Campus Süd wehrt sich Bundestagskandidat Michael Kuffer (CSU) beharrlich gegen die sogenannten Hochpunkte mit 13 Etagen. Reiter will daher eine Diskussion fernab der Dauerwahlkampfsituation. Das Thema sei zu wichtig, sagt er.

So solle der Stadtrat sich entscheiden, ob er Hochhäuser wolle und ob es einen Plan brauche für die gesamte Entwicklung der Stadt. Traue man sich noch, Trabantenstädte zu errichten, wie einst in Neuperlach? Und wie ist die Haltung des Gremiums zu Mischgebieten aus Wohnen und Gewerbe?

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Befürchtung: Alles, was über 60 Meter hinausgeht, wird teuer

SPD-Fraktionschef Alexander Reissl wies darauf hin, dass die Stadt kaum Steuerungsinstrumente habe, um den Zuzug zu begrenzen. „Wir werden weiter Wohnungen bauen müssen. Wenn wir damit aufhören, werden die Pendlerströme mehr, die Wege länger.“ Mit Hochhäusern werde man das Wohnraumproblem aber nicht lösen. Alles, was über 60 Meter hinausgehe, werde teuer – und die Wohnungen würden mithin unbezahlbar. Vorstellen könne er sich 20 Meter hohe Häuser an geeigneten Standorten.

Zudem, so Reissl, solle die Stadt ruhig den Mut aufbringen, dichter zu bauen, an die Grenze dessen zu gehen, was das Planungsrecht zulässt. „Auf dem Viehhof-Gelände sind 420 Wohnungen geplant. Das ist mir zu wenig ambitioniert.“

Paul Bickelbacher.

Paul Bickelbacher (Grüne) ergänzte, dass die Stadt den Bedarf niemals werde decken können. „Da brauchen wir uns nicht in die Tasche zu lügen. Wir können ihn allenfalls abmildern.“ Wenn man nun dichter und kompakter baue, dann müsse aber auch die Qualität stimmen. In dem Zusammenhang sei es wichtig, lässliche Verkehrs- in Freiflächen umzuwidmen. „Kleine Seitenstraßen, die nicht mehr gebraucht werden.“ Er schlug zudem vor, in einem Plan festzulegen, wo nicht mehr gebaut oder nachverdichtet wird. „Das ist sehr gut, um die Bürger mitzunehmen“, so Bickelbacher.

„Nicht jeder will in Haidhausen oder der Maxvorstadt leben“

Michael Mattar.

Michael Mattar (FDP) stimmte zu, dass kompakter gebaut und mehr gestapelt werden müsse. „Einzelhandel mit riesigen Parkflächen zuzulassen, war ein Fehler.“ Die Menschen bräuchten aber auch Alternativen. „Nicht jeder will in Haidhausen oder der Maxvorstadt leben. Daher müssen wir die Gartenstädte schon im Auge behalten. Aber neue Einzelhaussiedlungen können wir uns nicht mehr leisten.“ Zudem brauche es eine weitere Kooperation mit der Region.

Walter Zöller (CSU) sagte, er habe in 45 Jahren selten so viel Einigkeit im Stadtrat erlebt. Die Kritik von Reiter an den Viertel-Protesten wollte er dennoch nicht so stehen lassen. „Man kann nicht die Rechte der Bezirksausschüsse stärken und dann beklagen, dass die ihre Dinge machen.“ Der Stadtrat müsse das Rückgrat haben, das auszuhalten.

Walter Zöller, Planungs-Experte der CSU.

Hochhäuser kann sich Zöller vorstellen. Die 100-Meter-Marke sei nicht sakrosankt. „Ich sehe nicht ein, warum außerhalb des Mittleren Rings kein Hochhaus entstehen könnte, wenn es ein privater Investor baut. Ich kenne nur keinen.“ Man müsse nun nach außen transportieren, dass München wieder offen ist für solche Ideen. Auch wenn Zöller wohl selbst nicht damit rechnet: „Alles über 60 Meter wird unwirtschaftlich.“

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