Am Sonntag feiert er Geburtstag

Der älteste Münchner (108): Meine lange Reise durchs Leben

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Robert Winterstein feiert den großen Tag in seiner Wohnung – OB-Gattin Petra Reiter kommt zu Besuch.

München - Wahnsinn: Robert Winterstein ist Jahrgang 1907. Am Sonntag feiert der älteste Münchner seinen 108. Geburtstag. Die tz besuchte ihn und warf einen Blick in sein Familienalbum.

Vater und Mutter Schick: Die Eltern zu Besuch in Gotha, wo Robert Winterstein lange als Elektrotechniker gearbeitet hat. Vater Josef war Schneidermeister und – ebenso wie die Mutter Minna – Jahrgang 1864.

Goethe? „Nein, den habe ich persönlich nicht mehr kennengelernt.“ Robert Winterstein hat sich Zeit gelassen mit der Antwort. Einen Moment lang fragt man sich, ob er das gerade ernst meint und rechnet nochmal nach. Johann Wolfgang von Goethe: gestorben 1832. Robert Winterstein: geboren 1907. Da huscht ein Grinsen über das faltige Gesicht, der Schalk blitzt Robert Winterstein aus den blauen Augen. Humor hat er noch immer.

Als die tz Robert Winterstein in seiner Nymphenburger Wohnung besucht, öffnet Sohn Michael (65) die Tür: „Papa sitzt in der Küche. Er kommt gleich.“ Man nimmt Platz im Balkonzimmer, Kaffee und Kekse stehen bereit. Nach zehn Minuten tönt es aus der Küche: „Sind die Gäste noch da?“ Dann betritt der Hausherr das Zimmer, grüner Pullover, braune Cordhose, an der linken Seite baumelt ein Katheter. Tief gebeugt, setzt er langsam einen Fuß vor den anderen, Sohn Mike stützt ihn.

Kein Fleisch, kein Alkohol "Das Foto muss aus Papas Schulzeit stammen“, sagt Sohn Mike Winterstein. Robert Winterstein erinnert sich nicht. Sein Kommentar: „Da war ich wohl zehn Jahre jünger als heute!“ Mit 20 Jahren wird er Vegetarier, Alkohol hat er nie getrunken.

Dabei haben ihn seine Beine weit getragen: Durch das Kaiserreich, die Weimarer Republik, das „Dritte Reich“, durch das geteilte und wiedervereinigte Deutschland. 1907 in Chemnitz geboren, entdeckt der Bub früh seine Leidenschaft für Technik. Stundenlang beobachtet er die Lokomotiven, die durch den Ort rollen. Vier Jahre Volksschule, sechs Jahre Oberrealschule, danach zwei Jahre eine Lehre als Elektriker. Die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg sind vage – Ausnahme: Bruder Willy kehrt nicht wieder heim.

Hinaus in die weite Welt 1928 ist sein Wanderjahr: Robert Winterstein durchquert die Weimarer Republik. Stationen sind u.a. (siehe Karte): Leipzig, Thüringer Wald, Hamburg, Kiel, Müritz, Berlin. Insgesamt entstanden dabei 38 Zeichnungen.

Mit 21 Jahren zieht es Winterstein hinaus in die Welt. 1928 wird sein Wanderjahr, quer durch die Weimarer Republik. „Wo es mir gefiel, blieb ich.“ Die treusten Begleiter: Ein Stoß dicker Papierblätter, ein Bleistift mit weicher Miene und ein Taschenmesser zum Spitzen. Wenn ihn ein Ort berührt, setzt sich Winterstein auf einen Baumstumpf und zeichnet.

Die Zeichnungen hat Robert Winterstein noch heute. Wenn er das Album in Händen hält und erzählt, reibt er die Ecken unablässig zwischen den Fingern – so, als wolle er noch den letzten Tropfen Erinnerung aus den Seiten pressen. Eine Zeichnung zeigt eine Windmühle in Norddeutschland: „Ah, Windkraftwerke sind ja jetzt auch wieder aktuell.“ Das letzte Bild seiner Reise: der Funkturm in Berlin.

Robert genießt die Aussicht auf den Wilden Kaiser.

1934 trifft er seine spätere Gattin, Gertrud. Sie schaltete eine Annonce in einer Zeitschrift, er fasst sich ein Herz, die beiden schreiben sich Briefe. Erstes Treffen: Wandern am Wilden Kaiser. Bald ziehen sie nach Graz. 1944 muss Winterstein in den Krieg. Er gerät in russische Kriegsgefangenschaft, auf einem Gefangenenmarsch gelingt ihm die Flucht. 1949 heiratet er in Salzburg.

1955 zieht Winterstein mit Frau und Söhnen nach München. Er arbeitet bei den Isar-Amper-Werken. Drei Jahre später die Diagnose: Gertrud leidet an Multiple Sklerose (MS), ist bald an den Rollstuhl gefesselt. Vater und Sohn pflegen sie, bis sie 1986 stirbt. Seitdem lebt Robert Winterstein allein in seiner Wohnung. Jeden Tag sieht ein Pflegedienst nach dem Rechten, Sohn Mike kommt immer um 11 Uhr. Vor bald 30 Jahren hat Mike für seinen Papa einen Platz im Seniorenheim reserviert – vorsorglich. Die Reservierung hat er mittlerweile wieder storniert. „Papa soll sich wohlfühlen. So lange er lebt.“

Tobias Scharnagl

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