108-Jähriger hat schon alles gesehen

Das wünscht sich der älteste Münchner für das neue Jahr

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Robert Winterstein mit seinem Sohn Michael.

München - Robert Winterstein hat den Kaiser erlebt, den Weltanzünder Hitler, Adenauer, Brandt und Schmidt. Robert Winterstein ist 108 Jahre alt und der älteste Münchner. Wir sprachen mit ihm.

Er hat nicht nur Männer gesehen, die Geschichte geschrieben haben, sondern auch viel Leid. Zwei große Kriege, Brüder sind nicht wieder heimgekehrt, Freunde gestorben. Einhundertacht, die Zahl ist schwer zu fassen. Allein das ewig Wiederkehrende: 108 Mal Geburtstag haben, 108 Mal Weihnachten feiern. Jetzt steht das 108. Silvester an. Zeit, Robert Winterstein wieder einen Besuch abzustatten.

Früher ist Robert Winterstein durchs ganze Land gewandert – heute ist die Leselupe sein Fenster zur Welt.

„Willkommen, meine Herren. Kennen wir uns?“ Robert Winterstein sitzt am Küchentisch, vor ihm ein dampfender Teller Suppe. „Papa hat ein wenig abgebaut seit dem letzten Mal“, sagt Sohn Mike. Zuletzt waren wir im September hier. Wir werden ins Balkonzimmer gebeten. Wenige Minuten später erscheint der Hausherr – zu Fuß, nicht im Rollstuhl. Robert Winterstein trippelt zum Sofa, dreht sich um 180 Grad und lässt sich behutsam nieder. Auf die grüne Wolldecke, seinen Stammplatz. Er schnauft tief durch. Dann blicken seine blauen Augen fragend in die Runde.

Herr Winterstein, wie geht es Ihnen?

Robert Winterstein: Die Frage ist nicht einfach zu beantworten. Ich lebe in einer wunderbaren Wohnung in Nymphenburg. Aber ich höre nicht gut. In der Beziehung würde ich sogar sagen, schlecht. Auch meine Augen sind nicht mehr zu 100 Prozent in Ordnung. Schmerzen habe ich keine.

Die langen, dünnen Finger tasten nach seiner Leselupe. Ein Auge ist nahezu blind. Das Hörgerät piepst schrecklich laut. „Haben Sie eine Visitenkarte?“ Kritisch hebt er eine Braue und studiert das Kärtchen. Dann nickt er.

Was wünschen Sie sich für 2016?

Winterstein: Das Wichtigste ist, gesund zu bleiben. Außerdem will ich mit Michael weiter so familiär leben wie bisher.

Bilder aus einer fernen Zeit: Robert Winterstein als Schulbub.

Nach wie vor wohnt Winterstein allein. Nicht im Altersheim, sondern zu Hause. Sohn Michael kommt jeden Tag, wenn der Pflegedienst die Wohnung verlässt. Silvester verbringt er zu Hause. Falls er nicht einschläft, beobachtet er das Feuerwerk vom Fenster aus.

Schmieden Sie noch Pläne für die Zukunft?

Winterstein: Ich habe keinerlei Pläne. Man weiß ja nicht, was die Zukunft bringt. Zum Beispiel in der Politik. Oder was sich am Sternenhimmel abspielen wird. Oder bei den Luftfahrzeugen. Vielleicht zieht mal wieder ein Luftschiff vorbei!

Die Technik hat den gelernten Elektriker immer fasziniert. Manchmal packt ihn die alte Leidenschaft, er wechselt dann abrupt das Thema. Jetzt erzählt er von einem Zeppelin, den er einmal am Münchner Himmel sah. Als Kind hat er in seiner Heimatstadt Chemnitz stundenlang Lokomotiven beobachtet.

War das Ihre schönste Zeit, die Kindheit?

Winterstein: Schwer zu sagen. Vielleicht, ja. Die Schulzeit war zum großen Teil interessant. Der Kunstlehrer hieß Herr Kunert, ein guter Mann.

Herr Kunert war es, der dem jungen Robert das Zeichnen lehrte. Mit 21 ist Winterstein hinaus in die Welt, 1928 wurde sein Wanderjahr. Immer im Rucksack: Ein Stoß Papierblätter, ein Bleistift mit weicher Mine und ein Taschenmesser zum Spitzen. Die Orte, die Winterstein gefielen, hat er gezeichnet. Heute füllen die Bilder ein dickes Album.

Sind die 108 Jahre eigentlich schnell vergangen?

Winterstein als Wandersmann, im Hintergrund erhebt sich der Wilde Kaiser.

Winterstein: Das kommt darauf an. Darauf, in welcher politischen Zeit man war. Manches war interessant, anderes weniger. Wichtig und maßgeblich war für mich immer das, was in der Zeitung stand.
Noch heute durchforstet Winterstein jeden Morgen den Blätterwald. Er setzt sich dann an den Küchentisch, hebt seine Leselupe und schaut, ob die Welt sich noch dreht.

Packt Sie manchmal die Angst bei all den Krisen?

Winterstein: Wir dürfen niemals vergessen: Wir sind alle Europäer! Sorgen macht mir, was wir unserer Umwelt antun. Es fahren zu viele Autos, sie zerstören unsere Atmosphäre. Wir müssen aufpassen auf unsere Welt!

Von Winterstein geht eine tiefe Ruhe aus. Er schimpft selten, lamentiert nicht, jammert nie. Bevor er antwortet, schließt er oft lange die Augen. In manchen Momenten wirkt er fahrig, dann wieder klar. Als der Besuch zu Ende geht, wird Winterstein noch einmal lebhaft. „Wir wollen unsere Zukunft zusammen erleben, Michael, etwas unternehmen!“, ruft er. „Wie gern würd’ ich zum Westpark wandern!“ Er blickt zum Rollstuhl in der Ecke. „Oder vielleicht besser: fahren.“

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