Hobbygarten „O’pflanzt is“ 

Für neue Wohnungen: Dieses Paradies steht vor dem Untergang

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Grünes Idyll mit Verfallsdatum: Almut Schenk und ihre Mitgärtner müssen die Anlage aufgeben.

Im privaten Stadtgarten „O’pflanzt is“ erschufen Hobbygärtner den Ort, den sie in der Großstadt immer vermisst haben. Doch jetzt müssen sie weichen – und mit ihnen der Garten.

Erdbeerpflanzen wachsen in Einkaufswagen, Kapuzinerkresse blüht in improvisierten Hochbeeten aus Paletten. In Schwabing, in der Nähe des Olympiaparks, haben naturverbundene Münchner aus 3300 Quadratmetern Brache einen blühenden Garten gemacht. „O’pflanzt is“ haben sie ihr kleines Paradies genannt. Als die Hobbygärtner das Gelände 2011 gepachtet haben, war hier nur Schotter. Der steinige Boden bringt nur Gras und ein paar Büsche hervor. Doch jetzt wachsen hier Tomaten, Bienen summen und Vögel zwitschern.

Obwohl die nahe Straße noch zu hören ist, ist es ein Ort der Erholung. „Es ist wie eine Insel in einer Großstadt: Es ist total ruhig, es gibt Tiere, die man sonst in der Großstadt nicht hat“, erzählt Hobbygärtnerin Julia Winter. Man könne hier viel tun, ohne dass einem jemand Vorschriften macht. „Manchmal sitze ich nur in der Sonne, genieße die Vogelstimmen, die Natur und tue nichts“, sagt Winter. „Manchmal arbeite ich ganz viel. Es geht eben beides.“

Bei „O’pflanzt is“ geht es aber nicht nur um Erholung. Fast alle Pflanzen im Garten sind essbar. Die Großstadtgärtner genießen es, Gemüse anzubauen, statt es immer nur im Supermarkt zu kaufen. „Für mich ist es total befriedigend, wenn das Abendessen vom Garten auf den Tisch kommt: Dinge, die man selber gezogen hat und dann selber essen kann“, sagt Sophia Müller. Die Gemeinschaft spielt im Garten eine wichtige Rolle. Die Beete gehören nicht einzelnen Gärtnern, sondern alle bewirtschaften sie gemeinsam. Nur für die Kinder gibt es ein eigenes Beet.

Den Gärtnern ist es wichtig, immer offen für alle zu sein. „Jeder kann einfach zur Tür hereinspazieren und mitmachen“, sagt Vorstand Almut Schenk. „Wir unterscheiden uns von vielen Gärten dadurch, dass wir uns sozial engagieren und Kurse anbieten.“ Bis zu 150 Veranstaltungen seien es im Jahr. Einmal pro Woche gebe es kostenloses Kinder- und Familienprogramm, außerdem jeden Monat einen Heilpflanzenkurs. „Die meisten Sachen kosten gar nichts und jeder kann mitmachen“, sagt Schenk.

Doch dem Paradies droht der Untergang. Der Freistaat, von dem die Gärtner das Grundstück gepachtet haben, will hier Wohnungen für Beamte bauen. Bis Ende dieses Jahres muss der Verein das Gelände räumen. „In zweieinhalb Monaten muss hier alles leer sein“, sagt Almut Schenk. „Für uns ist das im Moment überhaupt nicht vorstellbar.“ Nach der Schockstarre fange man jetzt an, sich zu organisieren und nach einem neuen Grundstück zu suchen. „Es kommen extrem viele Ideen und Hilfsangebote“, sagt Schenk. „In den nächsten Wochen wird sich zeigen, ob es weitergeht oder nicht.“

Ein passendes Grundstück zu finden, wird extrem schwierig. Kaum etwas ist in München so knapp wie Platz, und die Immobilienpreise steigen immer weiter. Schenk schätzt, dass das Areal von „O’pflanzt is“ inzwischen mindestens 10 Millionen Euro wert ist. Die Gärtner machen sich kaum Hoffnung, ein ähnlich großes Grundstück zu finden. Und selbst wenn: Ihr Biotop wird nicht einfach umziehen können. „Da geht es nicht nur um die selbst gebauten Beete, sondern um die Tiere“, erklärt Julia Winter. „Hier leben dreißig bis vierzig Arten Wildbienen. Spätestens wenn der erste Bagger anrollt, werden die hier alle plattgemacht.“ Genauso werde es den Wildkaninchen ergehen und den vielen Vögeln, die im Garten nisten.

Wütend sind die Gärtnerinnen trotzdem nicht. Sie wissen, dass die Wohnungen dringend gebraucht werden. „Mich macht es einfach traurig, wenn ich die Hummeln rumfliegen sehe und denke: Die werden das nächste Frühjahr nicht erleben“, sagt Winter. Für die Gärtner ist besonders schwierig, dass sie wohl im Winter umziehen müssen. „Sobald der Boden gefroren ist, wird es immens schwierig, die Pflanzen überhaupt aus dem Boden zu bekommen“, sagt Winter. Deshalb hoffen die Gartenfreunde auf ein Grundstück, das sie noch vor dem ersten Frost beziehen können – oder auf einen Aufschub bis zum Frühjahr.

Von Sören Götz

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