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Verlagsgründerin gestorben

Eine beeindruckende Münchnerin: Trauer um Aenne Hirmer

Ein Leben für Kunstbücher: Aenne Hirmer an ihrem Schreibtisch in Nymphenburg.

München und die Kunstwelt trauern um Aenne Hirmer, die den Münchner Hirmer Verlag mitbegründet hat und nun im Alter von 105 Jahren gestorben ist. Ein Nachruf.

München - Wer das Glück hatte, in den vergangenen Jahren einmal Gast bei Aenne Hirmer gewesen zu sein, der war – ob er nun wollte oder nicht – beim Abschied aus ihrem Zuhause in Nymphenburg vor allem eines: beeindruckt. Beeindruckt vom Charme, Witz und vom im Laufe eines langen Berufslebens erworbenen Fachwissen dieser zierlichen, vornehmen Dame. Beeindruckt von ihrer Wachheit, ihrer Neugierde: Mit der täglichen Zeitungslektüre informierte sie sich über das Weltgeschehen. Und beeindruckt von ihrer Disziplin. „Wenn man im Alter anfängt nachzulassen, ist es vorbei“, war ihr Credo – ihre täglichen Spaziergänge am Vormittag (mindestens eine halbe Stunde!) waren der Beweis, dass sie meinte, was sie sagte. Jetzt ist Aenne Hirmer im Alter von 105 Jahren gestorben.

Geboren wurde sie 1912 im Ruhrgebiet. Ihr Vater war Bergmeister im Staatsdienst und leitete ein Kohlebergwerk, die Mutter kümmerte sich um die drei Kinder. Aenne lernte bereits im Alter von zehn Jahren Max Hirmer (1893-1981) kennen – 1934 heiratete sie ihren Schwarm aus Kindertagen. Das Paar zog nach München, wo Max Hirmer seit 1928 als Botanik-Professor lehrte. Ihr Mann habe „immer offen seine Meinung gesagt“, erzählte Aenne Hirmer einmal – eine Offenheit, die ihm in Nazi-Deutschland den Lehrstuhl kostete: 1936 wurde er wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ geschasst. In seinem Beruf konnte Max Hirmer fortan nicht mehr arbeiten, die Eheleute zogen sich zurück. 1939 kam ihr Sohn zur Welt, die beiden Töchter folgten 1942 und 1943. „Im Nachhinein habe ich mir oft gedacht, ich muss verrückt gewesen sein, gerade während der schwierigsten Jahre Kinder in die Welt zu setzen“, erinnerte sich Hirmer einmal im Gespräch mit unserer Zeitung.

Die kleine Aenne wuchs im Ruhrgebiet auf.

Nach dem Krieg wagten Max und Aenne Hirmer einen Schritt, von dem München und sein Ruf als Verlagsstadt bis heute zehren: Mit 40 Mark Startkapital gründeten sie den Hirmer Verlag. Wenige Tage nach der Währungsreform am 20. Juni 1948 lag die Genehmigung auf dem Tisch. Deutschland war Trümmer-Land, und ein junges Paar in München gründet dennoch einen Kunstbuchverlag? Ja, gab Hirmer einmal zu, das sei ein „wahnsinniges Risiko“ gewesen. Aber den Gedanken, dass ihr Projekt scheitern könnte, den „hab’ ich verdrängt“.

Die Hirmers waren bis zur Selbstausbeutung engagiert – und sie waren findig: Da Papier im Unterschied zu Fotopapier rationiert war, erinnerte Max Hirmer sich an seine Begeisterung und sein Talent fürs Fotografieren. Also brachte der junge Verlag zunächst handliche Fotomäppchen heraus mit Aufnahmen von bayerischen Barockschlössern und -kirchen – zehn Bilder, ein kurzer kunsthistorischer Text, die Serien wurden von den Hirmer-Kindern gelegt. Damit begann die Geschichte eines der heute international renommiertesten Kunstbuchverlage.

Im Jahr 1950 war es endlich so weit: „Die Wies“ war bereits Thema eines Fotomäppchens, nun machten die Hirmers die berühmte Rokokokirche im Pfaffenwinkel, die inzwischen auch Unesco-Weltkulturerbe ist, zum Thema ihres ersten richtigen Buchs: „Mein Mann und ich hatten die Wieskirche einfach ins Herz geschlossen.“ Die Erstausgabe des Bandes erfreut sich bei Bibliophilen bis heute großer Beliebtheit.

Das Buch über die „Griechischen Vasen der reifarchaischen Zeit“ markierte 1953 einen weiteren wichtigen Schritt in der Verlagsgeschichte: Bis dato wollten Archäologen stets die Aufnahmen kompletter Objekte. Das verzerrte die Vasenmalerei aber, was Max Hirmer störte. Also hat er in der Mittagspause der Wissenschaftler Einzelheiten der Artefakte fotografiert, die er freilich nicht zur Freigabe vorlegte. Die sahen seine Auftraggeber erst im gedruckten Werk: „Heute sind Detaildarstellungen in der Archäologie gang und gäbe. Damals hat dieses Buch kolossales Aufsehen erregt.“ Es war Hirmers Eintrittskarte für den internationalen Markt. Ein gut gemachtes Kunstbuch, davon war Aenne Hirmer überzeugt, kann einen Museumsbesuch zwar nicht ersetzen. Aber es kann „den Menschen ein Werk noch näherbringen, als es bei einem Besuch im Museum der Fall ist“. Dieser Anspruch gilt für den Verlag bis heute.

Das alles liest sich leicht, doch darf man nicht vergessen, dass Aenne Hirmer nicht nur die Arbeit hatte. Ihre Tätigkeit in den Anfängen beschrieb sie einst als „Mädchen für alles“. Zudem galt es, die Kinder großzuziehen. Man kann nur erahnen, wie zerrissen sie sich manchmal zwischen Familie und dem Unternehmen gefühlt haben muss.

Nachdem sich der Verlag etabliert hatte, verlegte sich Aenne Hirmer aufs Lektorieren, auf die Arbeit mit den Autoren an Texten. Eine Tätigkeit, die sie erfüllte: „Es ist ja nicht unbedingt nur Arbeit. Es ist viel Freude dabei.“ Und das ist eine Bemerkung, die viel verrät über das Leben dieser beeindruckenden Frau.

Zum 105. Geburtstag hat der Münchner Merkur Aenne Hirmer getroffen. Hier können Sie das Interview nachlesen.

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