Eiskalte Aktion

Im Nachthemd: Klinik setzt Patientin vor die Tür

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Funda Cam (31, ganz re.) ihre Mutter, Schwester und eine Bekannte sind sauer, dass Nadja Stieler (will nicht erkannt werden) so behandelt wurde.

München - Was für eine herzlose Aktion! Eine Patientin wurde mit dem Verdacht auf Herzinfarkt in die Klinik „Dritter Orden“ eingeliefert. Doch wenig später wurde sie in der Bitterkälte wieder rausgeschickt - im Nachthemd.

Der Schnee knirscht, eisige Kälte liegt in der Luft. Nadja Stieler (46, Name geändert) tippelt im geblümten, dünnen Nachthemd mit ihren Katzen-Hausschuhen vor die Krankenhaustür. Sie zittert. So soll sie nun nach Hause gehen? Unvorstellbar. Aber: Das Klinikum Dritter Orden hat seine Patientin tatsächlich so vor die Tür gesetzt!

Nadja Stieler fühlt sich am Sonntag nicht gut. „Plötzlich habe ich einen Druck auf der linken Brustseite gespürt und keine Luft mehr bekommen.“ In Todesangst ruft sie den Notarzt. Die Rettungskräfte geben eine Infusion und fahren sie zur Sicherheit ins Krankenhaus. Der Verdacht: Herzinfarkt! Stieler erinnert sich: „Ich habe gefragt, ob jemand Kleidung mitnehmen kann. Die meinten, das sei nicht nötig …“

40 Minuten steht sie im kalten Empfangsraum

Nadja Stieler wird untersucht. Entwarnung: kein Herzinfarkt! Gegen 20 Uhr erhält sie den Entlassungsbrief. „Der Pfleger meinte, ich soll mir ein Taxi rufen. Ich hatte aber nur 15 Euro dabei – außerdem war ich fast nackt und hätte mich so gar nicht in ein Taxi getraut! Noch dazu bei diesen eisigen Temperaturen!“ Jemand legt ihr eine dünne Decke über die Schultern, das war’s. Man habe sie an die Information an der Pforte verwiesen, so Stieler. „Aber auch da fühlte sich keiner zuständig.“

So wurde Nadja Stieler aus der Klinik entlassen - bei O Grad!

40 Minuten steht die Kinderpflegerin kaum bekleidet im kalten Empfangsraum. Nadja Stieler erreicht ihren Mann auf dem Handy, doch der hat Nachtschicht und kann nicht kommen. In ihrer Not wendet sie sich an eine Familie, die gerade auf den Ausgang zusteuert. Eine der Töchter, Funda Cam (31) aus Haar, erinnert sich: „Die Frau war total hilflos und hat am ganzen Körper gezittert. Ich konnte das alles erst gar nicht glauben.“ Aber die Dame an der Information bestätigt ihr, dass man nicht helfen könne.

„So darf man doch nicht mit Menschen umgehen“, sagt die Sekretärin, die ihre Schwester in der Klinik besucht hat. „Ich verstehe, dass die Klinik kein Taxi bezahlen kann. Aber man hätte der Dame doch einen warmen Raum anbieten können …“

Funda Cam und ihre Familie packen die durchgefrorene Nadja Stieler in ihr Auto und fahren sie heim. Zwei Tage später hat Nadja Stieler Erkältung und Fieber. „Kein Wunder nach diesem Vorfall. Ich bin sehr enttäuscht. Aber ich danke Gott, dass es so nette Menschen wie diese Familie gibt.“ 

Das sagt die Klinik

Ist die Klinik im Recht? „Ja“, sagt der Münchner Fachanwalt für Medizinrecht, Johannes Falch. Die Kliniken hätten zwar eine Garantenstellung, das heißt, der Patient dürfe nicht sich selbst überlassen werden. „Ein gesunder Patient mit Entlassungsbrief, der nicht betreut werden braucht, muss sich allerdings selbst um die Heimreise kümmern.“ Wenn eine Heimfahrt mit dem Krankentransport oder Taxi medizinisch notwendig sei, übernehme die Kasse die Kosten. Moralisch gesehen ist dieser Fall freilich nicht in Ordnung. Deshalb entschuldigt sich das Klinikum Dritter Orden „in aller Form“ und spricht von einem Missverständnis. Üblicherweise würden sich Notaufnahme-Mitarbeiter um die Heimfahrt kümmern.

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