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München 2040 - Die Stadt der Zukunft

Technik-Sensation aus München: Pflegt uns bald dieser Roboter? 

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Essen ausfahren, Spülmaschine einräumen, ein Spiegelei braten: Das alles kann „Garmi“ schon, sagt sein Entwickler Simon Haddadin. 

München, unser München. Stadt der Gemütlichkeit, Stadt reicher Tradition. Aber auch: München, die Zukunftsschmiede! Wo wird die Stadt 2040 stehen? Mit dieser Frage beschäftigen wir uns in unserer großen Serie. Heute geht es um das Alter.

München - Mitten in Schwabing, in den Räumen des Start-up-Unternehmens Franka Emika, beginnt gerade die Zukunft. Hier, hinter den gelben Fassaden der ehemaligen Luitpold-Kaserne, haben die Wissenschaftler Sami (37) und Simon (31) Haddadin sowie Sven Parusel (32) einen sensiblen und leicht zu programmierenden Roboter entwickelt, dessen Fähigkeiten weit über die herkömmlicher Industrieroboter hinaus gehen. Die Entwicklung, für die die Forscher gerade mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnet wurden, könnte auch die Zukunft der Pflege verändern.

„Garmi“ heißt der Roboter, eine Kurzform für Garmisch-Partenkirchen, wo der Helfer-Roboter als Erstes zum Einsatz kommt. 1,40 Meter ist er groß, hat einen Kopf, der aussieht wie ein Astronautenhelm, zwei Greifarme und einen Unterbau mit versteckten Rädern.

Roboter dieser Art gibt es derzeit weder in den USA noch in Japan. Etwa 40 000 Euro pro Stück wird der Roboter der neuen Generation kosten. „Robotik und künstliche Intelligenz verändern unsere Welt grundlegend wie nur wenige Technologien vor ihr“, glaubt Professor Sami Haddadin, der im April einen eigenen Lehrstuhl an der Technischen Universität München bekommt.

Noch 2018 soll Garmi losrollen, als braver Diener in einer betreuten Wohnanlage für Senioren – eben in Garmisch-Partenkirchen. Der Roboter, der anfangs noch teils ferngesteuert und ständig überwacht wird, soll dort Essenstabletts ausfahren und Bewohnern einfache Haushaltsaufgaben abnehmen. Die Spülmaschine einräumen, Kaffee kochen, ein Spiegelei braten. „All das kann er schon“, sagt Simon Haddadin.

Gestatten: Garmi, der Pflege-Roboter.

Neue Bewegungsabläufe lernt Garmi in zehn Minuten. Die Maschine ist hochsensibel. Sie reagiert auf leichten Kontakt und zeigt menschenähnliche Reflexe. So verhindert sie, dass jemand verletzt wird.

Klar: Die Menschen sind noch skeptisch. Sie kennen Hollywoods Horrorvisionen von Maschinen, die die Macht übernehmen. Menschliche Zuwendung, so viel ist auch den Machern von Franka Emika klar, kann man natürlich nicht durch Roboter ersetzen. Fakt ist zudem: Der Roboterarm kann nicht mehr als drei Kilogramm stemmen. Um einen Menschen umzubetten, in die Wanne zu heben oder anzuziehen, fehlt Garmi schlicht die Kraft.

Und doch könnte der Alltagshelfer sehr wichtig werden. Denn die Zahl alter und pflegebedürftiger Menschen wird in den kommenden Jahren weiter steigen. Simon Haddadin hofft, dass Garmi Pflegekräfte so weit entlasten kann, dass die wieder mehr Zeit für Pflege und Fürsorge haben. Darüber hinaus könnte der Assistenz-Roboter dafür sorgen, dass ältere Menschen länger zu Hause leben können.

In Zukunft, so schätzen Experten, könnten rund 25 Millionen lernfähige Roboter-Assistenten weltweit im Einsatz sein. Haddadins Ziel: 10 bis 20 Prozent von ihnen sollen aus dem Münchner Entwicklungszentrum in Schwabing kommen.

München 2040: Wie die MVG den drohenden Verkehrskollaps verhindern will

Die Senioren-WG: Mit Sicherheit nicht allein

Für Erna Öttl (79) ist ihre 40-Quadratmeter-Wohnung in der Nähe des Ackermannbogens ein Volltreffer. Hier, in der Hausgemeinschaft des Fördervereins „Nachbarschaftlich leben für Frauen im Alter“, hat sie nicht nur erschwinglichen Wohnraum gefunden. „Ich zahle 500 Euro warm“, sagt Öttl. „Und ich habe Anschluss zu anderen Frauen, die auch allein leben.“

Glücklich auf 40 Quadratmetern: Erna Öttl (79) lebt seit 2007 in der Hausgemeinschaft mit sieben weiteren alleinstehenden Frauen.

Das ist das Besondere an den inzwischen vier Seniorinnen-WGs, die die Vereinsvorsitzende Christa Lippmann und ihre Mitstreiterinnen seit 1997 in München ins Leben gerufen haben: Die Frauen haben ihre eigene Wohnung, schließen sich aber zu einer Gemeinschaft zusammen, die füreinander da ist.

„Für mich ist die Sicherheit das Wichtigste“, sagt Öttl. „Dass jemand da ist, wenn ich Hilfe brauche.“ Die verwitwete Rentnerin erzählt von so einem Fall, der sich kürzlich in der WG zugetragen hat. Eine der acht Frauen habe abends angerufen, starke Schmerzen gehabt. Öttl ging runter zu ihr, rief den Notarzt. Gemeinsam besuchen die Frauen aber auch Kulturveranstaltungen oder treffen sich im Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss des Hauses.

Immer mehr ältere Münchner müssen mit einer Mini-Rente auskommen. „Ältere Frauen fallen im Kampf um bezahlbare Wohnungen oft hinten runter“, sagt Lippmann. Die WG-Frauen haben einen Berechtigungsschein, zahlen dank München-Modell eine verträgliche Miete. Im Haus am Ackermannbogen sind die Wohnungen zwischen 40 und 54 Quadratmeter groß. 1997 ging das erste Wohnprojekt in Pasing an den Start, Vermieterin ist die evangelische Kirche. Zehn Jahre später folgte die Gemeinschaft am Ackermannbogen, die Wohnungen hier gehören Privateigentümern. Die neuesten Projekte findet man in Gern sowie in einem Haus in der Fasanerie. In Planung ist eine WG an der Arnulfstraße, die Ende 2018 bezugsfertig ist.

Wer in eine Hausgemeinschaft einziehen will, wird zu Treffen geladen. Die Psychologin Angela Lang hat die Damen am Ackermannbogen auf ihr Zusammenleben vorbereitet. „Konflikte“, sagt Lang, „gibt es hier wie überall.“ Lang betreut die WGs nach dem Einzug weiter.

Die Seniorinnen-Gemeinschaft sehen alle hier als Zukunftsmodell. „Finanziell, weil hier nur Miete anfällt und keine Betreuungskosten wie im Heim“, sagt Lippmann. Aber auch von der Lebensqualität her. „Unsere Frauen sind autark und doch in einer Gemeinschaft.“ So lasse sich niemand gehen. „Es kann immer eine bei der anderen klingeln, da öffnet man nicht im Nachthemd“, sagt Erna Öttl. Dass sie sich helfen und, wenn sie Pflege brauchen, einen ambulanten Dienst engagieren, entlaste auch die öffentlichen Kassen. „Wer ins Heim geht und kein Geld hat, für den zahlt der Staat große Summen“, sagt Öttl.

Lippmann, die gerade den Bayerischen Verdienstorden bekommen hat, würde gerne ­weitere Wohnprojekte gründen. „Wir werden von allen Seiten gelobt, bekommen aber fast nie neue Wohnungen“, sagt die Wirtschaftspsychologin. Aufgeben wird sie aber nicht. „Wir glauben daran, dass unser Modell Zukunft hat.“

München 2040:

Dieter Reiter im Interview über Pendler, Mietpreise und Rentner

Pfleger klagen: Uns droht der Kollaps - Schon im Jahre 2030 fehlen 4200 Pflegekräfte

Pflegekräfte denken über Ausstieg nach

Geht es um das Thema Pflege, sieht die Zukunft nicht rosig aus. Die Zahl der Bedürftigen in München wird in den kommenden Jahren stark steigen. Gleichzeitig gehen der Stadt die Fachkräfte aus. Nachwuchs ist nicht in Sicht. Die Stadt sieht schon jetzt die Pflegequalität in Gefahr – und mahnt endlich Änderungen an. Denn sonst droht der Kollaps des Systems!

München 2025: Nur ein paar Jahre noch, dann wird es nach den Prognosen der Stadt aus dem aktuellen Marktbericht Pflege 31 400 Pflegebedürftige geben. 2013 waren es noch 25 200. Vor allem die Zahl der Münchner über 80 Jahren wird stark zunehmen. Von den betagten Senioren benötigt im Schnitt jeder dritte Hilfeleistungen. Und: Viele Hochaltrige leben allein, brauchen schneller Hilfe als Paare oder in eine Familie eingebundene Senioren. Dazu kommt die steigende Zahl Demenzkranker: Wer soll all diese Menschen pflegen, die „in immer höherem Alter und schwierigerem Zustand in die Heime kommen?“, wie Siegfried Benker, Chef des städtischen Pflegeheimträgers Münchenstift, sagt.

Nach dem Bertelsmann-Pflegereport (2012) werden bereits 2030 in München rund 4200 Vollzeit-Pflegekräfte fehlen, sollte sich an den Bedingungen nichts ändern. Münchens Sozialreferentin Dorothee Schiwy (SPD) hat deshalb mehrfach an die Bundesregierung appelliert, endlich „eine Verbesserung der Bezahlung von beruflich Pflegenden“ und eine „Verbesserung der Personalausstattung“ einzuleiten. Und: Auch die 269 ambulanten Pflegedienste suchen händeringend Verstärkung.

Sozialreferentin Dorothee Schiwy: „Pflegekräfte müssen besser bezahlt werden“.

Ein erschütterndes Fazit zog auch der im Juni 2017 veröffentlichte Bericht der Münchner Heimaufsicht: Die Folge der Personalnot sei ein zunehmendes „Qualitätsproblem“ in den Heimen. Was das für die Bewohner bedeutet? Im schlimmsten Fall Vernachlässigung, so dass offene Wunden nicht richtig versorgt, Schmerzen nicht ernst genommen und Psychopharmaka zum Ruhigstellen verwendet werden.

Neben Personal und Zeit fehlt es zudem an Platz: Aktuell gibt es 57 Heime mit 7557 Plätzen in der Stadt. 2025 müssen es schon 8800 Plätze sein. Die Flächen sind knapp, immerhin sind mehrere neue Pflegeheime in Planung. An der Einsteinstraße eröffnet im April 2018 das neue Domicil-Haus (216 Plätze). Im Stadtteil Freiham entsteht eine neue Pflegeeinrichtung mit 130 Plätzen. Die Erlanger Firma Bayern-Care baut in Neuperlach ein neues Heim (70 Plätze). Auch an der Meindlstraße (Sendling) ist ein Heim geplant.

Wie es mit der Finanzierung der Heimplätze weitergeht? Ebenfalls eine Zukunftsfrage. 3500 bis 3700 Euro kostet die vollstationäre Versorgung eines Pflegebedürftigen im Monat im Schnitt. Die Zuschüsse der Pflegekasse haben sich auch nach der Pflegereform 2017 nicht erhöht. Übernimmt sie im höchsten Pflegegrad rund 2000 Euro, bleiben mindestens 1500 Euro Kosten für den Betroffenen. Reichen Rente und Vermögen nicht aus, springt der Bezirk Oberbayern ein. Dass das bei immer mehr Menschen der Fall ist, zeigen neueste Zahlen: 2012 übernahm die Behörde 140,5 Millionen Euro, für 2017 waren bereits 172,8 Millionen Euro angesetzt. Die Gründe: die Überalterung der Gesellschaft und die zunehmende Altersarmut.

Was ändert die neue Bundesregierung? Im Koalitionsvertrag der GroKo wird eine „Konzertierte Aktion Pflege“ angekündigt. Unter anderem soll es präventive Hausbesuche in ganz Deutschland geben. Das Ziel: Den Umzug ins Heim verhindern. Das geht, wenn Angehörige, Ehrenamtliche und Pflegedienste zusammenarbeiten.

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München 2040: München und der Wohnungsbau: Der Kampf gegen die Windmühlen

Lesen Sie morgen: Wo und wie wohnen die Münchner 2040?

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