Kein Prozess gegen Verursacher

Familie klagt nach Ruzas Unfalltod: „Die Justiz hat versagt“

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Ruza (r.) war eine fröhliche, herzliche junge Frau. Ihre Schwester (l.) kämpft seit ihrem Tod für einen Prozess.

Die 25-jährige Ruza kam bei einem Unfall in Neuhausen ums Leben. Der 86-jährige Unfallverursacher musste sich nie vor Gericht verantworten. Die Familie kämpft jetzt um einen Prozess.

München - Zwei Mal jeden Tag geht Slavka Vukadin (69) zum Friedhof. Zündet eine Kerze an. Trauert. Weint. Vor zweieinhalb Jahren wurde der gebürtigen Kroatin ihr Liebstes genommen: Ihre Tochter Ruza. In Vukadins Trauer mischt sich Zorn, seit das Verfahren gegen den Senior, der den Unfall verursacht hat, eingestellt worden ist. Die leidgeprüfte Mutter und Ruzas Schwester (45) fordern jetzt, dass der Münchner sich vor Gericht verantworten muss: „Wir geben nicht auf. Für ein bisschen Gerechtigkeit gehen wir bis ans Ende der Welt“, sagen sie.

Ruza (25) starb bei schrecklichem Auffahrunfall in München

Am 14. Oktober 2016 wurde Ruza im Alter von 25 Jahren aus dem Leben gerissen. Der 86-jährige Ex-Taxifahrer war mit Tempo 120 an der Nymphenburger Straße in Neuhausen in das Ende eines Ampelstaus gerast. Sein Mercedes E-Klasse rammte Ruzas Ford und zerquetschte ihn. Die junge Frau starb noch im Wrack ihres Kleinwagens. 

Die Staatsanwaltschaft leitete gegen den mittlerweile 88-Jährigen ein Verfahren wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung ein. Doch vor wenigen Monaten wurde dieses eingestellt – weil der Münchner an leichter Demenz und Konzentrationsstörungen leidet. Laut Anklagebehörde gebe es keine hinreichenden Hinweise darauf, dass der Rentner es hätte voraussehen können, dass er nicht mehr fahrtüchtig ist.

Ruzas Mutter am Grab ihrer Tochter. Sie ist entsetzt über die Ungerechtigkeit.

Ruzas Tod zerstörte auch das Leben ihrer Familie

„Das macht uns kaputt. Das zerstört uns völlig“, sagt Ruzas Schwester (45). Wie ihre Mutter Slavka trägt sie seit dem Tag des Unfalls Schwarz. Jeden Tag. Die Augen der beiden Frauen sind so leer wie ihr Innerstes. Tränen laufen ihnen über die Wangen. „Wir würden dem Mann gerne am Gericht in die Augen schauen. Er soll sehen, was das alles mit uns gemacht hat“, sagt Ruzas Schwester. „Es blutet jeden Tag. Er hat auch unser Leben zerstört. Wir haben kein Weihnachten, kein Silvester, keinen Geburtstag.“ 

Der Senior habe sich ja auch ans Steuer setzen können. „Also kann er sich auch einem Prozess stellen. Die Justiz hat versagt“, klagen die Frauen an. Eine Verhandlung könnte der Familie den Schmerz, den sie seit Ruzas Tod jeden Tag spüren, zwar nicht nehmen. „Wenn der Mann vor Gericht erscheinen müsste, würde es für uns aber wenigstens ein kleines bisschen leichter werden.“

Anwalt klagt an: Ermittlungen waren „bemerkenswert oberflächlich“

Adam Ahmed, der Anwalt der Familie, ist der Meinung, dass die Ermittlungen in diesem Fall nicht dem Standard entsprachen. Er rügt, dass die Untersuchungen bezüglich der Fahrtauglichkeit des Seniors nicht gründlich genug gewesen seien. „Man hat nicht hinter die Kulissen geschaut“, bemängelt Ahmed. Man habe zum Beispiel nicht im Freundeskreis nachgefragt, ob der Rentner bereits durch Vergesslichkeit oder Verwirrtheit aufgefallen war. Ahmets Fazit: „Die Ermittlungen wurden bemerkenswert oberflächlich geführt.“

Bei dem Horror-Unfall starb die Justizfachangestellte Ruza.

An jenem 14. Oktober 2016 war der Münchner mit seiner Frau unterwegs. Offenbar hatte der Ex-Taxler sich auf dem Weg zu seiner Wohnung verfahren. Dann verwechselte er Gas und Bremse und verursachte die Massenkarambolage. Nach der Todesfahrt gab der Münchner den Führerschein ab. Seine Frau habe später erzählt, dass ihr Mann Gas und Bremse verwechselte. Mit dieser Aussage sei der Mann gar nicht konfrontiert worden, kritisiert Ahmed.

Der Anwalt hat jetzt Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eingereicht. Damit will er erreichen, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen werden. „Das ist das Mindeste. Es ist die Pflicht des Staates, das Vertrauen in die Justiz zu schützen“, betont Adam Ahmed. Durch die Einstellung des Verfahrens sei das Vertrauen in die Justiz erschüttert worden.

Nach Unfalltod in München: Kein Kontaktversuch, keine Entschuldigung

Schmerzhaft für Slavka Vukadin und Ruzas Schwester ist auch, dass der Senior noch nie versucht hat, Kontakt zu ihnen aufzunehmen. Kein Brief. Kein Wort der Entschuldigung. „Hat der denn gar kein Gewissen?“, fragen die Frauen. Gerechtigkeit war auch Ruza immer wichtig. Deshalb machte sie auch eine Ausbildung als Justizfachangestellte am Strafjustizzentrum. „Sie war so etwas Besonderes, herzlich, lebensfroh. Jeder hat sie geliebt“, sagt ihre Schwester. Hatte jemand Geburtstag, stand sie zum Beispiel Punkt Mitternacht mit einem selbst gebackenen Kuchen vor der Tür. „Wir sind es ihr schuldig, weiterzukämpfen.“

Slavka Vukadin ist entsetzt über die Ungerechtigkeit: „Das ist skandalös. Es tut einfach nur so weh.“

Auch für die Staatsanwaltschaft ein tragisches Verfahren

„Natürlich ist das auch für uns ein tragisches Verfahren, da unsere geschätzte Kollegin gestorben ist“, sagt Oberstaatsanwältin Anne Leiding. Doch man habe die Ermittlungen wie immer nach rechtsstaatlichen Grundsätzen geführt. Mehrere medizinische Gutachten zur Verfassung des Seniors wurden in Auftrag gegeben, denn man hätte nachweisen müssen, dass der Rentner seine Fahruntüchtigkeit hätte erkennen können und müssen. „Doch die eingeholten Sachverständigengutachten ergaben, dass dieser Nachweis nicht zu führen war, daher mussten wir das Verfahren gegen den Beschuldigten einstellen“, so Leiding. „Unsere Bewertung wurde dann auch durch die Generalstaatsanwaltschaft und durch das Oberlandesgericht München bestätigt.“

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