Erbpacht läuft aus

Hilfe! Die Bahn will uns verkaufen - Bewohner haben Angst vor Millionen-Deal

+
Großer Andrang: Bewohner versammeln sich vor dem Haus, das verkauft werden soll.

Es geht um 503 Wohnungen im Münchner Stadtteil Neuhausen. Noch ist das Haus im Besitz der Eisenbahnbaugenossenschaft. Doch die Erbpacht läuft aus. Das ist ein riesen Problem. 

München - Wesentlich mehr Bürger als erwartet haben sich am Freitagabend in der Schluderstraße in Neuhausen versammelt, um für den Erhalt der Wohnungen der Eisenbahnergenossenschaft zu kämpfen. Sie fürchten um die Existenz ihrer Genossenschaft. Eine Petition soll nun helfen.

Warum kann die Genossenschaft die Wohnungen nicht kaufen?

Nach jetziger Gesetzeslage müsste ihre Genossenschaft die Wahnsinnssumme von 128 Millionen Euro aufbringen, um 503 Wohnungen in den Blocks an den Schluderstraße in ihrem Besitz zu halten. Die Erbpacht läuft in den nächsten Jahren aus. Die Eisenbahnbaugenossenschaft hat zwar ein Vorkaufsrecht für den Grund, doch das nutzt ihr wenig. Denn sie muss den Preis des höchsten Gebots bezahlen. Unmöglich bei den Münchner Wahnsinnspreisen für Grund und Boden. Günstiger Wohnraum wird verlorengehen, wenn die Politik nicht eingreift.

„Wir sind nicht die Einzigen, die betroffen sind, nur die Ersten“, sagt Roland Beck, Vorstandsmitglied bei der Eisenbahnbaugenossenschaft und Betriebsratsvorsitzender der DB-Systemtechnik GmbH. Bis 2050 würden allein in München sieben Eisenbahner-Genossenschaften mit Zigtausenden von Mietern betroffen sein, sagt Beck, ebenso andere Genossenschaften mit Erbpachtverträgen.

Das Problem mit den Eisenbahnerwohnungen entstand bei der Privatisierung der Bahn im Jahr 1994. Das ehemalige Bahnvermögen wurde „Bundeseisenbahnvermögen“. Von diesem werden die Pensionen der ehemaligen Bundesbahnbeamten und die Beamten bezahlt. Eine Stellungnahme gegenüber der tz in Sachen Schluderstraße gab es von der Institution nicht. Einsehbar ist die Petition im Netz: petition.baugenossenschaften-erhalten.de

Eine Katastrophe droht

Ich bin ein Erbstück. Ich wurde 1955 in einer Eisenbahner-Genossenschaftswohnung geboren, seit 40 Jahren bin ich bei der Bahn. Wenn die 503 Wohnungen für die Genossenschaft verloren gehen, ist das eine Katastrophe. Wir brauchen eine Gesetzesänderung, die uns vor dem Höchstpreisgebot bewahrt. Wir wollten als Genossenschaft vor sechs Jahren den Grund hier kaufen. Nach der damals gültigen Berechnungsmethode hätten wir 69 Millionen bezahlen müssen. Dann hieße es, sie gilt in München nicht. Nun sollen 128 Millionen fällig werden.

Roland Beck (42), Vorstandsmitglied bei der Eisenbahnbaugenossenschaft und Betriebsratsvorsitzender der DB-Systemtechnik

Eine Katastrophe droht, sagt Roland Beck (42).

Ein Leben unter dem Damoklesschwert

Wir leben hier seit 2012 – und nun schwebt der drohende Verkauf wie ein Damoklesschwert über uns. Es ist gut, wenn man günstig wohnen kann. Viele Freunde sind am Limit und müssen so viel arbeiten, dass keine Zeit mehr bleibt zum Leben und auch kein Geld für Urlaub. Wir sind nun Eltern und möchten uns Zeit nehmen. Zudem gibt es ja kaum Kitaplätze – wie soll man da mit Baby viel arbeiten? 

Bianca Weber (29), Anwältin, Robert Kilian (42), Unternehmensberater, mit Baby Alexander

Wir sind wie ein kleines Dorf

Ich bin seit 30 Jahren bei der Genossenschaft und fürchte mich. Meine Tochter ist zu mir gezogen. Wir bezahlen für 54 Quadratmeter momentan 620 Euro. Wir sind hier wie ein kleines Dorf. Schlimm, dass das alles hier nun zu Ende gehen soll.Hannelore Hocholzer (78), Rentnerin

Wir sind wie ein kleines Dorf, meint Hannelore H.

Die Urgesteine im Block

Ein Leben woanders ist für uns unvorstellbar. Ich bin 1960 eingezogen. In meiner 80-Quadratmeter-Wohnung zahle ich 710 Euro warm und zog meine Kinder groß. Mein Nachbar zahlt für seine behindertengerechte 52 Quadratmeter 627 Euro warm. Krimhild Dittrich (78) & Karl-Heinz Ginschel (73)


Das Viertel soll bunt bleiben

Wir haben hier 2012 eine Wohnung bekommen: Das war wie ein Lottogewinn. Für uns als Familie mit zwei Kindern ist es in Neuhausen optimal. 2016 hat die Unesco das Genossenschaftswesen zum Weltkulturerbe ernennt. Es sorgt dafür, dass Viertel bunt gemischt bleiben. Anna Schindler (36), Ingenieurin bei der Bahn


Angst vor Spekulation

Ich lebe seit 18 Jahren in einer 70-Quadrameter-Wohnung, zahle 860 Euro warm. Ich verdiene zwar 2000 Euro netto, doch mit Versicherungen, Auto und Vorsorge bleiben 700 Euro zum Leben. Ein Kauf der Wohnung zu Spekulationspreisen wäre utopisch. Sabine Gleich (46), Versicherungsfachangestellte


Susanne Sasse

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Neuhausen – mein Viertel“.

Wohnen bleibt eines der zentralen Themen in München. Die Stadt hat jetzt erstmals eine Übersicht über kleinräumige Strukturdaten für die Viertel herausgegeben. In diesem Viertel in München frisst die Miete den Großteil des Einkommens auf.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Party-Ärger an der Isar: Anwohner dokumentiert seine schlaflose Nacht
Party-Ärger an der Isar: Anwohner dokumentiert seine schlaflose Nacht
Miet-Wut in München: So watscht Ude Ministerpräsident Söder ab
Miet-Wut in München: So watscht Ude Ministerpräsident Söder ab
Diese drei Möglichkeiten gibt‘s für die Tram durch den Englischen Garten
Diese drei Möglichkeiten gibt‘s für die Tram durch den Englischen Garten

Kommentare