„Das war unser Leben“

Tante-Emma-Laden sperrt nach 43 Jahren zu

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So etwas wie das Geschäft des Ehepaars Max und Maisy Schmehl – einen richtigen Tante-Emma-Laden – gibt es eigentlich gar nicht mehr: Unterschiedlichste Lebensmittel sind hier in maßgeschreinerten Regalen untergebracht.

München - Max und Maisy Schmehl standen 43 Jahre lang von morgens bis abends hinter der Theke ihres Tante-Emma-Ladens. Doch am 17. Dezember schließt das Geschäft. Ein Neuhauser Juwel verabschiedet sich.

Ein Einkauf im Tante-Emma-Laden von Max und Maisy Schmehl ist wie eine Reise ins Innere einer Schneekugel. Hinter den beiden großen, grün gestrichenen Bogenfenstern in der Heideckstraße werkeln die beiden in ihren weißen Kitteln. Sie bringt frischen Apfelkuchen die Treppe herunter, er steht hinter der Theke und wiegt Gelbwurst ab. Es duftet nach Gebäck.

Hier gibt es alles: selbstgemachte Fleischpflanzerl und Reiberdatschi, frische Semmeln, Käse, Milch, Mehl, Apfelsaft, Bier, Sellerie, Orangen, Waschpulver, Konserven, Süßigkeiten und frische Petersilie. Alles fein säuberlich in die selbstgebauten Holzregale geschlichtet. Seit 43 Jahren betreibt das Ehepaar den Lebensmittelladen in der Heideckstraße 9 in Neuhausen. 68 und 66 Jahre sind die beiden alt – deswegen ist am 17. Dezember Schluss. Dann sperren Max und Maisy Schmehl ihr geliebtes Geschäft für immer zu.

„Unser Laden war unser Leben“, sagt Maisy Schmehl. Sie hat fast ihr ganzes Leben hier verbracht, den ihre Eltern 1948 eröffneten und den sie mit ihrem Max 1973 übernahm.

43 Jahre lang sind die Schmehls um halb fünf aufgestanden und zum Einkaufen in die Großmarkthalle gefahren. Morgens kommen als erste die Schulkinder. Maisy Schmehl schmiert ihnen Pausenbrote, die die Eltern am Ende der Woche bezahlen. Mittags kommen die Kinder von der Schule zurück und kaufen sich Süßigkeiten, vor dem Mittagessen.

Das halbe Viertel holt sich hier die Brotzeit. Die Schmehls kennen ihre Kunden, an jeden haben sie eine herzliche Frage nach den Kindern oder dem kaputten Fahrrad. „Wir sind auch eine Art Sozialstation“, sagt Max Schmehl. Älteren Kunden liefert er die Lebensmittel nach Hause. Er bringt dann auch gleich die Zeitung mit und holt die Tabletten in der Apotheke ab. Nach Ladenschluss backt Maisy Schmehl die Kuchen für den nächsten Tag, oft bis elf Uhr Abends.

Jetzt machen auch die Schmehls Schluss: Der Laden im Haus Heideckstraße 9 schließt am 17. Dezember.

„Das mit der Freiheit müssen wir jetzt erstmal lernen“, sagt Maisy Schmehl. „Dass wir auch mal genießen dürfen.“ Radelfahren wollen die beiden jetzt, ein paar Alben aus den Fotos von Herrn Schmehl basteln. „Ich freue mich darauf, spontane Einfälle einfach umsetzen zu können“, sagt Maisy Schmehl. In den ersten zehn Jahren, in denen sie den Laden hatten, haben die Schmehls keinen Urlaub gemacht. Später nutzten sie die Brückentage. Vor fünf Jahren sei der Laden einmal vier Wochen geschlossen gewesen, erzählt Maisy Schmehl: „Da habe ich meinen Herzschrittmacher bekommen. Das war Luxus.“

Die Jahrzehnte harter Arbeit machen sich bei den beiden auch gesundheitlich bemerkbar. Sie wollen aufhören, solange sie noch fit sind.

Maisy Schmehl schaut mit sehr schwerem Herzen zurück. Tapfer überbringt sie den Kunden die Nachricht, macht dabei ein fröhliches Gesicht. „Man sagt, dass es schon geht, aber wie’s drinnen aussieht, das geht keinen was an.“

Den Kunden fällt der Abschied genauso schwer: „Es sei Ihnen ja gegönnt“, sagt Florian Deroubaix, „aber die Nachricht muss ich jetzt erstmal verdauen.“ Er kommt an diesem Vormittag, um seine Wurst- und Käsevorräte aufzufüllen. Deroubaix, ein großer Mann, ist blind. „Nur bei den Schmehls kann ich entspannt alleine einkaufen“, sagt er. „In den großen Supermärkten hat ja keiner der Angestellten Zeit, mir zu helfen die Produkte zu finden.“ Maisy Schmehl dagegen schneidet ihm von jedem Käse eine Scheibe ab und drückt sie ihm zum Probieren in die Hand.

Es gibt frischen Salat und frischen Kuchen – und die Preisschilder sind handgeschrieben.

Den Schmehls steht jetzt ein kompletter Neuanfang bevor: Sie müssen auch noch umziehen, denn ihre Wohnung gehört zu den Geschäftsräumen. Ihr Sohn hat für die beiden eine neue Wohnung gefunden, im Münchner Osten, in seiner Nähe. Die Schmehls sind dankbar, aber auch wehmütig: „Es war vielseitig wie das Leben“, sagt Maisy Schmehl über ihre Zeit im Laden. „Das Wichtigste ist jetzt die Familie und dass wir gesund sind.“ Ein Andenken brauchen sich die beiden nicht mitzunehmen: „Ich hab jedes Teil hier selbst geplant und gebaut“, sagt Max Schmehl und tippt sich an die Stirn, „jeder Zentimeter ist in meinem Kopf gespeichert.“

Mit den Kunden wollen die Schmehls aber in Kontakt bleiben. „Ich habe mir die Whatsapp-Kontaktdaten geben lassen“, sagt Maisy Schmehl. Aus der Zeit gefallen sind die beiden nicht.

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