Restaurateure

Schloss Nymphenburg: Kampf gegen den Verfall

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Die Kunsthandwerksrestauratorin Ingrid Thom poliert mit einem Wattestab einen blauen Stein eines Pfauenrads in München (Bayern).

München - Schnitzen, vergolden, retuschieren - im Schloss Nymphenburg kämpft ein Team von Restauratoren gegen den Verfall in bayerischen Schlössern und Burgen an.

Beim Apostel Simon ist der Lack ab. Die Farbe seines Mantels löst sich und auch das Gesicht sah einmal frischer aus. Kein Wunder eigentlich: 500 Jahre stand der Apostel im Münchner Schloss Blutenburg. Jetzt hat man ihn in die benachbarten Restaurierungswerkstätten von Schloss Nymphenburg gebracht. Neben den Schränken mit den Lösungsmitteln und einem hochmodernen Labor wartet die hüfthohe Holzfigur auf eine Verjüngungskur.

Die Kunsthandwerksrestauratorin Ingrid Thom poliert mit einem Wattestab einen blauen Stein eines Pfauenrads in München (Bayern).

Um den Apostel sowie um alle anderen Ausstattungsstücke der bayerischen Burgen und Schlösser kümmern sich die 48 Mitarbeiter des Restaurierungszentrums. Vergolder, Bildhauer, Gemälderestauratoren, Gürtler, Kirchenmaler - die Liste der Berufsbilder im Restaurierungszentrum ist lang und ungewöhnlich. Von der Marmorbüste bis zum Bilderrahmen, alles geht durch die fachkundigen Hände des Restauratorenteams. Seit vergangenem Monat arbeiten die Restauratoren in den frisch renovierten Räumen. Die ehemaligen Stallungen sind zu modernen und hellen Arbeitsräumen umgebaut worden.

Sabine Palffy ist Vergolderin. „In der schönsten aller Werkstätten hier“, wie Zentrumsleiterin Katrin Janis findet. Alles glänzt und glitzert. Goldene Rahmen stehen an der Wand und Goldproben hängen aus. Vor Palffy liegt ein Bilderrahmen, der einmal ein Textilbild schmücken soll. Zur Hälfte ist der Rahmen bereits vergoldet, die andere Hälfte steht noch aus. Sabine Palffy beugt sich darüber. Mit einem breiten Pinsel aus Eichhörnchenschwanzhaar nimmt sie flink ein Stück Blattgold auf und streicht es auf den Rahmen. Fast sieht es aus, als würde das hauchdünne Gold schweben, bevor es auf dem Holzrahmen landet.

Palffy wirft einen Blick auf ihr Werk: „Noch glänzt das unerträglich hell, aber das bleibt nicht so“, erklärt sie. Bis der Rahmen soweit ist, muss die Vergolderin viel Zeit investieren. Ein Stück, etwa so lang wie ein Unterarm, schafft sie am Tag. „Für diese Arbeit muss man geduldig und detailverliebt sein, sonst ist das nicht der richtige Job“, sagt sie schmunzelnd.

Wer so viel Zeit in seine Arbeit gesteckt hat, dem fällt die Trennung manchmal schwer, gibt Gemälderestauratorin Manuela Frankenstein zu. „Viele Bilder sind so schön und haben so hübsche Details, da hänge ich dann dran.“ Das letzte Bild, an dem sie gearbeitet hat, befindet sich mittlerweile vier Autostunden entfernt. „Da fährt man ja auch nicht noch mal so schnell vorbei, um es sich anzugucken.“

Zum Glück kommen immer wieder neue Stücke unter die Schwämme und Pinsel der Gemälderestauratorin. Mehr als das Restaurierungszentrum selbst schaffen kann. 90 Prozent aller Aufträge werden an freiberufliche Restauratoren vergeben - so viel Arbeit fällt an. „Dass ich hier jedes Bild in den Händen hatte, bis ich in Pension gehe - das kann ich mir abschminken“, erklärt die zweite Gemälderestauratorin Bettina Schwabe, während sie durch ihre Werkstatt geht. Über zwei Flügel des Schlosses erstrecken sich die Räume des Restaurierungszentrums. Damit knüpft das Zentrum an die Vergangenheit an, denn schon im 17. Jahrhundert waren die Handwerker der königlichen Verwaltung hier untergebracht.

Dass trotz aller Tradition auch die Moderne im Schloss angekommen ist, zeigt das Projekt in der Werkstatt der Bildhauer. Mit einem 3D-Scanner wurde hier eine erste grobe Kopie der mit Schnitzungen verzierten Türen von Schloss Schleißheim angefertigt. Das ging leichter und schneller. Der Scanner hat die Arbeitsleistung einer Person für ein ganzes Jahr ersetzt.

An der so entstandenen ersten Fassung geht Bildhauer Oswald Senoner jetzt ins Detail. „Die Herausforderung ist es, die Handschrift des Original-Künstlers so gut wie möglich zu treffen. Ich selbst muss mich dem unterordnen. Da geht man mit einer gewissen Ehrfurcht ans Werk“, erläutert er. Wenn Senoner seine Arbeit beendet hat, kommen die Originaltüren ins wettergeschützte Innere von Schloss Schleißheim. So bleiben sie besser und länger erhalten. Außen schmücken dann die Nachbildungen das Schloss.

Die Mitarbeiter des Restaurierungszentrums kämpfen Tag für Tag gegen den Zahn der Zeit. Doch auch wenn es immer mehr zu tun gibt, als machbar ist: Die Qualität der Restaurierungen steht für Zentrumsleiterin Janis klar im Mittelpunkt. „Wenn wir nicht auf die beste und höchste Qualität achten, sieht es am Ende aus wie im Disneyland.“

dpa

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