Die große Polizeiserie aus den Stadtvierteln

PI 42 in Neuhausen: Im Auftrag der Gerechtigkeit

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Unterwegs im Viertel: Thomas Sorgalla (li.) und Enrico Campanale.

Das Strafjustizzentrum, neue Wohnquartiere, der Hirschgarten: Die Polizeiinspektion Neuhausen hat viele unterschiedliche Aufgaben zu erledigen. Manchmal melden sich die Bürger auch, wenn die Polizei gar nicht zuständig ist. Wichtig ist den Beamten, im Gespräch mit den Menschen zu sein. Wir haben den Ersten Polizeihauptkommissar Thomas Sorgalla (51) und Polizeiobermeister Enrico Campanale (27) begleitet.

München - Manchmal kommt es schon noch vor, dass Besucher erst in die Erzgießereistraße laufen. Dort stehen sie dann und wundern sich, dass die Polizeiinspektion Neuhausen nicht mehr da ist. „Die Adresse der alten Inspektion war sehr bekannt“, sagt Erster Polizeihauptkommissar Thomas Sorgalla. Er ist bei zuständig für Ordnungs- und Schutzaufgaben. „Dabei sind wir schon im August 2011 an die Landshuter Allee umgezogen – früher waren wir ja nicht mal in Neuhausen, sondern in der Maxvorstadt.“

Mega-Einsatz NSU-Prozess

Viel Arbeit gibt es für die Beamten im Viertel. Die meiste macht das Strafjustizzentrum an der Nymphenburger Straße. „Das wird an den Leonrodplatz umziehen, bleibt aber in unserem Zuständigkeitsbereich“, sagt der 51-Jährige. 16 Beamte der PI 42 sind seit knapp vier Jahren an jedem NSU-Prozess-Tag im Einsatz. Seit 6. Mai 2013 wird am Oberlandesgericht gegen Beate Zschäpe und vier mutmaßliche Helfer verhandelt. Allein im Jahr 2015 stand die 42-Jährige 82 Mal vor Gericht. Insgesamt gab es 184 Schwurgerichtsverhandlungen. Die Polizei leistet im Strafjustizzentrum Amtshilfe. Vier Beamte stehen an der Kontrollschleuse für das NSU-Verfahren. 25 886 Stunden verbrachten die Beamten im Jahr 2015 damit, Angeklagte zu Verhandlungen und wieder zurück in ihre Zelle zu bringen. Dazu kommen Begleitfahrten aus Stadelheim und Absperrungen der Straßen. „50 Beamte sind in der Spitze am Tag mit Staatsschutzverfahren beschäftigt“, berichtet Sorgalla. 180 arbeiten bei der PI 42.

Polizist ­Enrico Campanale kontrolliert die Zuschauer des NSU-Prozesses am Eingang

Für die Anwohner ist der NSU-Prozess seit Jahren eine Belastung. Häufig gibt es Beschwerden bei der Polizei. Von Dienstag bis Donnerstag ist die Linprunstraße gesperrt. Seit einiger Zeit ist dort auch noch eine Baustelle – wegen dieser gilt 24 Stunden lang Parkverbot. „Da steht Halteverbots- an Halteverbotsschild, mit unterschiedlichen Verbotszeiten“, sagt Sorgalla. „Manche kennen sich gar nicht mehr aus, was wann erlaubt ist und verstehen nicht, warum sie weggeschleppt werden.“ Gesperrt ist, weil dort an jedem Prozesstag der Konvoi mit den Angeklagten ein- und ausfährt. Damit weder Zschäpe noch einer der Mitangeklagten befreit werden können oder Ziel eines Attentats werden, sind die Sicherheitsvorkehrungen enorm. Falschparker finden die Beamten nicht nur an der Linprunstraße: In ihrem Zuständigkeitsbereich verteilen die Beamten im Jahr etwa 55.000 Knöllchen.

Park-Probleme im ganzen Viertel

Der Parkraum wird auch in Neuhausen immer knapper: Im Zuständigkeitsbereich der PI wurde in den vergangenen Jahren viel gebaut, unter anderem die Wohnungen am Arnulfpark und am Hirschgarten. „Da haben sich die Leute auch schon mal bei uns beschwert, dass die S-Bahnen zu laut sind“, sagt Sorgalla. Zu laut ist es oft auch den Anwohnern am Nymphenburger Kanal. Vor allem im Sommer sitzen auf der Gerner Brücke um die 80 Jugendliche, trinken etwas, hören Musik und unterhalten sich. Ein Dilemma für die Polizei: Die Treffen dort sind nicht verboten. Doch die Beamten können auch die Anwohner verstehen, die sonst nur das Landen der Enten auf dem Nymphenburger Kanal hören. Wegen Ruhestörungen mussten die Beamten 2015 etwa 960 Mal anrücken. Laut wird es im Viertel auch dann, wenn im Hirschgarten zum Beispiel bei Fußball-Weltmeisterschaften Public Viewing ansteht. In Bayerns größtem Biergarten schauen dann an einem sonnigen Nachmittag schon mal 10.000 Leute Fußball. „Das betreuen wir“, erzählt Sorgalla.

Am Rotkreuzplatz kommen die Polizisten Thomas Sorgalla (M.) und Enrico Campanale mit den Bürgern ins Gespräch – vor allem, wenn Markt ist.

Der Rotkreuzplatz ist Neuhausens Zentrum 

Gut besucht ist auch der Rotkreuzplatz, das Zentrum Neuhausens – vor allem, wenn am Donnerstag Markt ist. „Hier ist das Flair Neuhausens zu spüren: Draußen sein, ratschen und das Leben genießen.“ Ärgerlich waren für die Standlbetreiber, die täglich da sind, die Veranstaltungen des Ex-Bundesvorsitzenden der rechtspopulistischen Partei „Die Freiheit“, Michael Stürzenberger. „Damit keiner sich Äpfel oder Tomaten greift und wirft, mussten die Stände in dieser Zeit zumachen“, erzählt Sorgalla. Am Rotkreuzplatz kommen die Polizisten mit den Leuten ins Gespräch. „90 Prozent der Probleme würden sich durch Reden lösen lassen“, ist Sorgalla überzeugt.

Bilder: Auf Streife mit der PI 42 in Neuhausen

Deshalb sind für ihn auch die sechs Ehrenamtlichen der Sicherheitswacht so wichtig. „Sie haben zusätzliche Augen und Ohren. Die Bürger sagen ihnen, wenn sie etwas Verdächtiges sehen – gleich die Polizei zu holen, das trauen sich viele nicht.“ Doch gerade in Neuhausen, Nymphenburg und Gern, sagt Sorgalla, leben viele alteingesessene Münchner, die merken, wenn ein Auto in einer Straße nichts zu suchen hat. Verdächtiges der Polizei zu melden sei immer sinnvoll, so Sorgalla, weil dadurch Einbrüche verhindert werden können. Zwar ist die Zahl der Einbrüche zurückgegangen – von 463 im Jahr 2011 auf 371 (2015), darunter 79 Wohnungseinbrüche (2011 waren es noch 96). Doch Nymphenburg und Gern ziehen immer noch viele Täter an. „Die Zahl der Einbrüche ist etwa wie in anderen Stadtteilen. Wir haben hier von allen Delikten etwas, aber es sticht nichts heraus.“

Drei versuchte Tötungsdelikte gab es im Jahr 2015. Im April 2016 erstach Robin L. an der Klugstraße in Gern seine Frau Sylvia Z. „Alle versuchten und vollendeten Tötungsdelikte der letzten beiden Jahre waren Beziehungstaten und hatten keinen Einfluss auf das Sicherheitsgefühl der Menschen im Viertel“, sagt Sorgalla. Auch bei den 40 Sexualdelikten im Jahr 2015 gab es meist eine Vorbeziehung zwischen Täter und Opfer. Zudem registrierte die Polizei 16 Raubüberfälle, 87 Körperverletzungen, 61 Fälle von Trickdiebstahl und 158 Diebstähle aus Autos oder ganzer Fahrzeuge.

Autos, die als Schlafplatz vermietet werden

Mit Autos haben die Beamten nicht nur zu tun, wenn sie gestohlen werden: Unter der Donnersbergerbrücke stehen Fahrzeuge, die ganz offensichtlich nicht mehr als Beförderungsmittel gedacht sind. In einigen liegen Decken. „Die Autos wurden teilweise sogar zum Schlafen vermietet“, sagt Sorgalla. Auch, wenn das nicht erlaubt ist: Einfach wegschleppen lassen dürfen die Beamten so ein offensichtliches Schrottauto nicht. Sie müssen einen „Roten Punkt“ anbringen. Entfernt der Besitzer das Auto dann nicht, muss das Baureferat eine Abschleppfirma beauftragen. Sehr gelegen kam der Polizei der G7-Gipfel im Jahr 2015: Weil über die Brücke eine Ausweichroute entlangführte, wurden die Schrottautos ein Jahr vorher im großen Stil entfernt. 

Unter der Donnersbergerbrücke stehen Fahrzeuge, die offensichtlich nicht mehr als Beförderungsmittel gedacht sind. In einigen liegen Decken.

Im Gedächtnis ist vielen noch der Unfall an der Nymphenburger Straße. Im Oktober 2016 war ein 86-Jähriger ungebremst in ein Stauende gerast. Die 25-jährige Ruza kam bei dem Unfall ums Leben. 3875 Unfälle gab es 2016 insgesamt, 486 Menschen wurden verletzt. „Tödliche Unfälle“, sagt Sorgalla, „gibt es in der Stadt zum Glück selten. Aber der an der Nymphenburger Straße war wirklich schrecklich.“

Der Fall aus dem Viertel: Vergewaltigung im Aufzug

Direkt neben der Inspektion, in einem Aufzug des Bürogebäudes an der Landshuter Allee 10, hat im August 2012 Ibil B. eine 30-Jährige so heftig begrapscht, dass die Polizei die Tat als Vergewaltigung wertete. Bereits am nächsten Tag suchte der Mann sich sein nächstes Opfer: Er versuchte in Neuperlach eine 24-Jährige zu missbrauchen. Der jungen Frau gelang in letzter Sekunde die Flucht. „Ich glaubte, dass alle Frauen von mir vergewaltigt werden wollen“, sagte der damals 38-Jährige vor Gericht. Das Landgericht München schickte den psychisch kranken Mann im Juli 2013 in eine geschlossene Klinik. Wenn er als geheilt gilt, muss er zudem eine Haftstrafe antreten: sechs Jahre und drei Monate.

Die Zahlen zur PI 42

Die Polizeiinspektion 42 umfasst auf einer Fläche von 13,33 Quadratkilometern die Stadtbezirke Neuhausen, Nymphenburg, Gern sowie die westliche Maxvorstadt. Die Einwohnerzahl liegt bei etwa 118 000. Zu ungefähr 19 300 Einsätzen rückten die Beamten im Jahr 2015 aus. Während in Nymphenburg aufgelockerte Bebauung dominiert, liegen in Neuhausen dicht besiedelte Wohnflächen. Der südliche Dienstbereich wird fast vollständig von Wirtschaftsbetrieben sowie der Deutschen Bahn in Anspruch genommen. Der Freizeitgestaltung dienen vier große Biergärten sowie der Hirschgarten und der Nymphenburger Schlosskanal.

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