Surrealer Bericht

Münchnerin erlebt Coronavirus-Chaos in New York hautnah mit: „Menschen setzen ihr Leben aufs Spiel, indem sie ...“

Allein auf New Yorks Straßen: Rebecca Marwege fährt während der Corona-Krise Essen aus.
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Allein auf New Yorks Straßen: Rebecca Marwege fährt während der Corona-Krise Essen aus.

New York war die „Stadt, die niemals schläft“. Vor der Corona-Krise. Wie gespenstisch es nun in der US-Metropole zugeht, berichtet die Münchnerin Rebecca Marwege. Sie hilft Bedürftigen in der schwierigen Zeit.

  • Kaum eine Stadt ist von der Corona-Pandemie* so stark betroffen wie New York.
  • Eine Münchnerin lebt wegen er Arbeit in der Metropole.
  • Sie berichtet von einer surrealen Zeit in der „Stadt, die niemals schläft“.

München - Die Münchnerin Rebecca Marwege arbeitet als Doktorandin an der Columbia University in New York. Weil sie ihre Studenten nicht im Stich lassen wollte, blieb sie auch nach der Erklärung des Notstands wegen der Corona-Epidemie in der Stadt. In der tz berichtet die 25-Jährige von ihren Erfahrungen.

Corona-Krise: Münchnerin berichtet über Leben in New York

Das Leben hier ähnelt immer mehr einer surrealen Fiktion. Die Cafés und Bars sind seit Mitte März geschlossen. Die Straßen sind wie leer gefegt, sodass man mitten auf der Park Avenue spazieren gehen kann, ohne dass einem ein Auto entgegenkommt.

Im Gegensatz dazu wirkt der Central Park fast normal. Er ist so voll, dass die Leute sich gegenseitig ausschimpfen, wenn sie sich zu nahe kommen und „unartigen“ maskenlosen Spaziergängern zurufen, dass sie sich gefälligst einen Mundschutz* anziehen sollen. Wenn man allerdings ein paar Meter weiter auf ein improvisiertes Zeltkrankenhaus stößt, das die umliegenden Kliniken entlasten soll, ist der Eindruck der Park-Idylle schnell dahin.

Corona-Krise: Leichenhallen der Stadt sind überlastet

Die Todeszahlen steigen weiterhin so rasant, dass die Leichenhallen der Stadt überlastet sind. Freunde von mir, die sich ehrenamtlich engagieren wollten, wurden von der Stadt gefragt, ob sie helfen können, Leichen für den Transport in eine mobile Leichenhalle zu kennzeichnen, damit man sie später wieder der richtigen Familie zuordnen kann. Keine medizinische Vorkenntnis nötig, allerdings auch keine Entschädigung, falls man bei dem Job krank werden sollte…

Da ich jung bin und keiner Risikogruppe* angehöre, habe ich mich dazu entschlossen, mich bei Invisible Hands freiwillig zu engagieren. Die Organisation verknüpft Freiwillige mit Risikogruppen, für die man einkaufen geht. Die Einkäufe lässt man dann vor deren Haustür stehen, sodass man keinen direkten Kontakt hat. Daher der Name „unsichtbare Hände“. Am Anfang der Krise hat die Organisation auch noch subventionierte Essenskörbe an bedürftige New Yorker verteilt, was sie allerdings wegen der enormen Nachfrage wieder einstellen musste.

Hier ist Abstandhalten kein Problem: Eine ältere Frau spaziert durch das verwaiste New York.

Corona-Krise: Ältere Dame muss sich in Schlange für Essensmarken anstellen

Zudem helfe ich bei einer Kirche mit, die normalerweise Essen an Obdachlose ausgibt. Meine Arbeit bei den beiden Hilfsorganisationen hat mir vor Augen geführt, wie stark die Menschen hier von der Krise getroffen sind. Besondere Sorgen macht mir zum Beispiel eine ältere Dame, der ich einen Essenskorb zu ihrer Sozialwohnung gebracht habe: Sie muss sich sonst in die Schlange stellen, um ihre Essensmarken einzulösen, wobei sie sich der Ansteckungsgefahr* aussetzt.

Schockiert hat mich, dass man bei der Essensvergabe der Kirche neben den üblichen Bedürftigen auch hip gekleidete New Yorker antrifft, die man normalerweise eher bei Starbucks erwarten würde. Sie waren unglaublich dankbar für die Notration an Essen. Das hat den paradoxen Grund, dass in New York der größte Kostenpunkt nicht das Essen, sondern die Miete ist. Das bedeutet, dass sich viele Menschen vor die unmögliche Wahl gestellt sehen, ob sie ihre Ersparnisse für Essen oder für ihre Miete ausgeben. Oder ob sie ihr Leben aufs Spiel setzen, indem sie Gelegenheitsjobs bei Lieferdiensten wie Uber annehmen und dabei riskieren, sich anzustecken. Da hilft es auch leider wenig, dass der Gouverneur Zwangsräumungen für 90 Tage ausgesetzt hat - niemand weiß, wie es danach weitergeht.

Sport an der frischen Luft: Dieser Jogger ist mutterseelenallein unterwegs.

Corona-Krise: New Yorker klatschen am Abend für medizinisches Personal

Es gibt allerdings auch Lichtblicke in diesem tristen New York, wie jeden Abend um sieben Uhr, etwa wenn die New Yorker an ihre Fenster gehen und für das medizinische Personal klatschen und auf ihre Pfannen klopfen. Oder die Momente, wenn jemand mit laut aufgedrehten Frank-Sinatra-Hits durch die Straßen fährt, um etwas positive Stimmung zu verbreiten. Oder Nachbarn, die sich gegenseitig von ihren Dächern grüßen. Oder die alte Dame, der ich ihr Essen gekauft habe - und die mich gleich dreimal angerufen hat um mir zu sagen, wie dankbar sie ist. Das sind die kleinen menschlichen Verbindungen, die zählen - und die New Yorker in der Krise zusammenhalten.

Wir informieren auch über die Symptome* einer Erkrankung, die Quarantäne*, die Entwicklung eines Impfstoffes* und mögliche Spätfolgen*.

Wie sich die Pandemie in den USA entwickelt, erfahren Sie in unserem News-Ticker.

*merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Rebecca Marwege

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