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Berliner Zeitung beklagt „rasende Münchenisierung“ der Hauptstadt – es geht (nicht nur) um Glühwein

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Von: Florian Naumann

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Der Christkindlmarkt auf dem Münchner Marienplatz – Teile der Veranstaltung können Berliner verunsichern.
Der Christkindlmarkt auf dem Münchner Marienplatz – Teile der Veranstaltung können Berliner verunsichern. © IMAGO/Wolfgang Maria Weber

Weltstadt mit Herz? In Berlin blickt man kritisch auf München. Der Tagesspiegel aus der Hauptstadt warnt aus zwei Gründen vor einer „rasenden Münchenisierung“.

Berlin/München – Für viele Münchner ist die bayrische Landeshauptstadt der schönste Wohnort der Welt – anderswo in Deutschland wachsen Sorgenfalten, wenn sich Verhältnisse (gefühlt) an die der Isar-Metropole annähern: Die Berliner Zeitung Tagesspiegel hat am Tag vor Heiligabend eine „rasende Münchenisierung Berlins“ beklagt.

Dabei ging es freilich nicht etwa um eine wachsende Zahl an Biergärten oder eine Reinlichkeitsoffensive der Berliner Stadtreinigung BSR. Sondern um die weidlich bekannten Schattenseiten des Lebens in München. Einerseits um Mietpreise. Andererseits um Inflationsleid auf dem Weihnachtsmarkt (wie die Berliner Version eines Christkindlmarktes heißt).

Berlin in „rasender Münchenisierung“: Augenzwinkerndes Glühwein-Lamento aus der Hauptstadt

„Auch in Sachen Glühwein eifert Berlin der bayerischen Landeshauptstadt nach“, hieß es im freitäglichen „Checkpoint“-Newsletter des Tagesspiegel. Nur auf dem Christkindlmarkt am Münchner Marienplatz sei der Glühwein so teuer wie am Breitscheidplatz vor der Gedächtniskirche im Westen Berlins. Das Gesöff liege hier wie dort mit 5 Euro jeweils gut einen Euro über dem deutschen Durchschnittspreis. „In Berlin wird vermehrt in Glühwein investiert“, lautete die trockene Schlussfolgerung.

Quelle der Daten ist eine eher stichprobenartige Analyse der Investment- und Immobilienmanagers Catella. Diese stieß tatsächlich auf Spitzenwerte an diesen beiden Weihnachtsmärkten. Zum Vergleich: Im ebenfalls durchaus wirtschaftsstarken Düsseldorf fanden die Tester eine Tasse Glühwein für 4 Euro.

Anderes Ambiente, selber Glühweinpreis: Der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz.
Anderes Ambiente, selber Glühweinpreis: Der Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz. © IMAGO/Raimund Müller

Allerdings ist das Lamento aus Berlin mit etwas Vorsicht zu genießen. Zum einen gab es in Berlin den Daten zufolge auch günstigere Angebote. Zum anderen floss aus München nur der bekannteste Markt zu Füßen des Rathauses ein. Und zuguterletzt kommen andere Quellen zu anderen Schlüssen: Der Eventveranstalter activa Eventmanagement etwa sieht München beim Glühweinpreis eher im bundesweiten Mittelfeld. Diesen Daten zufolge könnte Berlin eher eine „Aachenisierung“ des Glühweinmarktes drohen.

Eine Mini-Datensammlung Catellas zur Weihnachtszeit zeigte übrigens auch einen weiteren aus bayerischer Sicht interessanten Aspekt. Die Weinkellerei Gerstacker aus Nürnberg besitze in Deutschland einen Glühwein-Marktanteil von 90 Prozent, hieß es im „Catella Market Tracker“. Die Immobiliengruppe berief sich dabei auf eine Erhebung des Online-Weinshops „Hanglage“.

München vor Frankfurt – und Berlin: Zeitung warnt vor bayerischen Zuständen

Weiteren Anlass zum Seufzen gab dem Tagesspiegel eine aktuelle Erhebung zum Preis von WG-Zimmer-Angeboten. Nach Daten der Plattform WG-gesucht.de sei in Berlin der Preis für WG-Zimmer über die vergangenen Jahre rapide gestiegen: Um 37 Prozent von Januar 2018 bis November 2022, in absoluten Zahlen von durchschnittlich 417 Euro auf nunmehr 572 Euro. Damit holt die Bundeshauptstadt tatsächlich gegenüber München auf. Hier wuchsen die Angebotspreise laut WG-gesucht „nur“ um 12 Prozent – von 645 Euro auf 725 Euro.

Und die Sorge vor einer „Münchenisierung“ scheint hier tatsächlich gerechtfertigt: In München sind neu vermietete WG-Zimmer der Erhebung zufolge tatsächlich am teuersten — auf den Plätzen folgten mit großem Abstand und Stand November Frankfurt (611 Euro), Berlin und Hamburg (544 Euro). In die Analyse flossen nur diese vier Städte sowie Stuttgart und Köln ein. Plausibel scheint aber, dass die Lage – abgesehen von Einzelfällen in Studentenstädten – hier auch am angespanntesten ist.

Wie es aber immer so ist: Probleme gibt es überall. So ist etwa in Regensburg ein Student seit einem halben Jahr auf WG-Zimmer-Suche und verzweifelt an hohen Preisen, wie Merkur.de berichtet. Und in Österreich stieß das Portal oe24.at auf noch horrendere Glühwein-Preise – und zudem auf einen Hang zum schlechten Einschenken. Insofern bleibt Weihnachten 2022 vor allem eins: Genießen, was man hat. Ein (hoffentlich warmes) Zimmer. Und, nur bei Bedarf, ein Glühwein – der schmeckt schließlich gar nicht allen Zeitgenossen. (fn)

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