Niere der Schwester rettet ihr Leben

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Ulrike Dönitz (68, links) mit ihrer jüngeren Schwester Renate Wolf (62) bei der Dialyse – morgen ist die Operation

München - Am Mittwoch setzt der Chirurg das Skalpell bei Ulrike Dönitz (68) an. Sie spendet ihrer Schwester Renate Wolf (62) eine Niere. Sie tut es aus Liebe. Und weil den beiden keine andere Wahl bleibt.

„Meine Schwester müsste etwa sieben Jahre auf eine Spenderniere warten. Wenn es genug Organe gäbe, müsste ich das nicht tun.“

Diese Niere ist bereits das zweite Fremdorgan für die ehemalige Lehrerin Renate Wolf. Mit 28 Jahren machten ihre Nieren schlapp – Auslöser war wohl ein Schuh-Imprägnierspray mit schädigenden Inhaltsstoffen. Es folgten quälende Monate an der Dialyse. „Damals wollte ich oft sterben.“ Dann die Nachricht: Die Niere eines verstorbenen jungen Mannes passt.

„Ich habe mein neues Leben geliebt“, sagt die Bogenhauserin heute. „Ich bin diesem Menschen dankbar. Ohne ihn wäre ich vielleicht längst tot.“ Rund 30 Jahre funktioniert die fremde Niere einwandfrei. Seit drei Jahren aber werden Renate Wolfs Werte wieder schlechter. Dann eine Lungenentzündung, hervorgerufen durch Legionellen. „Das hat die Niere nicht mehr mitgemacht.“ Die schwere Zeit an der Dialyse beginnt erneut. Das heißt: eingeschränkte Ernährung fast ohne Obst und Gemüse – „Kalium könnte für mich den Herzstillstand bedeuten.“ Egal, wie durstig sie ist: Renate Wolf darf nur sehr wenig trinken. Dazu kommen drei halbe Tage in der Woche, in denen ihr Blut im Kuratorium für Dialyse gereinigt wird. „Ich fühle mich in kompetenten Händen. Trotzdem falle ich danach nur noch ins Bett.“ Fernreisen sind unmöglich. „Die Lebensqualität ist sehr gering.“

Ihre Schwester Ulrike Dönitz sagt daher: „Du kannst meine Niere haben.“ Sie befindet sich in prominenter Gesellschaft: Niki Lauda bekam 2005 eine Niere von seiner Frau, SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier spendete vergangenes Jahr seiner Frau. Ulrike Dönitz lässt sich auch nicht abhalten, als es erst fälschlicherweise heißt, ihre Niere sei nicht geeignet. „Das hat mich unglaublich gerührt: Meine Schwester hätte ja auch froh sein können, dass sie nicht herhalten muss“, sagt die Jüngere.

„In meinem Umfeld waren viele dagegen“, sagt die Spenderin. „So sehr meine Tochter ihre Tante liebt: Sie findet es schrecklich, dass ich mich als gesunder Mensch aufschneiden lasse. Aber ich kann nicht mitansehen, wie meine Schwester leben muss.“ Dass Renate Wolfs Körper das Organ nicht annimmt – daran wollen die beiden nicht denken. „Ich denke nur daran, dass ich vielleicht schon in ein paar Tagen wieder Obstsalat essen oder ein Bier trinken kann“, sagt die Empfängerin, „und dann meiner Schwester zeigen kann, dass sich ihr unglaublich großes Opfer gelohnt hat.“

Wartelisten-Patienten

Deutschland
Niere 7515
Herz 929
Leber 2087
Lunge 609
Bauchspeicheldrüse 29

So viele Patienten warten auf diese Organe – auf eine Niere bis zu sieben Jahre, auf anderen Organe ein bis zwei Jahre

Organspender in den Regionen 2006 bis 2010

2006 2007 2008 2009 2010
Baden-Württemberg 165 161 136 127 134
Bayern 184 224 182 196 192
Mitte 146 146 120 139 202
Nord 213 206 195 191 213
Nord-Ost 161 150 140 146 144
Nordrhein-Westfalen 216 239 258 259 256
Ost 174 171 167 159 155
Bundesweit 1259 1285 1198 1217 1296

Diese Zahlen stammen (wie auch die der Patienten auf den Wartelisten oben rechts) von Eurotransplant. Bei der Zahl pro eine Million Einwohner lag Bayern 2010 im Mittelfeld

Am Dienstag Forum in München

Brauchen wir ein neues Transplantationsgesetz? Darüber diskutieren im Rahmen des „Stadtforums“ am Dienstag um 19 Uhr in der Kundenhalle der Stadtsparkasse München (Sparkassenstr. 2): Justizministerin Beate Merk, Prof. Dr. Bruno Meiser, Leiter des Transplantationszentrums der LMU und Präsident der Eurotransplant International Foundation, sowie Dr. Florian Schuller, Direktor der Katholischen Akademie in Bayern. Außerdem berichten Schlagerstar Roland Kaiser, dem neue Lungen transplantiert wurden, sowie Dr. Jürgen Nehls, Mitglied des Wirtschaftsbeirates der Stadtsparkasse, der kürzlich ein Spenderherz erhielt, über ihre Erfahrungen. Der Eintritt ist frei.

Schlagerstar Kaiser lebt mit fremder Lunge

Roland Kaiser (59) strahlt. Tief bewegt steht er im August in Dresden auf der Bühne und singt vor 25 000 Fans. Der Schlagerstar ist wieder da – dank einer geglückten Lungentransplantation.

Roland Kaiser

Zehn Jahre lang litt der ehemals starke Raucher unter der Lungenkrankheit COPD. „Am Ende war selbst der Weg zum Supermarkt zu anstrengend“, sagt er der tz. Das Singen wurde so beschwerlich, dass er sich im Februar 2010 ganz zurückzog. Einen Monat später die mehrstündige OP: Kaiser bekommt eine Spender-Lunge. „Seither fühle ich mich wieder kraftvoll und gesund. Meine Dankbarkeit dem Spender gegenüber kann ich nur so zeigen, dass ich verantwortungsvoll mit seinem Organ umgehe.“ Heute sieht er es als seine Aufgabe, für die Spende zu werben – so wie heute in München (s. unten). „Die meisten Deutschen sind noch immer schlecht informiert.“

Kaum jemand wisse, dass die Wahrscheinlichkeit, selbst ein Organ zu brauchen, drei Mal höher sei, als dass man selber als Spender in Betracht käme. Denn in Deutschland werden nur Organe von Hirntoten transplantiert. Mit einer Organspende könne der Tod sogar neues Leben spenden. Kaiser: „Die Seele gelangt zu Gott, nicht der Körper. Organspende ist für mich auch ein Akt der christlichen Nächstenliebe.“

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