Der tz-Check

Teuflisches Durcheinander beim Singspiel

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Christian Ude und Ilse Aigner sehen's: Horst Seehofer hat seinen Teufel auf dem Rücken sitzen.

München - Jetzt haben sie sich an des Udels – Entschuldigung – des Pudels Kern versucht. Kult-Regisseur Marcus H. Rosenmüller und seine Truppe haben den Nockherberg 2014 an den guten alten Goethe angelehnt.

Jetzt haben sie sich an des Udels – Entschuldigung – des Pudels Kern versucht. Kult-Regisseur Marcus H. Rosenmüller und seine Truppe haben den Nockherberg 2014 an den guten alten Goethe angelehnt. Fast Faust: So haben sie ihr Singspiel heuer genannt. Und haben tatsächlich teuflisches Theater veranstaltet. Eine schöne Szenenschau, tolle Musik, feine Bühne, große Effekte. Bloß schad: Anders als im Vorjahr bei der grandiosen Waldesruh haben Rosenmüller und Autor Thomas Lienenlüke eher eine bunte Revue zum Ude-Abschied veranstaltet, als eine durchgängige Geschichte mit rotem Faden erzählt. Und ein bissl mehr politische Schärfe hätte auch nicht geschadet.

Der Rahmen: Bayerns (und Deutschlands) Politiker planen zu Ehren des scheidenden Christian Ude eine Theater-Aufführung des Faust. Schnell muss es gehen! Horst Seehofer hat nämlich kurz vor der Vorstellung die ursprünglichen Darsteller, günstige Rumänen und Bulgaren („Die bauen auch noch die Bühne auf und wischen“), heimgeschickt. Passt eh in seinen Plan: So kann er selber als großer Schauspieler sämtliche Rollen im berühmtesten deutschsprachigen Stück einnehmen. Der Mann, der das alles darstellt, ist diesmal Christoph Zrenner – und er tut es gut. Wer allerdings in den vergangenen Jahren Wolfgang Krebs als Landesvater erlebt hat, in dem steigt Bedauern auf: Schade, dass Krebs diesmal abgesagt hat (siehe Einzelkritik unten) …

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Dieser Seehofer: Da steht er irgendwo in Oberfranken, in diesem „naturalistischen Abbild der Dritten Welt“, wie der Regisseur einwirft –, und versucht sich als Bühnenmann: „Ich spiele den Wählern schon 30 Jahre lang was vor. Da werde ich diese Stunde auch noch hinbekommen.“ Ja, klar bekommt er diese Stunde hin. Hat ja auch tatkräftige Unterstützung, der Mann. Zum Beispiel von Markus Söder alias Stephan Zinner, der mit missglückter Magie dauernd unerwartete Gäste auf die Bühne zaubert. Da taucht etwa inmitten von Rauch und Donner die Bavaria auf der Bühne auf. Immer wieder sprühen Funken, dann wandert ein runtergefallener Kaugummi-Automat von selber die Wand wieder hoch – das funktioniert alles fein.

Viel Bühnenzeit und den meisten Applaus gibt’s für Uli Bauer alias Christian Ude. Schluss als OB, wohl letzter Auftritt im Singspiel: Das ist schon eine Arie wert. Und was für eine! An die Stadt München gerichtet, schmettert er: „Ohne mich bist du allein, ohne mich bist du ein Nichts! Du kannst mich mal … auf Mykonos besuchen.“ Und hinter Bauer wiegen sich 14 weitere Christian Udes im Takt. Vielleicht die stärkste Szene des Singspiels.

Überhaupt: Die Lieder beeindrucken, Wastl Horn und Gerd Baumann treffen mit ihrer Musik Herz und Hirn. Das gilt auch für ein musikalisches Zwischenspiel der Berliner Gäste Angela Merkel und Sigmar Gabriel. Frisch aus der Mülltonne aufgetaucht, swingen sie sich durch ihr Berliner Klagelied („Aber nein, aber nein, wir müssen evangelisch sein“). Das Publikum geht mit, das Publikum lacht. Das ist kurzweilig, unterhaltsam, gutes Theater. Ein paar Wünsche blieben trotzdem offen – zum Beispiel wären ein, zwei Worte zum Fall Hoeneß sicher erlaubt gewesen – Rosi & Co. haben den Bayern-Präsidenten aber ignoriert.

Am Schluss des teuflischen Durcheinanders kommt das Gefühl auf, dass sich etwas zusammenfügt. Als jeder der Politiker seinen privaten Teufel auf dem Rücken sitzen hat: Da bekommt man eine Ahnung davon, wie das mit dem Faust als Rahmen wirklich gemeint ist. Und als die Schauspieler in der Schlussszene anstimmen: „Vorsicht, Vorsicht vor Gemütlichkeit“: Da schließt sich der Kreis zum Vorjahr, in dem das Singspiel mit genau denselben Worten schloss.

Uli Heichele

Nockherberg 2014 - die besten Bilder

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Das Singspiel im tz-Check

Der Autor, Thomas Lienenlüke: Der Mann ist Ostwestfale, beweist aber ein weiteres Mal, dass er sich gut einfühlen kann in die bayerische Politik. Vielleicht wäre trotzdem eine Geschichte mit mehr rotem Faden und weniger Schlaglichtern noch besser gewesen.

Der Regisseur, Marcus H. Rosenmüller: Souverän. In seinem zweiten Nockherberg-Jahr spielt Rosi stärker mit den Möglichkeiten der Bühne. Alles reibungslos, alles gut getaktet, die Gags zünden – und die Knalleffekte bei den Zaubereien funktionieren auch.

Die Musik: Sauber! Was Gerd Baumann und Wastl Horn da abgeliefert haben, ist schwer zu toppen. Ihre Stückl (eines davon übrigens angelehnt an Fredl Fesls Königsjodler) zeigen, was das Wort „Singspiel“ im ursprünglichen Sinne meint.

Der Landesvater: Ohne Vergleich würde man sagen: Christoph Zrenner gibt einen feinen Horst Seehofer. Problem: In den Vorjahren war Wolfgang Krebs aktiv – und der gab nicht den Seehofer. Der war der Seehofer!

Der Oberbürgermeister, Uli Bauer als Christian Ude: Einfach eine Bank, der Mann. Uli Bauer kann sprechen wie Christian Ude, Uli Bauer kann denken wie Christian Ude: Uli Bauer lebt Christian Ude. Wir können uns nicht vorstellen, dass das noch besser geht.

Die Superministerin: Angela Ascher hat Energie ohne Ende. Die setzt sie für ihre Rolle als Ilse Aigner (und kurzzeitig auch mal als Christine Haderthauer) ein. Vielseitig, engagiert, eine Freude beim Zuschauen.

Der Kronprinz: Stephan Zinner als Markus Söder. Der Mann ist mittlerweile eine feste Singspiel-Größe. Und womit? Mit Recht! Das ­Timing, die Sprache und die ­Haltung treffen den echten Finanzminister perfekt.

Die Kanzlerin: Ein netter Aha-Effekt, als Antonia von Romatowski alias Angela Merkel aus einer Mülltonne rauslugt. Überhaupt: Diese Merkel ist ein schöner Bestandteil des Singspiels: viel Pep.

Der GroKo-Bruder: Thomas Wenke sitzt als Merkel-Widerpart Sigmar Gabriel in der Nachbar-Mülltonne. Zu wenig Bühnenzeit, um ernsthaft glänzen zu können.

Der Adabei: Stefan Murr gehört fest zum Nockherberg – mal als Gutti, mal als Aiwanger, jetzt als Florian Pronold. Schön, wie der SPD-Adabei seine Seele verleast. Stark gespielt!

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