Nockherberg 2015

Singspiel: Starke Dialoge, magische Musik!

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München - Bereit zum Abheben? Dann bitte einsteigen ins Nockherberg-Singspiel 2015! Dieses Stück: Es ist Rosis Rakete. Und es ist ein Plädoyer für die Menschlichkeit.

Bereit zum Abheben? Dann bitte einsteigen ins Nockherberg-Singspiel 2015! Regisseur Marcus H. Rosenmüller und Autor Thomas Lienenlüke haben Bayerns Politiker nach der Waldesruh und dem Faust heuer auf eine Weltraumreise entführt. Wieder mit viel Hirn, zauberhafter Musik (inklusive Metallica!) und großer Seele. Dieses Stück: Es ist Rosis Rakete. Und es ist ein Plädoyer für die Menschlichkeit. Das große Thema des Abends ist der Umgang mit Flüchtlingen – auch wenn das erst am Ende richtig klar wird.

Das feine Bühnebild, geschaffen von Rosenmüllers Frau Doerthe Komnick: Wir sehen das Innere eines Raumschiffs. Horst Seehofer, gespielt von Christoph Zrenner, erklärt seinen Kollegen: „Die Haderthauer hat mir das Raumschiff unter der Hand besorgt. Die kennt Leute, die gut und günstig basteln können.“

Bald schon geht’s los auf dem Flug ins All – aus Versehen, weil Söder sich zum Entsetzen von Dobrindt & Co. nicht zurückhalten kann und auf den geheimnisvollen roten Knopf drückt. Davor hat Neu-OB Dieter Reiter (fabelhaft: ­ Gerhard Wittmann) den Ministerpräsidenten beim Anzapfen bewusstlos geschlagen und damit den Startpunkt für eine rasante Fahrt gesetzt.

Es soll nach „Neu-Bavarien“ gehen – das ist ein ferner, wunderbarer Planet mit Bergen, Seen und intelligentem Leben irgendwo im All. Wobei: erst mal Hauptsache weg von der Erde, wo eh grad ein Meteorit einschlägt. Söder: „I bin der Markus, und do war i daham.“ Schon vor dem Start wird übrigens klar: Blinde Passagiere sind dabei! Angela Merkel (Antonia von Romatowski) und Sigmar Gabriel (Thomas Wenke) sind an Bord. Und später auch noch das: Gregor Gysi (Reinhard Peer) hat sich in einem doppelten Boden versteckt. Den kann man ja aber problemlos rauswerfen – genau wie Ursula von der Leyen, die zwischenzeitlich mit eigener Rakete angedockt hat und ihren Ministerinnen-Grundsatz zum Besten gibt: „Morgens flöten, abends töten. Militär ist wie ein Brahms-Konzert: Wenn man’s kann, klingt’s auch nicht schief.“

Logo: Wenn so viel Trubel an Bord ist (der Konzertsaal spielt auch noch mit rein), kann’s schon mal passieren, dass man sich verfliegt. Zum Beispiel zu Anton Hofreiters (Wowo Habdank) kleinem grünen Planeten namens Kepler/Keplerin 22. Oder ins Hoheitsgebiet der Pegüda („Panische Ex-Erdbewohner gegen die Überplanetarisierung des Alls“). Logisch: An diesen Orten finden unsere Politiker keine neue Heimat.

Eigentlich ein Wunder, dass sie nach all dem Chaos doch noch ankommen in Neu-Bavarien. Nicht mehr dabei ist bloß die Ilse – die haben die anderen unterwegs aufgefressen, Kannibalismus gehört ja zur Politik. Aber sonst: alle da, alles gut.

Bis sich rausstellt: Die ganze Weltraumreise war bloß ein wüster Traum Seehofers, zusammenfantasiert in der Bewusstlosigkeit nach Dieter Reiters K.o.-Schlag. Wieder aufgewacht und wieder in der Wirklichkeit, formuliert der Ministerpräsident eine ursprünglich böse Rede um. Da heißt’s dann auf einmal: „So sehe ich es als meine gottgegebene Pflicht als Christ, wirklich jedem, den die Not an unsere Pforten treibt, mit offenem Herzen und Güte zu begegnen. Klopfet, so wird euch aufgetan.“ Logisch, wie dieser Satz nach den Flüchtlings- und Pegida-Diskussionen der vergangenen Monate aufzufassen ist.

Alles gesagt? Noch nicht ganz. Wie in den beiden Vorjahren raunen die Schauspieler dem Publikum erst zu: „Vorsicht, Vorsicht vor Gemütlichkeit!“ Prost!

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Das Singspiel im tz-Sterne-Check

Kult ist er – nicht nur im Film, ­sondern mittlerweile auch auf dem Nockherberg. Singspiel-Regisseur Marcus H. Rosenmüller und sein kongenialer Autor Thomas Lienen­lüke haben mit Völlig losgelöst ein Super-Stück mit Herz und Hirn hingelegt. Und weil’s ums Weltall geht, verteilen wir Sterne. Die Einzelkritik:

Der Autor: Thomas Lienenlüke hat wieder eine durchgängige, spannende Geschichte erdacht. Enthalten sind zwar auch ein paar Kalauer, aber vor allem viel Tiefgang. Stark! *****

Der Regisseur: Marcus H. Rosenmüller hat ein stimmiges Ganzes geformt. Alles perfekt getaktet, alles passt. Dieser Mann ist auf dem Nockherberg mittlerweile daheim. *****

Die Musik: Gerd Baumann und Wastl Horn gehören zu Rosis bewährtem Team. Ihre Musik ist anrührend und inspiriert („Oiss is ­koid, oiss is staad. Pfiade Good, du blaua Stoa.“). Die haben Riesen-Anteil an der Qualität. *****

Der Kapitän: Christoph Zrenner ist als Horst Seehofer die Hauptfigur. Souverän, wenn auch ohne großen Glanz. ***

Die Sternschnuppe: Angela Ascher gibt Ilse Aigner – und muss deshalb die Opferrolle einnehmen. Fein in der Kannibalen-Szene, ansonsten bekommt sie weniger Raum als früher. ***

Der Überflieger: Stephan Zinner alias Markus Söder: eine Wucht. Schauspiel mit tollem ­Timing, dazu Gesang mit einer Stimme wie Joe Cocker. Respekt! *****

Der Durchstarter:Gerhard Wittmann verhilft Dieter Reiter zum ersten großen Nockherberg-Auftritt. Ordentlicher Textanteil, viel Spaß, gute Leistung. ****

Die Freischwebende: Antonia von Romatowski ist als Angela Merkel schon eine gute Nockherberg-Bekannte. Tolle Mimik mit Original-Merkel-Mund. ****

Der Satellit: Thomas ­Wenke ist als Sigmar Gabriel zwar nicht mittendrin, aber doch mit dabei. Ein paar nette Pointen à la „Ich bin nicht dick! Ich habe nur ­Inhalt!“ ***

Die Adjutantin: Nikola Norgauer ist als Ursula von der Leyen stark in Gestik und Gesang. Allerdings: Allzuviel Zeit bekommt sie nicht, um ihre Qualitäten zu zeigen. ****

Der Vielflieger: Stefan Murr schlüpfte auf dem Nockherberg schon in die Rollen von Guttenberg, Aiwanger und Pronold – diesmal gibt er den ­Dobrindt. Seehofers Prügelknabe ist keine dankbare Rolle. **

Der Durchstarter: Reinhard Peer verkörpert Gregor Gysi bei dessen Salvator-Premiere. In Stimme, Mimik und Gestik ist er wahnsinnig nah dran am Original aus Berlin. Und das als Österreicher! ****

Der Glühende: Wowo Habdank gibt den Toni Hofreiter mit viel Engagement. Man merkt, dass ihn sein Text auch persönlich berührt. Allerdings: Er hat nur einen kurzen Auftritt (immerhin mit Aha-Effekt und verrutschtem Kopf …) ***

Uli Heichele

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