Nockherberg: Die Watschn der Mama Bavaria

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Luise Kinseher als "Bavaria" las den Politilern auf dem Nockherberg die Leviten.

München - Beim Starkbieranstich auf dem Münchner Nockherberg hat erstmals “Mama Bavaria“ persönlich Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und die übrige bayerische Politik ins Gebet genommen.

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Zum ersten Mal hat eine Frau beim Starkbieranstich am Nockherberg die Politiker derbleckt. Luise Kinseher trat als Bavaria auf, als Landesmutter. Eine Rückkehr zur Tradition des Derbleckens. Mal hintersinnig, mal derb. Aber auch mit einigen Längen.

Da steht’s, die Mama. Lächelt ein bisserl spöttisch auf ihre Landeskinder hinab. Und sagt seufzend: „Wenn ich Euch so sehe: Du, da relativiert sich der Begriff Mutterglück.“

Bilder: Derblecken und Singspiel auf dem Nockherberg

Die Bavaria derbleckt und Doubles parodieren die Polit-Prominenz

Die Rede der Bavaria Luise Kinseher ist gerade ein paar Sekunden alt, da wird klar, dass die Paulaner-Brauerei nach dem Nockherberg-Debakel im Jahr 2010 ziemlich viel richtig gemacht hat. Michael Lerchenberg hatte mit seinem Bruder Barnabas viel verbrannte Erde hinterlassen. Sein Mönch hatte die Festgemeinde nicht von seiner Kanzel herab unterhalten, er hatte sie von oben herab abgekanzelt. Statt bierseliger Stimmung herrschte im Auditorium oft betretenes Schweigen. Nur den Bürgern an den Bildschirmen hatte gerade das gefallen. Und nachdem Lerchenberg unter lautem Getöse dem Nockherberg den Rücken gekehrt hatte, zermarterten sich die Brauer den Kopf, wer einem aus diesem Schlamassel wieder heraushelfen könne. So kamen sie auf das bis dato Undenkbare: eine Frau!

Prominenz beim Derblecken

Prominenz beim Derblecken

Die Idee ist aufgegangen. In weiten Teilen zumindest. Mit Luise Kinseher stand gestern Abend kein Mönch mehr auf der Bühne. Sondern die Mama. Und die Mama darf bekanntlich alles. Auch wenn die Kinder schon groß sind. Sie darf dem Sohnemann sagen, dass er jetzt doch ein bisserl aus dem Leim geht. Sie darf die Tochter darauf hinweisen, dass der neue Schwiegersohn in spe ein rechter Hallodri ist. Und sie darf noch als frischgebackene Oma den Kindern reinreden, wenn es an die Erziehung der Enkel geht.

Und genauso steht Kinseher vor ihren Landeskindern. Unten sitzt das bayerische Kabinett und blickt zur Mama hinauf. Die duzt natürlich, sie verwendet sogar Kosenamen. Der Herr Ministerpräsident ist plötzlich der Horsti, der Finanzminister das Schorschilein. Sie ist richtig fürsorglich, die Mama. „Das ist schon gemein irgendwie, gell?“, sagt sie zu ihrem Markus (Söder). „Alles, was der Gutti hatte – Glamour, Rhetorik, Ausstrahlung –, war ihm irgendwie angeboren. Gegeben! Dafür hast Du Dir alles, was Dir fehlt, hart erarbeitet!“

Das ist das Schönste an der Nockherberg-Rede 2011: Sie hat diese (nieder-)bayerische Hinterfotzigkeit, wie sie zuletzt Bruno Jonas zu eigen war. Kinseher ist nicht zu weich, sie ist nicht zu hart. Sie derbleckt aus ihrer Mutterrolle heraus unter völlig neuen Vorzeichen. Und all jene, die Angst hatten, nach Lerchenberg würden die Politiker nur noch mit Samthandschuhen angefasst, werden eines Besseren belehrt. Die Mama vom alten Schlag scheint der Meinung zu sein, dass eine ordentliche Watschn noch keinem geschadet hat.

Dabei will sie ja eigentlich für alle ihre Kinderlein nur das Beste. Sogar für Christine Haderthauer, die in Kinsehers Rede mit am schlechtesten wegkommt. Der Christine will die Mama auf einen Posten helfen, der deren Naturell mehr entspricht. Der Joachim Herrmann („mehr so ein Pezibär“) sei doch fürs Sozialministerium viel besser geeignet als die Christine. „Komm Horsti, magst Du sie nicht tauschen lassen? Ihn und die Haderthauer? Denn die Haderthauer hat das, was man braucht als bayerischer Innenminister. Das BlaulichtGen! Immer mit dem Lallüllalla ganz nach vorn.“

Das ist nicht nur bissig und lustig, es ist vor allem gut beobachtet. Kinseher, die bisher nicht als politische Kabarettistin aufgefallen ist, sondern eher das Miteinander der Menschen thematisiert, hat ihre Hausaufgaben gemacht. Sie hat fleißig Zeitung gelesen, sie hat sich beraten lassen. Und jetzt findet sie – anders als Alfons Biedermann beim Singspiel – auch die nötigen Zwischentöne und Nuancen. Manchmal kommt sie etwas krachert daher („Ilse Aigner – die Christine Neubauer der Hühnerställe“), meist aber hintersinnig.

Selbst wenn sie bei CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt auf einen Witz verzichtet und sein Anti-Grünen-Video fürs Internet als „Retro-CSU“ geißelt, überschreitet sie die Grenze des guten Geschmacks nicht. „Du Doagaff, Du Aufblahder!“, ruft sie ihm zu. Lerchenberg wäre gescholten worden, die Mama darf sowas. Zur Sicherheit fragt sie aber noch mal nach, ob er’s aushält. Er bejaht – dann kann er morgen nicht das Gegenteil behaupten.

Manch kleiner Höhepunkt geht beim Vortrag ein wenig unter. Wer vor der Rede das Manuskript gelesen hat, fühlte sich deutlich besser unterhalten als die Besucher im Saal. Es gibt zwar ein paar Längen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass unter den Zuhörern die Schwarzen die klare Mehrheit haben – und die lachen über SPD- und Grünen-Witze wesentlich lauter. Der Markus dürfte dagegen genau registrieren, wie laut die Christine über die Söder-Witze lacht. Und in den Mitarbeiterstäben, die nicht unter permanenter Kamerabeobachtung stehen, ist die Stimmung teils sehr angespannt. Irgendwann gibt es einen billigen Witz über Österreicher. Ja, da sind sich alle im Saal einig: Das ist lustig.

Hinterher sind trotzdem alle Politiker voll des Lobes (siehe unten). Besser als letztes Jahr sei es gewesen. Und ganz hinten links im Saal, da sitzt Michael Lerchenberg neben seinem ehemaligen Co-Autor Christian Springer. „Richtige Kracher“ habe es gegeben und „sehr kluge Pointen“, sagt Lerchenberg sehr bedächtig. Ob er sich im Nachhinein bestätigt fühlt, will er nicht sagen. „Aber der Christian und ich haben uns köstlich amüsiert.“

Mike Schier

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