Protokoll eines Notarztes

Diese sieben Dramen erlebte ein Rettungsprofi in München

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Dr. Alfred Schallerer ist seit 20 Jahren als Notarzt im Einsatz.

München - In der Stadt spielen sich beinahe täglich Dramen ab. Entsprechend abgehärtet muss ein Rettungssanitäter sein. Doch bei manchen Einsätzen stoßen die Notärzte an ihre Grenzen.

In München wohnt das Geld. Mieten von über 20 Euro pro Quadratmeter sind keine Seltenheit, und es gibt genügend Menschen, die unbeeindruckt eine halbe Million Euro für eine Eigentumswohnung hinblättern können. Die Kaufkraft ist größer als in allen anderen deutschen Großstädten, rein statistisch gesehen kann jeder Münchner pro Jahr 30.796 Euro verjubeln - so viel Geld hat er nach Abzug aller laufenden Kosten wie Miete, Kreditraten oder Versicherungsprämien für sogenannte Konsumzwecke zur Verfügung, wie die Stadtverwaltung in einer Infobroschüre berichtet.

Doch hinter den schillernden Fassaden der Wirtschaftsmetropole leben auch massenhaft Menschen, die so gar nicht zu dieser Wohlstandsstatistik passen wollen: Entweder, weil sie sehr viel weniger Geld haben. Oder weil ihnen trotz eines üppigen Bankkontos die wertvollsten Luxusgüter des Lebens fehlen: Gesundheit, Glück, eine Familie, gute Freunde, manchmal auch Würde und Anstand. Solche Menschen trifft Dr. Alfred Schallerer (50) jeden Tag.

Schicksale setzen selbst erfahrenen Rettungsprofis zu

Seit 20 Jahren kurvt er als Notarzt von Einzelschicksal zu Einzelschicksal. Manche Schicksale sind derart tragisch, dass selbst erfahrene Rettungsprofis lange daran zu knabbern haben. Und es gibt auch groteske Situationen, die den leidenschaftlichen Straßenmediziner am geistigen Gesundheitszustand unserer Stadtgesellschaft zweifeln lassen. „Viele Leute sind so egoistisch oder zumindest gleichgültig, dass sie sich einen Teufel um ihre Nachbarn scheren - auch wenn diese schwer krank sind oder sogar sterben“, weiß Dr. Schallerer. „Manche sind so aggressiv, dass sie uns bei der Arbeit behindern oder beschimpfen. Und generell gilt: Die allermeisten Münchner bekommen gar nicht mit, welche versteckten Dramen sich in ihrer Stadt jeden Tag abspielen.“

Armes reiches München - im großen tz-Report erzählt Dr. Schallerer, was er bei seinen teils erschütternden, teils kuriosen Einsätzen alles erlebt und warum er seinen Beruf trotzdem so liebt.

Die tote Mutter muss sofort weg

Krankheit und Tod sind für den Notarzt Alltag. Er kommt damit klar, kann trotz seiner Erlebnisse nach Feierabend abschalten. „Der Tod gehört nun mal zum Leben, auch wenn viele Menschen diese Tatsache heutzutage verdrängen.“

Wie manche Angehörige mit dem Thema umgehen, das entlockt Dr. Schallerer allerdings immer mal wieder Kopfschütteln. Eine besonders skurrile Situation ist ihm noch in frischer Erinnerung: Dr. Schallerer wird zu einer über 90-jährigen Dame gerufen, die in ihrem Haus in Solln friedlich eingeschlafen war. „Ich habe ihre Tochter gefragt, ob sie ihre Mama noch über Nacht bei sich behalten möchte“, erinnert sich der Notarzt. „Aber ihre Tochter entgegnete nur: ,Nein, bloß nicht!‘ Dann hat sie eine abwinkende Handbewegung gemacht und sagte mit ernstem Blick: Die muss weg, die fängt ja schon zum Riechen an.“

Altes Ehepaar hilflos in Wohnung gefangen

Der Notarzt-Stützpunkt am Chirurgischen Klinikum München-Süd, der früheren Rinecker-Klinik, direkt am Isarkanal in Thalkirchen: Hier beginnen und enden seine 24-Stunden-Schichten, von 7 Uhr in der Früh bis zum nächsten Morgen. Wenn Dr. Alfred Schallerer bei einem Alarm ins Auto springt, dann weiß er oft nur vage, was ihn ein paar Minuten später erwartet. Oft wird er mit Alltagsdramen konfrontiert, die sich unbemerkt von den Nachbarn hinter verschlossenen Türen abspielen. So wie in einer mehrstöckigen Mietskaserne in Sendling. Der Hausmeister hatte Alarm geschlagen, weil Wasser aus einem Wohnungsfenster gelaufen war. Und noch etwas erscheint den Rettungskräften verdächtig: Vor der Tür stapeln sich die Zeitungsausgaben der letzten vier Tage. Sie klingeln, klopfen, rufen, aber von drinnen kommt keine Reaktion.

Nachdem die Feuerwehr die Tür geöffnet hat, finden die Rettungskräfte ein älteres Ehepaar, beide um die 80 Jahre alt. Der Mann liegt auf dem Schlafzimmerboden in seinen Exkrementen, der Teppichboden ist aufgeweicht von Urin. „Er war gestolpert und gestürzt, hatte sich dabei den Oberschenkelhals gebrochen“, berichtet Dr. Schallerer. „Er konnte sich nicht mehr rühren, war kaum noch ansprechbar. Aber seine Frau war hochgradig dement und deshalb nicht in der Lage, Hilfe zu holen. Sie irrte offenbar tagelang verwirrt durch die Wohnung. Und niemand hat etwas davon mitbekommen.“

Gestürzte Seniorin: einsam dem Tod entgegen

Solche Szenarien, insbesondere nach Stürzen in den eigenen vier Wänden, erlebt der Notarzt leider immer wieder - und manchmal steht es um die Betroffenen sogar noch schlechter. „In Obersendling fanden wir eine alleinstehende ältere Dame, die sich ebenfalls das Bein gebrochen hatte und schon tagelang bewegungsunfähig auf dem Boden gelegen haben muss. Sie war völlig ausgetrocknet, dem Tod näher als dem Leben. Um ihren Mund schwirrten bereits Fliegen, aber sie war zu schwach, um sich bemerkbar zu machen oder wenigstens irgendwie an einen Schluck Wasser zu kommen“, erzählt Dr. Schallerer. „Das ist das Schlimmste: Ohne Essen kann man eine längere Zeit überleben, aber ohne Flüssigkeit schafft man es nur wenige Tage. Denn früher oder später kommt es zum Nierenversagen, und man stirbt.“

Die Seniorin wird gerade noch rechtzeitig in eine Klinik gebracht. Ob sie jemals wieder auf die Beine gekommen ist? Dr. Schallerer weiß es nicht. Bei durchschnittlich etwa zehn, manchmal aber auch 15 Einsätzen pro Tag kann er nicht jeden Einzelfall weiterverfolgen.

Tochter filmt Überlebenskampf der Mutter

In einem anderen Fall kämpft der Notarzt um das Leben einer älteren Dame. „Die Frau, etwa 70, hatte schwerste Atemnot, wir mussten sie intubieren, also einen Beatmungsschlauch legen. Ihre Tochter, um die 50, hat derweil immerzu an ihrem Handy herumgefummelt. Als wir ihre schwerkranke Mama zum Rettungwagen getragen haben, hat sie beim Hinterherlaufen sogar einen Film gedreht.“ Aber wozu bloß? „Ich habe sie nicht gefragt“, sagt der Mediziner. „In meinem Beruf wundert man sich über solche Aktionen nicht mehr.“

Das Taxi-Drama auf der Wiesn

Es gibt auch immer mal wieder ein besonders tragisches Schicksal, das Dr. Schallerer einfach nicht loslässt. Dann erkundigt er sich bei den weiterbehandelnden Ärzten, wie es „seinem“ Patienten geht. Zum Beispiel jenem fröhlichen Wiesn-Besucher aus London, einem dreifachen Familienvater um die 40, der nach Zeltschluss an der Schwanthalerstraße von einem Taxi überfahren worden ist. „Der Wagen hatte seinen Brustkorb überrollt“, erinnert sich der Notarzt. „Der Mann war schwerstverletzt. Im Sanka klappte einer seiner beiden Lungenflügel zusammen, er erlitt einen Kreislaufzusammenbruch. Ein Herzstillstand konnte in letzter Sekunde verhindert werden. Später bekam er in der Klinik eine Lungenembolie. Er lag insgesamt eineinhalb Monate lang auf der Intensivstation. Das war wirklich sauknapp, aber am Ende hat er überlebt. Mit viel Glück und einem großen Kämpferherz!“

Dr. Schallerer hat seinen englischen Patienten später mal im Krankenhaus besucht, die beiden Familienväter und Fußballfans haben noch immer Kontakt. „Vielleicht gehe ich mit ihm mal zu einem Bayern-Spiel. Unseren FCB findet er zwar nicht so toll, aber da muss er durch. Das wird er sicher auch noch überleben“, sagt Dr. Schallerer schmunzelnd. Es sind auch solche schönen Erlebnisse, die ihn jeden Tag aufs Neue motivieren.

Der sinnlose Tod eines einsamen Arbeiters

Nicht immer nehmen die Fälle des Notarzts ein Happy End - im Gegenteil. „Manchmal kämpfst du, glaubst, du hast deinen Patienten fast über den Berg, aber am Ende schafft er es doch nicht“, sagt Dr. Schallerer. Er muss an einen Einsatz in einem Arbeiterwohnheim an der Schwanthalerstraße denken. Dort entdeckt er einen Mann vom Balkan, vielleicht Anfang 50. Bewusstlos, fiebrig - auf den ersten Blick ohne klar ersichtlichen Grund. Doch dann bemerkt Dr. Schallerer, dass der Mann eine Plastiktüte um sein Bein gewickelt hatte. Als der Notarzt die Tüte entfernte, bot sich ihm ein schlimmer Anblick. „Sein Fuß war schwerstens entzündet, Teile der Knochen bereits aufgelöst, man konnte regelrecht hindurchschauen. Er muss Höllenschmerzen ertragen haben, ist aber einfach nicht zum Arzt gegangen.“ Der Mann hat sich eine schwere Blutvergiftung eingehandelt.

Im Krankenhaus amputieren die Ärzte zunächst seinen Unterschenkel, müssen ihm dann das gesamte Bein knapp unterhalb der Hüfte abnehmen. „Davon hat sich der Patient zunächst auch wieder erholt“, weiß Dr. Schallerer, „doch dann bekam er eine Lungenembolie, an der er letztlich verstarb.“

Vom Radfahrer angeplärrt

Inzwischen hat er sich auch daran gewöhnt, dass er bei der Arbeit blöd angeredet oder gar beschimpft wird - zum Beispiel von einem Radlfahrer. „Als wir einen Patienten samt Beatmungsschlauch zum Rettungswagen tragen wollten, mussten wir einen Radlweg überqueren. Da raste ein Radler heran, klingelte schon von Weitem wie wild und plärrte: ,Aus dem Weg!‘ Und das, obwohl wir klar ersichtlich mitten im Einsatz waren. Wir haben den Patienten während des Transports sogar reanimiert, es ging also um sein Leben. Das war für jeden Passanten problemlos ersichtlich, auch für den Radler. Aber manchen Leuten sind selbst solche Notsituationen anderer Menschen völlig wurscht, die sehen nur sich selbst.“

Ein bedenklicher Egoismus, der in der Beobachtung von Dr. Schallerer immer mehr zum Trend wird. „Es würde uns allen nicht schaden, wenn wir wieder mal ein bisserl mehr aufeinander achten, einfach öfter mal hinschauen, was um uns herum passiert“, findet der Mediziner. Eine Botschaft, die eigentlich gerade in München, der selbsternannten Weltstadt mit Herz, Gehör finden sollte.

So helfen Sie dem Notarzt

Um den Patienten im Notfall schnell und gezielt helfen zu können, sind Informationen für die Rettungskräfte oft sehr wichtig. Dazu hat Dr. Schallerer einige praktische Tipps auf Lager:

  • Eine Vorsorgevollmacht nützt wenig, wenn sie im Bankschließfach liegt. Die Dokumente sollten in der Wohnung jederzeit greifbar sein, und die Angehörigen sollten den Aufbewahrungsort kennen.
  • Wenn man im Notfall nicht ins Krankenhaus gebracht werden möchte oder lebensverlängernde Maßnahmen ablehnt, sollte man dies mit einer Patientenverfügung schriftlich festhalten und dieses Papier so aufbewahren, dass es Angehörige leicht finden können.
  • Patienten mit chronischen Erkrankungen sollten eine aktuelle Medikamentenliste zur Verfügung haben.
  • Wenn der Patient gerade erst einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hat, dann sollte ein Entlassungs- bzw. Arztbrief parat liegen.
  • Eine Liste mit Telefonnummern der Angehörigen, Hausarzt und anderen wichtigen Ansprechpartnern kann für den Notarzt wertvoll sein.

Andreas Beez

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