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Spuren der Schande – der NSU in München

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Von: Phillip Plesch, Andreas Thieme

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Vor einem Gemüseladen wird die Leiche abtransportiert
2001 wird Habil  Kiliç in seinem Gemüseladen in Ramersdorf brutal ermordet und damit zum ersten Münchner NSU-Opfer. © Reinhard Kurzendörfer

Vor zehn Jahren, am 4. November 2011, enttarnte sich der NSU selbst. Auch in München wütete die Terrorzelle – eine Spurensuche.

Es ist ein heißer Sommertag im August 2001: Wortlos tragen zwei Männer die Leiche von Habil Kiliç aus einem Gemüseladen in Ramersdorf. Auf einer Liege. Der 38-Jährige wurde erschossen, regelrecht hingerichtet. Gut 20 Jahre ist das nun her. Und die Spuren der Schande sind noch immer da.

Die Polizei vermutet damals zunächst, dass die Tat im Zusammenhang mit organisierter Kriminalität und Drogenhandel steht. Sie ermittelt in eine völlig falsche Richtung. Erst Jahre später ist klar: Auch Kiliç ist Opfer der Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) geworden.

Heute vor zehn Jahren wurde der NSU enttarnt

Die Mörderbande um den NSU – sie ist genau vor zehn Jahren aufgeflogen. Am 4. November 2011 nahmen sich Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach einem missglückten Banküberfall in Eisenach (Thüringen) das Leben. Beate Zschäpe, die ebenfalls zur NSU-Bande gehörte, stellte sich der Polizei. Das Trio ermordete zwischen 2000 und 2007 neun Migranten (siehe Kasten) und eine Polizistin, verübte 43 Mordversuche, drei Sprengstoffanschläge und über ein Dutzend Raubüberfälle. Auch in München hinterließ es schreckliche Spuren.

NSU-Opfer Habil Kiliç
Ermordet am 29. August 2001: Habil Kiliç wurde nur 38 Jahre alt © privat

Den Feinkostladen, in dem Habil Kiliç starb, gibt es noch. In der Bad-Schachener-Straße erinnert mittlerweile nur noch eine Gedenktafel an den vierten Mord der NSU-Terrorserie. Der Mensch Habil Kiliç und sein grausames Schicksal sind in Ramersdorf jedoch immer noch präsent. „Ich kann mich genau an seine Stimme erinnern“, sagt Agnes Moser (82), die im Haus hinter Kiliçs früherem Laden wohnt. „Ich habe bei ihm immer Gemüse eingekauft. Wir kannten uns, er war so ein netter Mensch. Auch nach 20 Jahren schockiert mich sein Tod noch genauso wie am ersten Tag“, sagt die Seniorin.

Theodoros Boulgarides
Der Grieche Theodoros Boulgarides wurde Opfer des NSU. © Reinhard Kurzendörfer

Es sollte nicht der letzte NSU-Mord in München* bleiben. 2005 wird Theodoros Boulgarides im Laden seines Schlüsseldienstes in der Trappentreustraße erschossen. Der Laden hat erst zwei Wochen geöffnet, es ist noch kein Namensschild angebracht.

Wie kamen die beiden Täter aus Sachsen also auf den Mann im Münchner Westend? „Die Fragen, die offen sind, werden für immer offen bleiben. Das ist etwas, womit man einfach nicht abschließen kann“, sagt die Witwe, Yvonne Boulgarides, in einem Interview.

Der Schlüsseldienst-Laden in der Trappentreustraße
In seinem Laden an der Trappentreustraße starb Theodoros Boulgarides. © Reinhard Kurzendörfer

München und der NSU, das hat noch ein drittes Kapitel: den Prozess. Das Strafverfahren gegen Zschäpe und vier mutmaßliche Gehilfen lief ab Mai 2013 vor dem Oberlandesgericht – und endete erst nach über fünf Jahren. 2018 wird die 43-Jährige rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Prozess ging in die Geschichtsbücher ein. Die Kosten sollen bei mehr als 30 Millionen Euro liegen.

Initiative für zweiten Untersuchungsausschuss

Noch ist das Thema damit aber nicht durch. Zschäpe reichte in Karlsruhe Verfassungsbeschwerde ein. Laut Spiegel wollen ihre Anwälte damit erreichen, dass der Bundesgerichtshof einen Termin zur Hauptverhandlung anberaumt und noch einmal über die Revision der 46-Jährigen entscheidet.

Andererseits gibt es noch viele ungeklärte Fragen: Hatte der NSU weitere Unterstützer? Wer wusste von den Morden? Daher haben Grüne und SPD im Bayerischen Landtag die Initiative für einen zweiten Untersuchungsausschuss ergriffen. „Vor zehn Jahren hat die Bundesregierung den Angehörigen der Opfer des NSU die vollständige Aufklärung der Morde des NSU versprochen“, sagt Cemal Bozoglu, Sprecher für Strategien gegen Rechtsextremismus der Landtags-Grünen. Von der Einlösung dieses Versprechens seien wir immer noch weit entfernt. (thi/Plesch) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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