Zeuge bescherte Behörden "Quantensprung"

NSU-Prozess: Sagt mysteriöser V-Mann aus?

+
Am 4. November könnte die Öffentlichkeit im NSU-Verfahren erstmals aus dem oft gut gefüllten Gerichtssaal ausgeschlossen werden.

München - Er war nah ganz dran am Terror-Trio und wäre einer der interessantesten Zeugen im NSU-Prozess sein. Doch es gibt Streit über die geplante Vernehmung des ehemalige V-Manns "Piatto" in der nächsten Woche.

Die Ladung des ehemaligen V-Mannes sorgt schon vorab für Konflikte. Er gilt als gefährdet und lebt seit 14 Jahren unter neuer Identität an einem geheimen Ort. Damals war er als V-Mann des Brandenburgischen Verfassungsschutzes enttarnt worden. Das Gericht will ihn über die Beschaffung von Waffen und Geld für das NSU-Trio befragen. Vernommen werden soll er am 4. November, direkt nach den Herbstferien. Streit gibt es aber darüber, ob er persönlich im Gerichtssaal erscheinen muss und ob die Öffentlichkeit zum ersten Mal seit Beginn des Prozesses ausgeschlossen werden soll.

Anschrift und Name des Zeugen sind dem Gericht unbekannt

Seine Adresse kennt das Gericht nicht, auch nicht den Namen, unter dem er heute lebt. Die Zeugenladung schickte es an Brandenburgs Innenministerium in Potsdam. Das erklärte sich in einem als vertraulich gekennzeichneten Antwortschreiben zwar grundsätzlich damit einverstanden, dass der Zeuge Fragen des Gerichts beantwortet, aber unter Bedingungen. Er müsse sich an einem geheimen Ort aufhalten und dürfe nur über eine Videoleitung befragt werden. Stimme und Aussehen sollen verfremdet, die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden.

Dagegen haben einige Verteidiger und Nebenkläger protestiert und das Gericht aufgefordert, für das persönliche Erscheinen des Mannes zu sorgen. Bundesanwalt Herbert Diemer erklärte, eine Videovernehmung sei zwar akzeptabel, äußerte aber Bedenken, die Öffentlichkeit auszuschließen. Beim Gericht hieß es zuletzt, man erwarte den Zeugen nach wie vor.

Er war ganz nah dran am Terror-Trio

Früher hieß der Mann Carsten Szczepanski. Sollte er tatsächlich aussagen, könnte er einer der spannendsten Zeugen des Verfahrens sein - weil er ganz dicht am Trio dran war und sein Beispiel die Verwicklungen zwischen Terrorszene und Geheimdiensten zeigt.

„Szczepanski ist aus Angst vor Rachetaten seiner früheren Gesinnungsgenossen an einem unbekannten Aufenthaltsort untergetaucht“, schrieb ein Beamter des Bundesamtes für Verfassungsschutz unter dem Namen Christian Menhorn in einem Buch, das 2001 erschien. Es heißt „Skinheads: Portrait einer Subkultur“.

Menhorn kannte Szczepanski als Autor, aber auch dienstlich. Er habe von ihm erfahren, als er noch unter dem Decknamen „Piatto“ für das Brandenburger Landesamt die Szene ausspähte. Das sagte Menhorn 2013 als Zeuge vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages - wo er sich interessanterweise unter einem anderen Namen vorstellte.

Rechte Untergrundzeitschriften aus dem Gefängnis heraus veröffentlicht

In dem Buch beschreibt er Szczepanski als gewalttätig und umtriebig. Seine Untergrundzeitschrift stehe dem „KuKluxKlan“ nahe und habe „sehr ausländerfeindlich argumentiert“. Szczepanski „legte dabei anscheinend auch Wert auf die Einheit von Wort und Tat“. „Im Mai 1992 war er dabei, als eine Gruppe Skins einen Nigerianer fast totschlug. [...] Hierfür erhielt er im Februar 1995 eine Haftstrafe von sieben Jahren.“ Auch aus dem Gefängnis habe Szczepanski sein Heft publizieren können, schreibt Menhorn. Geholfen hätten ihm „gute Kontakte zu allen möglichen Leuten aus dem In- und Ausland“.

Der ehemalige V-Mann-Führer Gordian Meyer-Plath, heute Chef des sächsischen Verfassungsschutzes, betonte vor mehreren NSU-Untersuchungsausschüssen die Bedeutung von "Piatto".

In der Prozessakte heißt es, Szczepanskis Spitzeltätigkeit habe im Juli 1994 begonnen, als er in Untersuchungshaft saß. Er habe „plastiktütenweise [...] Briefe, rechtsextremistische Publikationen“ und anderes Material geliefert, schwärmte einer seiner V-Mann-Führer, Gordian Meyer-Plath, der ebenfalls vor dem Bundestags-Ausschuss aussagte. Der Verfassungsschutz habe ungeahnte Einblicke in die bundesweite und internationale Szene erhalten. „Es war ein Quantensprung“, so Meyer-Plath, der inzwischen zum Chef des Verfassungsschutzes in Sachsen aufgestiegen ist.

Im August 1997 wurde Szczepanski in den offenen Vollzug verlegt. Seine V-Mann-Führer erleichterten ihm den Wiedereinstieg in die Szene, indem sie ihn mehrmals vom Gefängnis in Brandenburg/Havel zu Treffen mit „Blood & Honour“-Anführern nach Sachsen brachten. Zudem stellte ihm das Innenministerium in Potsdam ein Handy zur Verfügung.

1998 meldete „Piatto“ seinen V-Mann-Führern, einer seiner Gesinnungsgenossen wolle Waffen für das NSU-Trio besorgen. Die drei wollten sich ins Ausland absetzen, heißt es in einem Vermerk, aus dem der NSU-Untersuchungsausschuss des sächsischen Landtags zitiert. Eine Frau aus dem Führungszirkel von „Blood & Honour“ wolle Beate Zschäpe ihren Pass zur Verfügung stellen. Bei einer Telefonüberwachung fingen die Ermittler eine SMS an Szczepanski ab. Sie lautete: „Hallo. Was ist mit den Bums“. Gemeint waren wohl Waffen, vermuteten Ermittler.

Bei den Verfassungsschutzämtern sprach sich „Piattos“ Meldung herum. Auch Menhorn - oder wie immer er wirklich heißen mag - erfuhr davon, wie er im Bundestagsausschuss einräumte: „Da ging es um Waffen, da ging es um Abtauchen, um falsche Pässe. Dass das natürlich wichtig war bei der Suche nach den Dreien, war uns völlig klar.“

Zwei Jahre nach der Meldung des V-Manns „Piatto“ begann dann die Mordserie, der neun türkisch- und griechischstämmige Kleinunternehmer und eine Polizistin zum Opfer fielen.

Menhorn war für Nachfragen nicht erreichbar. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz lehnte „aus Geheimhaltungsgründen“ eine Stellungnahme ab.

dpa

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Was denken Sie über diesen Artikel?

Kommentare