NSU-Prozess

Angeklagter richtet sich an Opfer-Angehörige

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Holger G. belastet Beate Zschäpe schwer

München - Es ist die erste Entschuldigung an die Opfer-Angehörigen. Der Angeklagte Holger G. hat im NSU-Prozess "sein tiefes Mitgefühl" ausgesprochen.

Für Gamze Kubasik und Dilek Ö., die Töchter von zwei NSU-Opfern, war es am Donnerstag vielleicht der erste Tag echter Aufarbeitung. Denn: Ein Angeklagter hat sich zum ersten Mal bei ihnen entschuldigt! „Ich möchte den Angehörigen der Opfer mein tiefes Mitgefühl aussprechen“, sagte Holger G. (39), dem Unterstützung einer terroristischen Vereinigung zur Last gelegt wird. Er gibt zu, dem Terror-Trio Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe eine Waffe und falsche Papiere geliefert zu haben.

„Wir waren Neonazis“, erzählt Holger G. über seine Zeit in den 90er Jahren in Jena. „Damals habe ich es als Auszeichnung empfunden, mit Beate und den beiden Uwes befreundet gewesen zu sein. Sie waren einfach echt. Wir hatten das Gefühl, einer starken Gruppe anzugehören.“ Holger G., der seine Erklärung nervös vom Blatt liest, gibt zu: „Wir haben auch darüber diskutiert, die Ziele mit Gewalt durchzusetzen.“

1998 tauchte das Trio in den Untergrund ab. Holger G. schildert, wie er von dem mit angeklagten Ralf Wohlleben einen Beutel überreicht bekam, den er an seine abgetauchten Freunde übergeben sollte. Erst im Zug habe er bemerkt, dass eine Waffe drin war: „Ich war erschrocken und wütend zugleich.“ Am Bahnhof wartete das Trio schon auf ihn. Er übergab die Waffe trotz aller Bedenken.

Auch in den folgenden Jahren hatte Holger G. keine Skrupel, das Terror-Trio mit falschen Papieren zu versorgen. Böhnhardt lebte jahrlelang mit dem Reisepass seines Helfers als ‚„Holger G.“ Mit einer Krankenversicherungskarte, die Holger G. für 300 Euro einer Bekannten abschwatzte, konnte Zschäpe zum Frauenarzt gehen.

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„Für mich war das selbstverständlich“, sagt Holger G. „Bei der FDJ (Freie Deutsche Jugend der DDR, d. Red.) habe ich gelernt, für meine Kameraden einzustehen.“ Das tat er sogar dann noch, als er sich längst von der Nazi-Ideologie losgersagt hatte. „Als ich 1997 nach Hannover gezogen bin, hatte ich viele ausländische Kollegen, echt nette Kerle.“ Das habe sein Weltbild allmählich korrigiert, 2004 sei er endgültig ausgestiegen. Dennoch half er den Dreien weiter, wenn diese nachts an seiner Tür klingelten. Holger G.: „Ich fühlte mich ihnen gegenüber verpflichtet.“

Von den Morden, Bombenanschlägen und Raubüberfällen des Trios habe er nichts gewusst, beteuert Holger G. „Ich habe es damals nicht für möglich gehalten, dass Gewalt dieses Ausmaßes ausgeübt wird.“ Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

Eberhard Unfried

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