Ausverkauf in der Innenstadt

Nur wegen Corona? Überlebenskampf in der Münchner City - Mehrere Traditionsgeschäfte stehen vor dem Aus

Der Einzelhandel leidet. Auch Wochen nach dem Ende des Corona-Lockdown kommt das Geschäft nicht zurück. In München sind immer mehr Schaufenster verrammelt. Wie sieht die Innenstadt in Zukunft aus?

  • Münchens Innenstadt unterliegt einem Wandel. Der Einzelhandel stirbt zunehmend aus.
  • Nicht nur die hohen Mieten sind schuld. Die Corona-Krise* treibt viele Läden finanziell in arge Bedrängnis.
  • Wir haben uns bei Betroffenen umgehört. Besonders Läden, die vom Tourismus profitieren, haben Probleme.

München - Wenn Martin Bauer in seinem Laden hinter dem Tresen steht, wirkt er entspannt. Das mag an der klassischen Musik liegen, die er aufgelegt hat. Vor allem aber an seinem Auftreten – sommerlicher Baumwollanzug, offener Hemdkragen, lustige bunte Socken. Die Wahrheit ist aber: Das ist keine leichte Zeit für ihn. Sein Geschäft „Herkert Herrenausstatter”, seit 57 Jahren in Familienbesitz, kämpft ums Überleben. So wie fast alle Läden in der Münchner Innenstadt.

Es ist ein Bild, das man nicht aus München kennt: verwaiste Schaufenster, leere Ladenflächen, immer wieder „Zu vermieten“-Schilder. Und das in feinsten Innenstadt-Lagen. Der Douglas-Store an der Kaufingerstraße: geschlossen. Auch das Modegeschäft Desigual an der Neuhauser Straße ist dicht – bald soll hier ein Gastronom einziehen. Die Filialen von Esprit und S. Oliver haben Corona ebenso nicht überlebt. In den anderen Einkaufsstraßen Münchens sieht es nicht besser aus – ob in der Sendlinger Straße, im Tal oder in der luxuriösen Brienner Straße. Mit Galeria Karstadt Kaufhof verlässt Stand jetzt ein weiterer Großer den Stachus zum 17. Oktober.

Verschwindet der Einzelhandel aus München? „Läden wie uns wird es irgendwann nicht mehr geben“

Nur wenige Meter von der Fußgängerzone in München* entfernt, in der Eisenmannstraße, verkauft Martin Bauer Hemden, Jacketts und Trachtenjanker. Als eine Kundin seinen Laden betritt, begrüßt er sie mit ihrem Namen. „Guten Morgen, kommen Sie wegen der Jacke, die Sie für Ihren Bruder gekauft haben?“ Das gehört zu seinem Geschäft, erklärt er, und das macht es besonders. „Wenn Sie das nächste Mal kommen, weiß ich in der Regel, wie Sie heißen und was Sie gekauft haben.“ Dann zögert er kurz. „Läden wie unseren wird es nur irgendwann nicht mehr geben.“

Martin Bauer vom Herrenausstatter Herkert fehlen internationale Kunden.

Damit meint Martin Bauer den inhabergeführten Einzelhandel. Seine Eltern haben das Geschäft aufgebaut; Bauers 85-jährige Mutter arbeitet bis heute da. Es lief gut die letzten Jahre, aber seit dem Corona-Lockdown bleiben Umsätze aus – 20 bis 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. „Wir hatten immer ein internationales Publikum“, sagt Bauer. Das fehlt jetzt.

Corona-Pandemie lähmt Einzelhandel: Wer auf Touristen angewiesen ist, erleidet massive Verluste

Besonders von Corona betroffen sind Souvenirläden. Viele der Shops, die rund um das Hofbräuhaus mit typischen Mitbringseln wie Steinkrügen und Zinntellern konkurrieren, sind vorübergehend geschlossen. Marion Richtsfeld hat Glück. Mit ihrem Souvenirladen „Obacht“ in der Ledererstraße hebt sie sich von der Masse ab: „Wir sind Gott sei Dank nicht nur auf Touristen angewiesen“, sagt sie.

Weil sie in der Heimat produzieren, kommen auch Einheimische. Trotzdem hat sie mit Umsatzeinbußen zu kämpfen. „Ich bin zwar zuversichtlich, dass wir uns wieder aufrappeln. Aber ich merke auch, dass mir ein bisschen die Freude, das Engagement fehlt.“ Dann zeigt sie auf das große Regal gefüllt mit Stoffdackeln, Gummibrezn und Magnetsets. „Vor dem Lockdown haben wir alles schön bestückt. Aber mein Laden kam mir vor wie ein Ausstellungsraum.“ Existenzängste hat sie nicht, auch wenn die Verkaufszahlen alarmierend sind. „Ich bin positiv“, sagt sie.

Leerstand im Münchner Tal: Dieser Kunstsupermarkt ist verwaist.

Die Kunden von Peter Eduard Meier kommen sowohl aus dem In- als auch aus dem Ausland. Sein Schuhhaus „Ed. Meier“ gibt es seit 1596, vor einigen Jahren ist das Geschäft für Edeltreter in die Brienner Straße gezogen. „Die Krise wird uns sehr lange begleiten, aber früher oder später kehren wir zur Normalität zurück“, sagt er. Auch er kämpft mit gut 30 Prozent Umsatzverlust. Schon vor Corona hat er sich dazu entschlossen, eine kleinere Ladenfläche neben seinem Hauptgeschäft weiter zu vermieten – auch das ist ein kleines Stück Ausverkauf der Innenstadt.

Am Mittwoch fand eine Corona-Sondersitzung im bayerischen Landtag statt: Die Opposition zerpflückt Söder-Ministerin - Zahl der Neuinfektionen steigt erneut stark an.

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Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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