Ude im tz-Interview: Nachfolger unter Beobachtung

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Für einen erfahrenen Schirmherrn wie Oberbürgermeister Christian Ude ist ein gelegentlicher Regenschauer kein Grund zu schlechter Laune. Verschlungene Bahnen wie die Riesenrutsche im Michaelibad sind ihm auch geläufig: Hauptsache, man kommt am Ziel an

München - Im tz-Sommerinterview spricht OB Christian Ude über aktuelle Stadt-Themen wie die Bäder-Renovierung sowie über seine potenziellen Nachfolger.

Weisungsbefugnis hin oder her: Auch OB Christian Ude (63) schaffte es nicht, in den Bädern der Stadtwerke (SWM) angemessene Temperaturen nebst weißblauem Himmel für das traditionelle tz-Sommerinterview mit Redakteurin Barbara Wimmer bereitzustellen. Leider ging es den Bäderbetrieben nicht nur an diesem Tag nass nei – den ganzen Juli 2011 muss Chefin Christine Kugler auf der Negativseite verbuchen. 300 000 Gäste weniger als in einem guten Jahr, in dem eine gute Million kommen, sind es jetzt schon. Ein paar Kampfschwimmer kraulten allerdings auch im Schnürlregen durchs 50-Meter-Sportbecken im Michaelibad – wahrscheinlich froh über die relative Einsamkeit. Umso mehr Volk tummelte sich im dampfenden Strömungskanal. So viel Spaß hatte Christian Ude in den Schulschwimmstunden nicht – die ja doch schon einige Jahre her sind. Überhaupt legt Ude nach der Olympia-Schlappe von Durban jetzt erst mal eine Sportpause ein und denkt verstärkt über den politischen Wettkampf nach. Wer wird sich seiner Meinung nach aus der CSU in den Ring wagen, wenn es 2014 um seine Nachfolge geht? Und natürlich: Wer wird nach 21 Ude-Jahren – ein ganzes Zeitalter! – für die SPD antreten? Noch ist das letzte Wort nicht gefallen. Offiziell.

Wir haben gerade eine kleine Tour durch Münchens Bäder absolviert. An welches Bad haben Sie die frühesten Erinnerungen?

Christian Ude: Das ist das Nordbad und ich gestehe: In meiner Schulzeit habe ich dieses Bad noch gehasst! Der Schwimmunterricht von der Grundschule aus gehörte zu den entsetzlichsten Ausflügen: Wir haben gefroren, wollten nicht ins kalte Wasser springen. Der Lehrer hatte einen militaristischen Ton drauf und das Ganze endete regelmäßig damit, dass man blaue Lippen hatte und mit den Zähnen klapperte. Angesichts dieser Erinnerungen muss ich sagen, das Nordbad hat sich am vorteilhaftesten verändert. Ich war später öfters drin mit Mitarbeiterinnen aus meiner Anwaltskanzlei, die direkt schräg gegenüber lag. Heute ist das Nordbad eine wahre Bade-Idylle mitten im Häusermeer, sogar mit Badespaß im Freien und der Möglichkeit, Kurzurlaub von einer Stunde zu machen.

Sie schwimmen ja am liebsten in der Ägäis. Wo wäre die Münchner Alternative dazu?

Ude: Vielleicht wäre das im Olympiabad. Dort bin ich als junger Bürgermeister öfters in der Früh hingefahren, um eine Stunde zu schwimmen. Dort hat man halt den gesamten Genuss des Olympiaparks, diese leichte schwebende Architektur und die Großzügigkeit der Parkanlage. Später habe ich das zeitlich nicht mehr auf die Reihe bekommen. Öfters war ich auch im Cosimabad und im Dantebad, weil’s da im Freien so schön ist. Beeindruckt, ohne dass ich das schon als Badegast genutzt hätte, bin ich vom Westbad, weil da wirklich alles geboten wird, was man sonst nur von Badezentren gewöhnt ist, die man für teures Geld im Umland aufsuchen kann.

Die Stadt hat sich vor 20 Jahren entschlossen, die veralteten Bäder aufzumöbeln. Die zig Millionen schwere Mammutaufgabe Bäderkonzept hat sich also gelohnt?

Ude: Sie hat sich toll gelohnt. Wir haben ja damals, als die Bäderstudie in Auftrag gegeben wurde, in allen deutschen Städten einen rasanten Rückgang bei den Badegastzahlen gehabt. Viele deutsche Städte haben darauf, auch aus Gründen der Finanznot, mit Schließungen geantwortet. München hat im Gegenteil ganz kräftig investiert, und tatsächlich ist die Badelandschaft zu einer Attraktion geworden. Das gilt zwar auch für Gutverdiener, die hier in die Sauna gehen, aber es gilt ganz besonders für untere Einkommensgruppen, Familien mit Kindern, die hier ein Urlaubsvergnügen haben, ohne teuer verreisen zu müssen.

Trotzdem sind die Bäderbetriebe defizitär. Können sich das die Stadtwerke auf lange Sicht leisten?

Ude: Es ist eine Prioritätensetzung, die der Stadtrat als Eigentümer der Stadtwerke vorgenommen hat – ein Freizeitangebot, aber auch, wie man früher gesagt hätte, ein Beitrag zur Volksgesundheit. Das ist das Schöne, wenn man Stadtwerke hat: Man kann eigenen Unternehmen auch die Unternehmensziele vorschreiben. Die Bäderlandschaft hat sich im krassen Gegensatz zum bundesweiten Trend prächtig entwickelt. Wir haben siebenstellige Zuwächse bei den Badegastzahlen. Natürlich ist das im Sommer wetterabhängig. Da werden wir in diesem Jahr keine Rekordzahlen, sondern Einbrüche vermelden.

 

Von der Bäderlandschaft zur politischen: Vor wenigen Tagen wurde ein neuer CSU-Vorsitzender gewählt. Was erwarten Sie von Ludwig Spaenle?

Ude: Ich habe ja ein manchen schon fast verdächtig gutes Verhältnis zur Staatsregierung. Ob es zu Ministerpräsident Horst Seehofer ist, seinem liberalen Stellvertreter Martin Zeil, zu Innenminister Joachim Herrmann, der für die Kommunen zuständig ist, oder Finanzminister Georg Fahrenschon, mit dem wir Flughafenfragen, aber auch in Berlin steuer- und finanzpolitische Fragen besprechen. Es gibt nur zwei Staatsminister, die noch nicht vom Geist der Kooperation und Problemlösung ergriffen sind, sondern alle Schlachten als Parteirösser austragen müssen: Das sind die frühere Generalin Christine Haderthauer, die von sich selber gesagt hat, sie befinde sich mit dem Bayerischen Städtetag im Kriegszustand – wohlgemerkt damals unter einem CSU-Vorsitzenden – und Ludwig Spaenle, der keine Gelegenheit auslässt, sich als Mann mit parteipolitischem Brett vorm Kopf zu präsentieren. Aber ich habe damit kein Problem, jeder präsentiert sich so, wie er es für angemessen hält.

Das Amt des Kultusministers birgt viel Potenzial für Streit mit der Stadt. Gerade erst übte Ludwig Spaenle scharfe Kritik am mangelhaften Fortschritt bei der Mittagsbetreuung in München.

Ude: Das ist wirklich ein Hammer. Genauso könnte er den Grünen vorwerfen, sie hätten nicht rechtzeitig die Risiken der Atomenergie erkannt, sondern seien jetzt erst durch die Kanzlerin darauf aufmerksam gemacht worden. Wir haben doch Jahrzehnte auf dem Buckel, in denen Rot-Grün den Ausbau der Kinderbetreuung mit aller Kraft betrieben haben, während die CSU diesen Initiativen vor allem bei den ersten Lebensjahren größte Skepsis und sogar Beschimpfungen entgegengebracht hat. Wir haben Jahrzehnte auf dem Buckel, wo wir von der Staatsregierung Ganztagsangebote gefordert haben, die man hier solange verweigert hat, bis Bayern ein jämmerliches Schlusslicht wurde. Bei allen Vorzügen, die Bayern bei anderen Vergleichen hat, was Ganztagsangebote angeht, ist Bayern Schlusslicht. Dass der Mann mit der Schlusslichtlampe jetzt glaubt, diese Schwächen auf die Kommunen abwälzen zu können, ist sehr kurios, und da wünsche ich ihm in ganz Bayern viel Glück.

Wer wird OB-Kandidat der CSU?

Ude: Das ist eine wahnsinnig spannende Frage, denn der vor vielen Jahren ausgerufene Kandidat, der jetzt die Prinz-Charles-Rolle spielen darf, bleibt so auffällig im Hintergrund, während Spaenle mit jedem Nebensatz erkennen lässt, dass er sich für den besseren Kandidaten hält. Er äußert sich ja fast nur kommunalpolitsch. Wir beobachten diesen unausgesprochenen Wettkampf sehr amüsiert.

Spaenle betont aber bei jeder Gelegenheit, dass er kein Interesse an einer OB-Kandidatur hat. Könnte da quasi in letzter Minute doch noch ein Wechsel stattfinden?

Ude: Ich glaube, dass noch nie ein Kommunalpolitiker in Deutschland so viele Gegenkandidaten hatte, wie es mir vergönnt war – einmal waren es vier CSU-Bewerber hintereinander. Und jedes Mal ist gesagt worden, hinter dem jetzigen Bewerber stehen wir alle in brüderlicher Treue.

Wie hat sich Josef Schmid seit der letzten Wahl entwickelt?

Ude: Ich bin ja nicht der objektivste Beobachter, deswegen weise ich auf Umfrageergebnisse hin: Sein Bekanntheitsgrad sinkt wieder, aber der Zustimmungsgrad nimmt zu. Das heißt, er eckt nicht so oft an, er zeigt nirgendwo klare Kante, aber einen guten Willen, die CSU auf rot-grünen Kurs zu bringen – von der Kinderbetreuung bis zur Energiewende. Das kommt halt bei Stammwählern zwar nicht an, schafft auch keine Profilierung, aber es erhöht die Akzeptanz, wenn man im gegnerischen Lager akzeptabler wird, weil man sich den dortigen Auffassungen anpasst.

Die nächste OB-Wahl ist ja noch fast drei Jahre entfernt. Trotzdem sind alle Parteien auf Kandidatensuche, nach längerer Zeit auch mal wieder die SPD. Wer wird dort das Rennen machen?

Ude: Ich hoffe natürlich auf einen Erfolg der Bewerbung, die ich für die aussichtsreichste halte und unterstütze. Aber ich halte mich an den Zeitplan, dass erst die drei Bewerber, die nach wie vor zur Verfügung stehen, sich der gesamten Partei vorstellen, ehe wir dann eine kurze öffentliche Debatte führen und möglichst noch Ende dieses Jahres zu einem Ergebnis kommen. Da werde ich dann auch, wie ich schon einmal in einem tz-Interview gesagt habe, Ross und Reiter nennen.

Wie dem zu entnehmen ist, war damals Wirtschaftsreferent Dieter Reiter Ihr Favorit. Ist das immer noch so?

Ude: Das ist Ihre Interpretation, die allerdings nicht abwegig ist. An meiner Einstellung hat sich nichts geändert, sie hat sich im Gegenteil sehr gefestigt.

Wie soll die Entscheidung getroffen werden?

Ude: Da bin ich wirklich offen. Ich halte von einer Einbeziehung der gesamten SPD-Mitgliedschaft sehr viel, von einer Kandidatenaufstellung durch Nicht-Mitglieder halte ich nix. Ich frage mich dann wirklich, warum Mitglieder mitarbeiten und Beitrag zahlen sollen, wenn sie auch nicht mehr Rechte haben als Nicht-Mitglieder. Welche Form richtig ist, ob eine einvernehmliche Entscheidung im Parteivorstand oder eine Kampfabstimmung auf dem Parteitag oder ein Mitgliederentscheid, das muss die konkrete Situation ergeben.

Wenn es am Ende noch drei Kandidaten gibt: Reiter, Sozialreferentin Brigitte Meier und Fraktionschef Alexander Reissl?

Ude: Vor einem Mitgliederentscheid mit drei Kandidaten habe ich immer gewarnt. Das haben wir mal auf Bundesebene gehabt – es kann bedeuten, dass der politische Gegner vor allem triumphieren kann, weil keiner die Mehrheit der SPD hinter sich hat, sondern nur eine größere Minderheit als die beiden anderen. Das halte ich bei einer so entscheidenden Wahl nicht für eine gute Ausgangslage.

Und wenn bei zwei Bewerbern einer nur eine knappe Mehrheit erzielt?

Ude: Mehrheit ist Mehrheit. Das heißt dann halt, dass die SPD mehrere gute Persönlichkeiten hat, denen sie das Amt zutraut.

Barbara Wimmer

München Architektur: Stadtentwicklung und Stadtgestaltung

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