Teil 2 des großen Interviews

OB Reiter wagt Corona-Ausblick: „Dann steht einer Wiesn 2021 nichts mehr im Wege“

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter spricht im zweiten Teil des großen Interviews über seine Pläne zu Großveranstaltungen in München und die Verkehrswende.

  • OB Dieter Reiter (SPD) muss die Stadt München durch die Corona-Krise* führen.
  • Im zweiten Teil des großen Interviews (hier geht‘s zu Teil 1) spricht er über seine Einschätzungen zu künftigen Großveranstaltungen in München.
  • Er berichtet über die Zusammenarbeit mit den Grünen und darüber, wie er das Verkehrsproblem lösen will.

Herr Reiter, die Grünen wurden bei der Kommunalwahl klar stärkste Kraft, Sie wurden als Sozialdemokrat klar zum OB gewählt. Wo ist denn die Handschrift der SPD bisher erkennbar? Kernthemen wie die Verkehrswende werden mit den Grünen in Verbindung gebracht.

Dieter Reiter: Das sagen Sie. Man muss sich aber lösen von dem Schubladendenken. Die Verkehrswende ist ein gutes Beispiel, denn unter mir als OB wurde hier bereits in den letzten Jahren viel auf den Weg gebracht. Dass das Thema Radfahren auf der grünen Agenda steht, bestreite ich nicht. Radverkehr bildet die Verkehrswende aber eben nur in einem kleinen Teil ab. Ganz wesentlich ist es, die Menschen zum Umsteigen auf den öffentlichen Nahverkehr zu bringen. Daher brauchen wir einen deutlich intensiveren Ausbau des Nahverkehrs, attraktive Konditionen und eine bessere Leistungsfähigkeit.

Ist für Sie auch der Altstadt-Radlring unverzichtbar?

Reiter: Der ganze Komplex Verkehrswende ist elementar wichtig für die Lebensqualität in unserer Stadt. Ohne Veränderung in der Mobilität wird es diese Lebensqualität in 20 oder 30 Jahren nicht mehr geben. Und die kolportierten Kosten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro für die Radwege halte ich für übertrieben.

OB Dieter Reiter über München: Höhere Corona-Zahlen waren „für die Urlaubszeit absehbar“

Läuft es mit den Grünen besser als mit der CSU?

Reiter: Sagen wir mal so: Beide Seiten müssen noch an einer professionelleren Zusammenarbeit feilen. Ich fand es einigermaßen überraschend, dass unser Koalitionspartner eine eigene Pressekonferenz zur 100-Tage-Bilanz macht. Das kannte ich bisher so nicht aus Koalitionen. Aber das ist nichts, was mich wirklich stört. Wenn ich daran denke, wie oft ich mich anfangs mit führenden Vertretern unseres früheren Koalitionspartners gequält habe, dann ist das jetzt im Vergleich kein Problem (lacht).

Die Corona-Krise bestimmt unseren Alltag: Glauben Sie, dass uns eine zweite Welle trifft und wird es erneut Einschränkungen geben?

Reiter: Wir erleben gerade, dass die Infektionszahlen deutlich steigen. Das war für die Urlaubszeit absehbar. Es kann aber niemand seriös sagen, ob sie wieder so hoch sein werden wie im März oder April. Dann ist nicht auszuschließen, dass es erneut Einschränkungen gibt. Man kann nur immer wieder darum bitten, dass alle sich an die Regeln halten. Das ist zwar lästig, dient aber auch dazu, dass wir irgendwann zur Normalität zurückkehren. Aber ganz klar: Das Thema Großveranstaltungen wird uns noch eine Weile begleiten. So sehr uns das auch alle einschränkt.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) an der Isar.

OB Dieter Reiter: Fasching in München wird eher abgesagt

Das gilt dann auch für den Fasching?

Reiter: Es kann niemand sagen, was im November, was nächstes Jahr ist. Aber die ersten Stimmen der Veranstalter deute ich so, dass eher abgesagt wird, weil auch die Gefahr besteht, dass keiner auf die Faschingsfeiern kommt. Die Vorstellung, dass es ein unverändertes Faschingstreiben in Ballsälen geben wird, halte ich daher für sehr optimistisch. Das gilt auch für Konzerte oder Fußballspiele. Prämisse muss für mich als OB weiterhin der Gesundheitsschutz der Menschen sein.

Wie realistisch ist es denn, dass die Schanigärten stattfinden können?

Reiter: Ich habe dafür große Sympathie. Die Verwaltung ist aktuell beauftragt, ein Konzept zu erstellen. Natürlich wird es nicht so sein wie im Vorjahr. Es ist vorstellbar, dass es weniger Stände gibt, damit die Wege breiter sind. Es ist auch denkbar, dass die Märkte räumlich ausgedehnt werden. Der Markt am Sendlinger Tor könnte auf die Herzog-Wilhelm-Straße erweitert werden, der Markt am Marienplatz bis zum Stachus. Das ist alles denkbar, um die Abstände zu gewährleisten und keine Menschenansammlungen zu riskieren. Das mag dann nicht den Flair haben wie in der Vergangenheit. Aber ich fände es schön, zu Weihnachten ein kleines Zeichen zu haben, dass es wieder ein bisschen Normalität gibt nach diesem schwierigen Jahr.

OB Dieter Reiter: Freischankflächen in München sind „Gewinn an Aufenthaltsqualität“

Die Schanigärten erfreuen sich großer Beliebtheit. Ist es vorstellbar, die Erweiterungen für die Gastronomie auch dauerhaft beizubehalten?

Reiter: Ja. Ich höre jedenfalls von allen Seiten kaum Kritik, was in München eher selten ist. Aber man muss so ehrlich sein, dass wir jetzt über mehrere Wochen gutes Wetter hatten. Das hätte auch anders laufen können – vier Wochen Regen und dann keine Parkplätze, dafür Freischankflächen, die leer sind. Aber so war es ja zum Glück nicht. Ich finde die Idee nach wie vor gut. Die schwer geplagte Gastronomie konnte so einen Teil der Ausfälle wieder reinholen und der gewonnene Platz ist ein absoluter Gewinn an Aufenthaltsqualität.

Wie ist Ihr Kenntnisstand in Sachen Impfstoffforschung? Das Klinikum Schwabing ist ja ein Testzentrum.

Reiter: Ich will mich nicht an Spekulationen beteiligen, habe aber schon die Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit einen unseren Maßstäben entsprechenden Impfstoff geben wird. Jedenfalls sagen die Fachleute, es sei nicht unwahrscheinlich, dass es schon im ersten Quartal nächsten Jahres einen Impfstoff geben könnte.

Tatsächlich?

Reiter: Ich halte das für möglich. Die ganze Welt beteiligt sich schließlich an der Forschung. Daher habe ich durchaus Hoffnung.

OB Dieter Reiter (SPD) über die Wiesn 2021: „Wenn es einen Impfstoff gibt ...“

Also wird es 2021 eine Wiesn geben?

Reiter: (lacht) Das ist natürlich eine wichtige Frage...

Daher haben wir sie uns für den Schluss aufgespart.

Reiter: Meine Hoffnung ist, dass das Oktoberfest nächstes Jahr wieder stattfinden kann. Wenn die erste Hypothese zutrifft, es also bald einen Impfstoff geben wird, dann steht einer Wiesn 2021 nichts im Wege.

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Rubriklistenbild: © Marcus Schlaf

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