Razzia in Augsburg: Terrorverdacht gegen drei Männer

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Er klagte um einen Schlafplatz

Obdachloser Hristo Vankov gestorben: „Ich bin kein Mensch zweiter Klasse“

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„Wenn ich hier meinen Job verliere, kann ich immer noch Flaschen sammeln“: Hristo Vankov im August. 

Hristo Vankov aus Bulgarien schlief unter Brücken und arbeitete auf dem Bau. 14 Jahre lebte er in München. Im Sommer verklagte er die Stadt erfolgreich auf einen Unterkunftsplatz. Nun ist er gestorben - an Diabetes.

Es gab einen Moment im Gespräch Mitte August, da blitzten Hristo Vankovs müde Augen kurz auf. Die Frage, wovon er träume – die hatte er lange nicht gehört. „Alles, was ich will“, sagte er mit flehendem Lächeln, „ist ein Job, eine Wohnung, ein normales Leben.“ Er durfte es nicht mehr erleben. Mit 57 Jahren ist der Bulgare, der sich in dieser Stadt so lange durchgekämpft hat, gestorben – an den Folgen von Diabetes.

Sein Schicksal führt erneut die prekäre Lebenslage vieler südosteuropäischer Armutszuwanderer vor Augen. Ende 2016 waren in München rund 12 900 Bulgaren und 18 800 Rumänen gemeldet. Die meisten gehen regulären Jobs nach. Sozialleistungen beziehen derzeit 1560 Bulgaren und 998 Rumänen – fast doppelt so viele wie 2013, aber nur drei Prozent aller Leistungsberechtigten, wie ein Sprecher des Jobcenters betont: Von „Zuwanderung in die Sozialsysteme“ könne keine Rede sein. EU-Migranten haben in den ersten fünf Jahren nur Anspruch, wenn sie gearbeitet haben.

Vankov hätte Hartz IV bekommen, hat es aber nie beantragt. „Er wollte immer arbeiten“, sagt Savas Tetik, der im Beratungscafé an der Sonnenstraße Tagelöhnern hilft. Seit 2010 kannte er den freundlichen, „nie aggressiven“ Mann, der meist auf Baustellen schuftete – ohne oder mit Arbeitsvertrag. Geld sah er nicht regelmäßig. „Er kam oft wegen ausstehender Löhne“, sagt Tetik. „Er war schon froh, wenn er ein Drittel bekam.“

Seit 2014 dürfen sich Bulgaren und Rumänen innerhalb der EU Arbeit suchen – Stichwort Freizügigkeit. Vankov hatte im bulgarischen Pazardzhik für eine staatliche Firma Wasserleitungen verlegt, bis er Ende der 90er-Jahre den Job verlor. Nach der Trennung von seiner Frau zog er zu seinem Bruder, musste aber bald dessen Familie Platz machen. 2004 kam er nach München, wo er sich viel versprach – und schlug sich durch, wie hunderte Südosteuropäer.

Vankov hatte Diabetes. Insulin bekam er von der Kirche. Eine Krankenversicherung hatte er nicht, wurde notdürftig von Hilfsdiensten versorgt. Im Winter schlief er im Kälteschutz in der Bayernkaserne, der zur Hälfte von Bulgaren und Rumänen genutzt wird. Sein Körper und seine Psyche litten unter dem entbehrungsreichen Leben, immer wieder kollabierte er. „Er versuchte so sehr, sich etwas aufzubauen“, sagt Tetik. „Es reichte nicht, um den Teufelskreis zu durchbrechen“, sagt Lisa Riedner von der Initiative Zivilcourage: „Ohne Wohnung keine geregelte Arbeit, ohne diese keine soziale Absicherung, ohne diese keine Wohnung.“

In München leben geschätzt bald 9000 Wohnungslose. Die meisten muss die Stadt in ihren rund 50 Unterkünften unterbringen. Für EU-Zuwanderer gilt: Einen Platz erhält nur, wer nachweisen kann, dass er im Heimatland keine Bleibe hat. Die Zahl wilder Camps stieg laut Kreisverwaltungsreferat binnen eines Jahres von 34 auf 47. Vankov lief von Amt zu Amt. „Aber so ein Nachweis ist unmöglich aufzutreiben“, sagt Christina König von der Initiative Zivilcourage. Diese half ihm, die Stadt zu verklagen. Im August entschied das Verwaltungsgericht zu seinen Gunsten. Zuletzt lebte er in Pasing.

Vankov protestierte mit Freunden für seine Rechte. „Ich bin kein Mensch zweiter Klasse, oder?“, schrieb er 2010 auf eine Pappe. Im September fuhr er nach Bulgarien, um Dokumente zu besorgen. Dort musste er plötzlich ins Krankenhaus – wo er am 5. Oktober verstarb. Tetik trauert um einen „tollen Freund“, im Infocafé gab es eine Trauerfeier. Viele Tagelöhner fürchteten nun, dass ihnen Ähnliches widerfahre, wenn sie älter würden, sagt er. Riedner fragt: „Wie kann das sein – Lebensverhältnisse, die töten, mitten in München?“ Nächste Woche will sie zu seinem Arbeitgeber gehen – um den ungezahlten Lohn einzufordern.

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