125 Jahre Gefängnis Stadelheim

Stadelheim-Chef spricht über Zschäpe und prominente Insassen: „Große Herausforderung“

+
Das Gefängnis Stadelheim hatte schon einige prominente Insassen.

Die JVA Stadelheim ist Bayerns größtes Gefängnis. Seit 125 Jahren werden hier Häftlinge weggesperrte. Im tz-Interview spricht der Chef Michael Stumpf über seine prägendsten Erlebnisse.

München - Bayerns größter Knast wird 125 Jahre alt! Als Königliches Strafvollstreckungsgefängnis hatte die JVA Stadelheim im Jahr 1894 den Betrieb aufgenommen, heute sitzen 1.500 Häftlinge in Obergiesing hinter Gittern. Darunter oft auch prominente Namen – sie bilden den Mythos Stadelheim. Seit zehn Jahren leitet Michael Stumpf die Justizvollzugsanstalt. Zum Jubiläumstag spricht er in der tz über seine spannendsten, schönsten und traurigsten Momente.

Stadelheim-Chef Michael Stumpf im Interview

Mit welchen Gefühlen sehen Sie dem Jubiläum entgegen und was bedeutet es Ihnen?

Michael Stumpf: Ich sehe meine mittlerweile zehnjährige Dienstzeit nicht unter dem Aspekt, dass es sich um ein „Jubiläum“ handelt. Die zehn Jahre als Behördenleiter sind im Eiltempo vorübergezogen. Ich glaube, das hängt mit der Größe der Anstalt, der hohen Fluktuation unter den Gefangenen, teilweise aber auch im Personal, und vor allem mit der großen Bandbreite an Herausforderungen zusammen, die in der Justizvollzugsanstalt München zu bewältigen sind. Am Ende vieler Arbeitstage frage ich mich, wo die Zeit geblieben ist. Wenn ich dann überlege, wie viele Gespräche und Telefonate ich an diesem Tag geführt habe, wie viele Besprechungen stattgefunden haben, wie viele Mails zu schreiben und zu beantworten waren und wie viele Akten über meinen Schreibtisch gegangen sind, wundere ich mich auch nach zehn Jahren immer noch, wie vielseitig diese Arbeit ist. Im Grunde ist das aber nicht erstaunlich: Wir sind eine sehr große Behörde mit 1500 Gefangenen, allen Haftarten außer Sicherungsverwahrung und Abschiebehaft, über 650 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, vielen neben- und ehrenamtlich Tätigen und einer Fülle von Außenkontakten und Verflechtungen mit zahlreichen Behörden und Institutionen. Vermutlich sind wir das größte deutsche Gefängnis überhaupt.

Was war das prägendste Erlebnis für Sie in zehn Jahren Stadelheim? An welchen Tag erinnern Sie sich wie heute?

Stumpf: Stadelheim besuchen viele interessante oder beeindruckende Persönlichkeiten. Ein besonders schönes Erlebnis für mich war, als Kardinal Friedrich Wetter in der Frauenabteilung einen Gottesdienst mit uns gefeiert hat und danach zum Mittagessen geblieben ist. Auch Kardinal Reinhard Marx war mehrmals bei uns, ebenso wie Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler. Sehr berührt hat mich der Besuch von Charlotte Knobloch und Hans-Jochen Vogel zum 70-jährigen Gedenken der Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose.

Stadelheim-Chef Michael Stumpf.

Auf welche Leistung von Ihnen sind Sie besonders stolz?

Stumpf: Der Justizvollzug ist nie das Werk eines Einzelnen, sondern eine große Team-Leistung. Ich bin dankbar, dass ich viele tüchtige und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter habe, die jeweils an ihrem Platz unter oft sehr schwierigen Bedingungen ihr Bestes geben, damit dieses faszinierende große Räderwerk „Stadelheim“ läuft. Es gibt immer wieder Ereignisse, über die ich mich sehr freue. Dazu gehört gleich zu Beginn meiner Amtszeit der Umzug von der alten, maroden und beengten Frauenabteilung am Neudeck in ein modernes, zeitgemäßes neues Gebäude. Diese Abteilung hatte ich Jahre zuvor in Grundzügen mit meinem damaligen, leider viel zu früh verstorbenen Chef Hans-Herbert Moser und weiteren Mitarbeitern planen dürfen. Das war ein Quantensprung, was die Unterbringung der weiblichen Gefangenen und das Arbeitsumfeld für das Personal anbelangt. Gefreut habe ich mich auch, als der Bayerische Landtag vor einiger Zeit grünes Licht für den Bau einer neuen Krankenabteilung gegeben hat. Über Fragen der Sanierung der alten Abteilung oder einen Neubau haben wir nämlich schon in den 1990er Jahren intensiv diskutiert. Vor Kurzem habe ich mich zum Beispiel gefreut, weil wir einen rund 30 Jahre alten Transporter Marke „Holzklasse“ durch einen nagelneuen Bus mit Klimaanlage ersetzen durften, mit dem meine Mitarbeiter Gefangene zu Gerichtsterminen fahren. Als es im Sommer oft tagelang so heiß war, haben Beamte und Gefangene über gesundheitliche Probleme geklagt, wenn sie bei den Fahrten mit dem alten Wagen bis zu einer Stunde bei fast 40 Grad vom Gericht bis nach Stadelheim unterwegs waren. Ich freue mich auch, wenn sich ehemalige Insassen melden und berichten, wie es ihnen nun geht.

Der Mythos Stadelheim steht mitten in München. 1420 Meter misst die Außenmauer der Justizvollzugsanstalt, die im Jahr 1984 gebaut wurde. Ein Blick in Stichworten hinter die Gefängnismauern.

Stumpf: NSU-Prozess war große Herausforderung

Wer war der spannendste Häftling, den Sie erlebt haben?

Stumpf: Im Lauf der Jahre haben wir zahlreiche mehr oder wenige „prominente“ Häftlinge bei uns gehabt. Eine große Herausforderung, zugleich aber sehr spannend war auch für uns „Stadelheimer“ der NSU-Prozess.

Was war das traurigste Erlebnis Ihrer Amtszeit?

Stumpf: Persönlich betroffen bin ich, wenn ein Gefangener in Haft stirbt. Sehr traurig bin ich auch, wenn Mitarbeiter aus dem aktiven Dienst oder im Ruhestand sterben. Ich bin ja abgesehen von meinen fünf Jahren im Justizministerium seit 1989 in der Justizvollzugsanstalt München tätig und kenne deshalb auch viele Pensionisten aus gemeinsamer Arbeit. Wo immer zeitlich möglich und von den Angehörigen gewünscht, versuche ich bei der Trauerfeier über die beruflichen Verdienste der Verstorbenen zu sprechen. Wir sind da so eine Art große Familie.

Gab es einen Ausbruch oder Ausbruchsversuch, während Sie JVA-Leiter waren?

Stumpf: Da muss ich jetzt lange zurückdenken. Es gab einen Ausbruchsversuch bei Nacht, der aber rechtzeitig entdeckt wurde. Große Sorge hatte ich vor allem während der letzten beiden Jahre, als wir bei laufendem Betrieb die Anstaltsmauer saniert und einen inneren Sicherheitszaun gebaut haben. Die Mitarbeiter haben manchmal gestöhnt, weil ich in der Regel am Freitag rund um die Anstalt gelaufen bin und selbst geschaut habe, ob durch die Bauarbeiten irgendwo Schwachstellen entstanden sind. Dabei kam mir meine Erfahrung aus fünfjähriger Tätigkeit im Sicherheitsreferat des Ministeriums zugute. Man bekommt dort einen enormen Überblick über die 36 bayerischen Anstalten, aber auch über viele andere deutsche Gefängnisse und die in unseren europäischen Nachbarländern. Ein paar Mal haben meine Rundgänge dann zu irgendwelchen kurzfristigen Arbeitsaufträgen geführt, um die Sicherheitslage bei uns weiter zu verbessern.

Mussten Sie mal eine Person, die Sie privat kannten, als Insasse in Stadelheim begrüßen?

Stumpf: Das war bereits bei meiner früheren Tätigkeit hier der Fall – etwa um die Jahrtausendwende habe ich einen ehemaligen Kameraden aus meiner Bundeswehrzeit bei den Bad Reichenhaller Gebirgsjägern getroffen. Er war ein wenig erschrocken, mich hier zu sehen. Wir haben ihn gleich in eine andere Abteilung verlegt, damit ich nicht für ihn zuständig war.

Stumpf wünscht sich personelle Verstärkung

Welche Veränderungen in der JVA wünschen Sie sich für die Zukunft?

Stumpf: Da gibt es noch eine ganze Reihe von Wünschen, die ich zum Teil gemeinsam mit dem Justizministerium verfolge. Wichtig wäre mir eine weitere personelle Verstärkung in verschiedenen Bereichen. Ich setze mich auch seit Jahren dafür ein, dass zwei Unterkunftsgebäude für zusammen etwa 400 Gefangene durch Neubauten ersetzt werden. Diese beiden Häuser entsprechen seit Jahren nicht mehr dem Standard. Ich würde auch gerne die recht langen Zeiten verkürzen, an denen die Gefangenen in ihren Hafträumen eingeschlossen sind.

Wie lange bleiben Sie noch JVA-Leiter? Was folgt danach?

Stumpf: Wenn ich gesund bleibe, werde ich voraussichtlich noch etwa fünf Jahre daran arbeiten können, wenigstens noch einen Teil meiner Ideen umzusetzen. Ich wünsche mir, dann in unserem Ruhestand gemeinsam mit meiner Frau viel in der Natur sein zu können.

Wenn wir uns in zehn Jahren wieder sprechen: Wie sieht Ihr Leben dann aus?

Stumpf: Vielleicht habe ich dann endlich wieder mehr Muße zum Lesen. Ich könnte mir auch vorstellen, einige Veranstaltungen über Geschichte, Philosophie oder Literatur an der Universität zu besuchen. Und ich würde mich gerne sozial engagieren. Für all das fehlen mir im Moment Zeit und Energie.

Prominente Ex-Häftlinge

Beate Zschäpe

Die Haftzeit von Beate Zschäpe in Stadelheim beschreibt Michael Stumpf als „eine große Herausforderung“, da die ganze Welt sich für den Ausgang des NSU-Prozesses interessierte. Zschäpe saß seit Mai 2013 in Stadelheim, als der NSU-Prozess in München begann. Nach dem Urteil wurde sie verlegt.

Moshammer-Mörder Herisch Ali A.

Im Jahr 2005 hatte Herisch Ali A. den Modezar Rudolph Moshammer erdrosselt. Nach der Verhaftung saß er in Stadelheim ein. „Er war hier in Untersuchungshaft, ist aber nicht besonders in Erscheinung getreten“, sagt Stumpf. Später erhielt der Mörder lebenslang, die Haft sitzt er in Straubing ab.

Adolf Hitler

Adolf Hitler saß in den 1920er-Jahren in Stadelheim ein. „Das war eine relativ kurze Geschichte“, sagt Michael Stumpf. „Er war einen Monat wegen Landfriedensbruch hier und hatte vorher mit einem Komplizen eine Versammlung im Löwenbräukeller gewaltsam gestört“, erklärt der Knastchef.

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

MVG-Kracher: Kommt das Kombi-Ticket nach München?
MVG-Kracher: Kommt das Kombi-Ticket nach München?
Amateurfußball in München: Torwart (43) mit unfassbarem Ausraster - Verein mit drastischer Maßnahme
Amateurfußball in München: Torwart (43) mit unfassbarem Ausraster - Verein mit drastischer Maßnahme
Dramatische Rettung: Schwer verletzter Bauarbeiter steckt über eine Stunde mit Fuß in Maschine fest
Dramatische Rettung: Schwer verletzter Bauarbeiter steckt über eine Stunde mit Fuß in Maschine fest
Münchens neuer Christbaum steht mit Verzögerung: An den Vorgänger reicht er nicht heran
Münchens neuer Christbaum steht mit Verzögerung: An den Vorgänger reicht er nicht heran

Kommentare