Fehlplanung im Agfa-Park

Über 1.000 neue Wohnungen - aber keine Schule

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Der Agfa-Park an der ­Tegernseer Landstraße: Hier entstehen Wohn- und Büroräume

München - Im Agfa-Park in Obergiesing werden derzeit 1.200 Wohnungen hochgezogen, bald sind die ersten davon bezugsfertig. Soweit, so gut. Doch in der Umgebung fehlen die nötigen Schulplätze.

Da fängt die große Pause praktisch schon vor dem Unterricht an … Im Agfa-Park in Obergiesing werden derzeit 1200 Wohnungen hochgezogen, bald sind die ersten davon bezugsfertig. Und schon jetzt ist klar, dass an der Grundschule an der Weißenseestraße die Klassenzimmer für die Kleinen fehlen werden, die bald dort in die Schule gehen müssen. Alexander Reissl, SPD-Fraktionsvorsitzender im Rathaus, hat jetzt eine Anfrage zu dem Thema gestellt: Er will Auskunft darüber bekommen, wie die geplante Grundschulversorgung für Obergiesing ausschaut.

„Es ist jedes Mal das Gleiche“, schimpft ­Reissl. „Erst mussten die Eltern im Arnulfpark und am Hirschgarten sowie in Nymphenburg in den Neubaugebieten jahrelang auf eine eigene Schule warten, jetzt sieht es wieder so aus, dass in Giesing auf Jahre keine Unterrichtsräume für die Neubürger zur Verfügung stehen werden.“

Auch an der Baierbrunner Straße lasse der Schulhausneubau auf sich warten. In der ehemaligen Funkkaserne werden die 2.500 Wohnungen lang vor Fertigstellung der Schule bezogen sein, prophezeit Reissl: „Hier gibt es noch nicht einmal einen Stadtratsbeschluss für den Bau einer Schule.“ Dabei sind zuletzt schon in der benachbarten Parkstadt Schwabing 1.500 neue Wohnungen entstanden.

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Eigentlich ist der zuständige städtische Schulreferent Rainer Schweppe ein Parteifreund Reissls. Umso überraschender ist die Kritik aus der eigenen Partei. CSU-Fraktionschef und OB-Kandidat Josef Schmid bemängelt schon länger, dass in den großen Neubaugebieten der Bau der sozialen Infrastruktur um Jahre hinter den Wohnungen herhinke.

Was die Schulen betrifft, erklärt die Sprecherin des Schulreferates Ursula Oberhuber die regelmäßigen Verzögerungen beim Bau so: „Die Bauträger können schneller planen und bauen als wir.“ Architekten- und Bauleistungen müssten öffentlich ausgeschrieben werden. Oberhuber: „Außerdem brauchen wir stets die Zustimmung des Stadtrates.“

An der Grundschule Weißenseestraße ist der Baubeginn für die neuen Klassenräume laut Oberhuber für das Jahr 2016 geplant, die Einweihung dann für 2018. Die jetzt vierzügige Schule solle dann auf sieben Züge aufgestockt werden. Sprich: Die Grundschule braucht drei neue Klassenzimmer.

Und was ist bis dahin? Ursula Oberhuber sagt: „Damit wir den Bedarf schon vorher abdecken können, werden wir voraussichtlich Ostern 2014 Pavillons für drei Klassenzimmer an der Weißenseestraße aufstellen.“

In der ehemaligen Funkkaserne werde man im kommenden Herbst Container für zwölf Klassenzimmer zur Verfügung stellen.

Südseite

Auf dem ehemaligen Siemens-Gelände an der Hofmannstraße (Obersendling) wachsen schon seit sechs Jahren die Wohnhäuser aus dem Boden – eins nach dem anderen. Bald werden hier 2.000 Menschen leben. An der Baierbrunner Straße soll eine dreizügige Grundschule für 250 Kinder entstehen. Soll. Bisher liegen dort allerdings nur Kieshaufen herum, der Baubeginn ist noch unbekannt. Zum kommenden Schuljahr werden auf dem Grundstück Schul-Container für acht Klassen aufgestellt.

Hirschgarten/Nymphenburg

Bereits im Juli 2008 beklagten sich Eltern aus dem Neubauvierteln am Hirschgarten sowie in Nymphenburg, dass sie keine eigene Schule im Neubaugebiet hatten. Die Kinder wurden einstweilen in den Schul-Containern an der Trojanostraße unterrichtet, die Sie unten sehen. Das ging so bis zum September 2012, als endlich die neue Grundschule an der Margarethe-Danzi-Straße eingeweiht wurde. Die Schul-Container stehen übrigens noch – als Ausweichquartier für die Sanierung der Rudolf-Diesel-Realschule.

Arnulfpark – Marlene-Dietrich-Straße

Lang hat’s gedauert, bis dieses Foto hier möglich war: Nadia Andreae mit ihren Töchtern Marlene (9) und Carla (7) vor der neuen Schule. Sieben Jahre vergingen zwischen dem Einzug in die Wohnung im Arnulfpark und der Fertigstellung der Grundschule. Marlene ging zwischenzeitlich in die Container-Schule in der Blutenburgstraße. Die Mama erzählt: „Als wir uns die Wohnung im Arnulfpark gekauft hatten, gingen wir davon aus, dass wir eine kinderfreundliche Infrastruktur auffinden werden.“ Doch die Realität sah anders aus: „Wir sind 2005 eingezogen. Die Schule sollte 2010 zur Einschulung unserer ältesten Tochter Marlene fertig sein. Tatsächlich wurde aber erst im Frühjahr 2010 mit dem Bau begonnen und die Schule erst zum September 2012 eröffnet.“ Die Schule selber sei allerdings noch nicht einmal das größte Problem gewesen. Noch schwieriger war’s, Hortplätze zu bekommen. Andreae: „Um die Räume für den Kinderhort für die Zeit, bis die Schule fertig wird, mussten wir uns selbst kümmern. Wir bekamen sie erst, nachdem wir kräftig Druck auf die Politik ausgeübt haben.“

Tatsache ist: Bereits 2005 waren die meisten der Wohnungen in diesem zentralen Neubauviertel fertig. Die zwei Schul-Container, die jahrelang zur Überbrückung genutzt wurden, lagen rund einen Kilometer entfernt. Beim Neubau der dreizügigen Grundschule mit sechsgruppigem Tagesheim und zwei Mittagsbetreuungsgruppen gab’s zu allem Überfluss auch noch ein Jahr Extra-Wartezeit. „Es gab einen Bombenfund, der die ganze Sache erheblich verzögerte“, sagt Ursula Oberhuber vom Schulreferat.

Johannes Welte

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