„Man kann Thema nicht mehr ausblenden“

Die Angst am Nockherberg: Mieter bangen um günstigen Wohnraum

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Umzingelt: Ernesto Lukschik wohnt an der Hochstraße 71, um ihn herum entstehen bald viele neue Wohnungen (re. unten). Er ist überzeugt, dass auch sein Haus (rechts oben) bald abgerissen wird, ein Investor hat es bereits gekauft.

Während Kinder die vielen Bagger am Nockherberg als Sensation bestaunen, empfindet Ernesto Lukschik, der seit 35 Jahren an der Hochstraße 71 wohnt, diese als Bedrohung.  Bei einem  Mieterstammtisch sprach er über seine Befürchtungen.

München - Seit gut zehn Jahren ist klar, dass sich das Viertel stark verändert. Die Brauerei Paulaner ist an den Stadtrand gezogen, und um Lukschik herum entsteht ein neues Viertel. Eines, von dem Lukschik glaubt, dass er es sich nicht wird leisten können.

Der selbstständige Handwerker wurschtelt finanziell eher so vor sich hin, hangelt sich mit kleinen Aufträgen von Monat zu Monat. Derweil fließen in seiner Nachbarschaft unvorstellbar hohe Summen. Die Bayerische Hausbau will auf den Paulaner-Flächen drei Blöcke mit 1500 Wohnungen bauen – die teuersten sollen für 20.000 Euro pro Quadratmeter verkauft werden.

Ein weiterer Großinvestor hat nun in Haidhausen Fuß gefasst – der Projektentwickler und Asset Manager Becken mit Hauptsitz in Hamburg. Becken hat Ende Dezember 2017 das 9000 Quadratmeter große Baufeld in der Hochstraße Nummer 75 von der Bayerischen Hausbau gekauft, wie das Unternehmen auf Anfrage bestätigt. Ernesto Lukschik wohnt im Haus daneben, Hausnummer 71. Auch dieses Haus und das mit Nummer 73 wurden verkauft. Auf Anfrage allerdings erklärte Becken, der Käufer der Häuser mit den Nummern 71 und 73 sei nicht die Becken-Holding, sondern die Familie Becken.

„Da werden Altbauten daneben wohl kaum stehen bleiben“

Für Lukschik spielt das keine Rolle. „Egal, ob die Holding oder die Familie selbst die Häuser gekauft hat, ich habe Angst“, sagt er. Denn laut Immobilienzeitung plant Becken an der Hochstraße Nummer 75 ein Wohnquartier mit bis zu 200 Eigentumswohnungen: hochwertige Zwei- bis Vier-Zimmer-Wohnungen mit 45 bis über 200 Quadratmetern Größe. „Da werden die unrenovierten Altbauten daneben wohl kaum stehen bleiben“, glaubt Ernesto Lukschik. Er zahlt für seine 75 Quadratmeter 600 Euro inklusive Betriebskosten. Wie lange noch? Lukschik hat wenig Hoffnung: „Ich habe Angst. Das Haus, in dem ich wohne, ist über 100 Jahre alt und bietet genau Menschen wie mir, die sich ohne Sozialleistungen mit geringen Einkommen über Wasser halten, eine Zuflucht. Mit uns ist das große Geld nicht zu machen, und wenn man sich München anschaut, dann geht es vielerorts nur noch um das große Geld.“

Ernesto Lukschik berichtete von seinen Ängsten am neu ins Leben gerufenen Mieterstammtisch.

Eine Entwicklung, die auch Mieterschützern Angst macht. „Man kann dieses Thema nicht mehr ausblenden. Jeder kennt inzwischen wohl jemanden, dessen Haus verkauft wurde und der fürchtet, sich seine Wohnung bald nicht mehr leisten zu können“, sagt Anja Franz vom Mieterverein München. Sie verstehe, wenn die kleinen Leute Angst vor den großen Investoren hätten.

Becken-Gruppe ist in ganz Deutschland tätig

Die Becken-Gruppe, die in München auch in Nymphenburg investiert, und zwar 45 Millionen Euro in Neubauten an der Romanstraße, ist tätig in ganz Deutschland und rechnet bis Ende 2018 mit einem Projektentwicklungsvolumen von zwei Milliarden Euro. „Wenn ich das lese, löst das bei mir die nackte Existenzangst aus“, so Lukschik.

Baubeginn für das Becken-Projekt an der Hochstraße Nummer 75 ist 2019. Was mit den Häusern Nummer 73 und 71 geplant ist, darauf gab Becken keine Antwort. „Die Abrissbirnen rücken näher, es ist nur eine Frage der Zeit“, prophezeit Lukschik. Nachts träume er davon, dass lärmende Baumaschinen ihn aus Haidhausen vertreiben.

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