1860 München

Geisterspiel für die Sechziger: Kleine Dramen vor dem Stadion

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„Ein Geschenk Gottes“: Vom Dachfenster einer Wohnung aus schauen Martin Ohlmüller (v. l.), Andreas Öchsler und Raffaele Gargiulo ihren Löwen zu.

1860 München gewinnt vor leeren Rängen gegen Nürnberg – doch vor dem Stadion spielen sich kleine Dramen ab.

München - Zwischen Katastrophe und Glückseligkeit liegt manchmal nur wenig – für Raffaele Gargiulo waren es heute zehn Euro. Vor wenigen Minuten stand der Löwenfan noch haareraufend vor dem Grünwalder Stadion und zermarterte sich das Hirn, wie er das Spiel doch noch sehen könnte. „Eine Katastrophe!“, sagte er immer wieder. Jetzt, pünktlich zum Anpfiff, lehnt Gargiulo, 70, im Dachfenster einen fremden Wohnung und schaut seinen Löwen von oben beim Siegen zu. „Das ist ein Geschenk Gottes!“ Zehn Euro hat er der Besitzerin der Wohnung dafür in die Hand gedrückt. „Ich hätte auch 350 Euro gezahlt.“

Torreiches Geisterspiel! 1860 schlägt FCN - Noten trotzdem eher mau

Giesing, kurz vor zwei, 34 Grad im Schatten. Affenhitze im leeren Löwenkäfig. Das Stadion ist abgeriegelt – wegen der Randale am Ende der letzten Saison müssen die Fans draußen bleiben. „Geisterspiel“. 12 500 dürfen normal rein, diesmal sind es ein paar Journalisten und 60 geladene Gäste. Die Straßen sind wie leer gefegt. Ab und zu rollt ein Polizeiauto vorbei. Ein Grüppchen von 15 Fans zieht grölend ums Stadion, die Männer mit nackten Oberkörpern, die Frauen mit Kindern auf den Armen. Sie rütteln an den versperrten Eisentoren. Die sind mit Planen verhängt, damit die Fans nicht ins Stadion luren können.

Viele Kneipen sind zu

Viele Kneipen sind zu, einige übertragen das Spiel übers Internet. Ein Löwenheimspiel verpassen – für Eingefleischte ist das eine Katastrophe. Erst recht, wenn 1860 fünf Mal in einem Spiel trifft, so wie gestern beim 5:3 über die zweite Mannschaft des 1. FC Nürnberg.

Ende der Fahnenstange: Josef Weingartner ist sauer, dass er nicht rein darf.

Roland Schreiber (65) steht seit halb zwölf im Blue Adria, hängt weiß-blaue Fähnchen auf und schaut, dass die Internetübertragung funktioniert. Jetzt ist es 20 Minuten vor Anpfiff und das Stüberl ist leer. Einziger Gast: Ein Bayernfan. „Der kimmt von Giesing, des is okay“, sagt Schreiber. Über die Bestrafung seiner Löwen schüttelt er den Kopf: „Teilsperrung oder Geldstrafe, okay – aber alle bestrafen? Na!“ Es sei doch alles so gut gelaufen, endlich habe er mal ein gutes Gefühl bei dem Verein. „Wir waren so friedlich bisher. Das ist nicht fair!“

„Die nehmen uns in Sippenhaft!“

Andreas Öchsler (39) aus Tandern ist früh dran, zwei Stunden vor Anpfiff geht er unruhig vor dem Stadion auf und ab. Er weiß nicht, wo er das Spiel schauen kann. Er ist damit in einer ungewohnten Situation. Seit 15 Jahren hat er jedes Heimspiel gesehen. 618 Stück. Jetzt soll er draußen bleiben. „Das ist ja auch eine statistische Sache – und dass die uns das jetzt genommen wird – die nehmen uns in Sippenhaft!“

„Das ist nicht fair!“: Roland Schreiber findet das Geisterspiel unsinnig.

Hinter der Westkurve sitzt Josef Weingartner (79) im Schatten und schnauft. Der Maurer aus der Hallertau mit dem Brustkorb eines Ringers hat seit 30 Jahren eine Dauerkarte. Vom Geisterspiel hat er gehört – glauben tut er’s nicht. „Wenn die mi ned neilassn, fahr ich zur Geschäftsstelle und gib mei Jahreskartn zruck!“ Schnaufend erhebt er sich, stapft entlang der Stäbe zum Haupteingang. Ein Löwe, der rein will in den Löwenkäfig. Ein Ordner versperrt den Weg. „Lasst’s ihr mich rein?“, fragt Weingartner. „Nein. Heut is Geisterspiel. Tut mir leid.“ Weingartner krallt sich an die Gitterstäbe und lehnt seinen Kopf gegen den Stahl. Dann dreht er sich um und sagt feierlich: „Meine Herren, das ist das Ende der Fahnenstange. Jetzt könnt’s mich gern ham.“ Zur Geschäftsstelle will er heute aber nicht mehr. „Das mach ich morgen. Gleich in der Früh!“

Hier können Sie den Ticker des Spiels 1860 gegen 1. FC Nürnberg noch mal nachlesen.

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