“Wir werden mit aller Härte vorgehen“

OB Reiter: Abriss des Handwerkerhauses in Giesing „ein Skandal“

+
Das blieb übrig vom denkmalgeschützten Haus: In dem 170 Jahre alten Gebäude an der Oberen Grasstraße 1 war bis vor zwei Jahren ein Uhrmacher aktiv.  Die Feuerwehr und das THW mussten am Ende helfen, um die Bauruine abzusichern.

Grünen-Politiker und Giesinger können es nicht fassen. Ein denkmalgeschütztes Handwerkerhäuschen aus dem 19. Jahrhundert ist abgerissen worden. Dabei sollte es eigentlich saniert werden.

Update vom 4. September: Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter hat sich zum Abriss des denkmalgeschützten Handwerkerhauses in Giesing geäußert. Der OB ließ mitteilen: „Ich bin schockiert, mit welcher Dreistigkeit der Denkmalschutz missachtet und das Handwerkerhaus in Giesing dem Erdboden gleich gemacht wurde. Das ist ein Skandal und zerstört ein Stück altes Giesing für immer. Wir werden mit aller Härte gegen die Verantwortlichen vorgehen." Die Stadt hat Sanktionen angekündigt

Haus in München wird trotz Denkmalschutz abgerissen

München - Es ist Donnerstagnachmittag, als Anwohner Michael Seitz den Bagger hört - und sofort nachschaut. Das Baufahrzeug steht direkt vor dem denkmalgeschützten Handwerkerhäuschen aus dem Jahr 1840 an der Oberen Grasstraße 1. „Ich habe gefragt, was die vorhaben, aber keine Auskunft bekommen“, erzählt Seitz. Nur eine Minute später kracht die Baggerschaufel voll in die Fassade des Häuschens mit dem Satteldach. 

Seitz geht in das seit zwei Jahren leer stehende Haus und ruft die Polizei. Die zieht die Lokalbaukommission (LBK) und die Denkmalschutzbehörde hinzu. „Nachdem der Baggerfahrer die Baupläne geholt hat, wurde ein Baustopp verhängt.“ Am Freitag um 16 Uhr, Seitz, selbst Bauunternehmer, ist nicht zu Hause, beobachten Nachbarn das Unglaubliche: „Innerhalb von neun Minuten war das Haus platt gemacht“, berichtet Seitz. Der Baggerfahrer sucht anschließend das Weite.

Haus im Denkmal-Atlas des Bayerischen Landesamts eingetragen

Es ist ein bedeutendes Stück Stadtgeschichte, das nun in Schutt und Asche liegt. Das Häuschen an der Oberen Grasstraße 1 ist im Denkmal-Atlas des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege eingetragen. Es ist Teil der Feldmüllersiedlung, einer frühen Arbeitersiedlung für Tagelöhner und Handwerker aus den Jahren 1840 bis 1845.

Das Ensemble habe „einen dokumentarischen Wert, der nicht nur für München selbst eine spezielle Besonderheit darstellt, sondern für ganz Bayern und vermutlich noch darüber hinaus“. Am Freitag sind Feuerwehr, Polizei und THW bis in die Nacht hinein damit beschäftigt, die Bauruine abzusichern.

Ganze Arbeit geleistet: Mit diesem Bagger wurde das Handwerkerhäuschen in Schutt und Asche verwandelt. Die Feuerwehr und das THW mussten am Ende helfen, um die Bauruine abzusichern.

Grüne sind wegen Abriss „erbost“

Der Abriss hätte nie geschehen dürfen, schimpft Carmen Dullinger-Osswald (Grüne), Bezirksausschuss-Vorsitzende von Obergiesing-Fasangarten weiß: „Bei der LBK ist am 4. August ein Antrag auf Sanierung des Gebäudes eingegangen“, berichtet sie. „Wir sind erbost. Von einem Abriss war nie die Rede.“ Die BA-Chefin und auch Anwohner Seitz sind sicher, dass hier „aus Profitgier mit krimineller Energie gehandelt“ wurde. Offenbar sei geplant gewesen, durch den Abriss einfach Fakten zu schaffen

Joachim Lorenz (Grüne), Ex-Umweltreferent und aktuell BA-Fraktionschef, kündigt am Sonntag an: „Wir werden die LBK auffordern, drastische Konsequenzen aus diesem kriminellen Vorgehen zu ziehen.“ Der Bauträger wollte sich auf Anfrage am Sonntag nicht äußern. Dieter Klein vom Verein Altstadtfreunde, einer Initiative für den Schutz des baulichen Erbes des Stadt, warnt vor einem Präzedenzfall. „Wenn das so durchgeht, macht es der nächste auch so.“ Wut und Trauer sind am Wochenende groß in Giesing. So groß, dass „die trauernden Nachbarn“ eine Todesanzeige am Zaun vor dem zerstörten Haus angebracht haben: „Durch gewissenlose Grundstücksspekulanten zu Tode gekommenes, unwiederbringlich zerstörtes Stück Obergiesinger Heimat“, steht dort.

Anwohner auf den Barrikaden

Die Anwohner sind am Sonntag noch immer fassungslos und empört. Diskutierend stehen sie da und schauen auf den Schutthaufen. „Wieder ist ein Stück Identität zerstört, ein Stück Heimat“, schimpft Florian Grüning. Sie sammeln Unterschriften, die sie der Lokalbaukommission übergeben wollen. „Das Häuschen muss wieder aufgebaut werden!“, sagt Nachbar Clemens Geyer. 200 haben schon unterschrieben. Dem Investor bescheinigen sie „kriminelle Absichten“. Mit Kreide hat jemand auf den Bagger geschrieben: Verbrecher! Sogar der Pfarrer habe den Abriss am Sonntagmorgen von der Kanzel herab verurteilt. Die Anwohner fürchten, dass das Vorgehen der Baufirma Schule machen könnte. Motto: „Es ist zwar verboten - aber wir reißen trotzdem ab! Die Strafe nehmen wir in Kauf.“

Können es nicht fassen: Einige Anwohner stehen vor dem abgerissenen Handwerkerhäuschen.

Lesen Sie auch:

Neues Nutzungskonzept: So plant die Stadt mit dem Olympia-S-Bahnhof

Kommentar: Denkmalschutz - ein zahnloser Tiger

Trotz Denkmalschutz: Und wieder stirbt ein Stück München!

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Flohmärkte in München: Hier finden Sie alle Orte und Termine
Warum raste am Montag morgen eine Blaulicht-Kolonne durch München?
Warum raste am Montag morgen eine Blaulicht-Kolonne durch München?
Die Engel der Münchner Obdachlosen: Alles fing mit Trinkgeld an 
Die Engel der Münchner Obdachlosen: Alles fing mit Trinkgeld an 
Exorbitante Mietpreise: So will das Sozialreferat dagegen vorgehen
Exorbitante Mietpreise: So will das Sozialreferat dagegen vorgehen

Kommentare