„Ich habe alles verloren“

Horror-Unfall in Giesing: Münchner trauert um Freundin und Schwester

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„Sie waren beide so lebenslustige Frauen“, sagt der Dragan S. Ein Unfall riss die Frauen aus dem Leben. 

Dragan S. verlor seine Schwester und seine Freundin, als diese während einer Familienfeier zum Brot holen über die Straße laufen wollen. 

München - Wenn die Sonne scheint, ist es für Dragan S. (26) am schlimmsten. Wenn die Menschen um ihn herum unbeschwert lachen und fröhlich sind. Denn für den jungen Mann ist das Leben seit einem halben Jahr nur noch ein dunkles Loch. 

Er hat zwei der wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren: seine Freundin Tanja, die heute ihren 26. Geburtstag gefeiert hätte, und seine Schwester Ruza († 29). Die beiden überquerten Ende November 2018 die Chiemgaustraße in Obergiesing und wurden von einem Auto erfasst. Tanja starb noch in der Nacht. Ruza lag mehr als fünf Monate lang im Koma. Ende April erlag sie einer Lungenentzündung. „Vier Kinder haben jetzt keine Mama mehr“, sagt Dragan S. Tanja und er haben zwei kleine Mädchen, seine Schwester Ruza und ihr Freund zwei Töchter.

Dragan S. wirkt gefasst, wenn er über das vergangene halbe Jahr spricht. „Man macht irgendwie weiter, aber ohne Kopf“, sagt er. Er muss funktionieren, wegen der Kinder. „Plötzlich ist die Mama weg, die immer an alles gedacht hat.“ S. arbeitete vor dem Unfall bei der Stadt als Aufsichtsführer. Ein Job, den er als alleinerziehender Vater nicht mehr machen kann. Zwar unterstützt ihn seine Familie, wo sie kann, und er bekommt finanzielle Hilfe von den Ämtern. Doch er kümmert sich – neben der Kita – um die Mädchen und kann somit kaum Vollzeit arbeiten. Sollten unvorhergesehene Ausgaben auf ihn zukommen – er wüsste nicht, wie er sie bezahlen soll.

München-Giesing: Mann trauert nach Unfall-Drama um Freundin und Schwester

Immer wieder schlägt die Trauer mit Wucht zu. „Ich brauche den Schmerz, um mich an meine Freundin und meine Schwester erinnern zu können“, sagt Dragan. „Ich fühle mich schuldig, wenn ich einen kurzen Moment glücklich bin.“ Den Tag, der sein Leben erschütterte, verdrängt er, so gut es eben geht. Die ganze Familie feierte bei der Oma, die nahe der Unglücksstelle wohnt, einen orthodoxen Feiertag. Kurz nach 19 Uhr wollten die jungen Frauen über die Chiemgaustraße zum Supermarkt – noch schnell Brot holen. Wegen einer Baustelle war die Fahrbahn verändert, die Unterführung gesperrt. Ein Mini erfasste die Frauen, die im Dunkeln in der Mitte der Straße standen.

„Es kommt mir vor, als wäre es vor ein paar Wochen gewesen“, sagt S. Lang hat er gehofft, dass alles nur ein schrecklicher Irrtum war. Dass ein Anruf kommt und jemand sagt, Tanja und Ruza leben. Doch dieser Anruf kommt nicht… S. muss unzählige Formulare ausfüllen und macht alles, was gemacht werden muss. Genau erinnern kann er sich nicht – er war monatelang wie in Trance.

Manchmal, wenn Dragan allein auf der Couch sitzt, hört er die Stimme seiner Freundin, wie sie sagt: „Mach den Fernseher leiser, die Kinder schlafen schon.“ Er lebt noch in der Wohnung, in der er mit Tanja glücklich war. „Ich brauche so viele Dinge von ihr wie möglich um mich herum“, sagt er.

München-Giesing: Dragan S. und Tanja wollten heiraten

Seinen Mädchen versucht er zu erklären, warum die Mama nicht mehr da ist. „Ich sage ihnen: Die Mama ist jetzt ein Engel.“ Damit er Tanja immer nah bei sich hat, ließ sich S. seine Freundin als Engel auf den Oberarm tätowieren. „Wir hatten noch so viel vor“, sagt er. Gerade waren die beiden dabei, ihre Hochzeit zu organisieren.

Zwar hat Dragan viel Unterstützung bekommen, doch auch verletzende Kommentare musste er lesen – gerade im Internet, von anonymen Nutzern. „Die Frauen waren doch selbst schuld“, hieß es da. „Das hat mich und meine Familie schwer getroffen.“ Nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft kann nicht mehr geklärt werden, wer für den Unfall verantwortlich war. Denn kurz danach nahm sich der Mini-Fahrer das Leben. 

Stefanie Wegele

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