“Dieses Projekt ist mein Baby“

Er hilft verzweifelten Münchnern bei der Wohnungssuche - jetzt lobt ihn auch die Stadt

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In seiner Giesinger Werkstatt hat Andreas Kräftner seinen Laptop stehen: 80 Mails mit Wohnungsinseraten erreichen ihn pro Tag, die er als Newsletter an 25 000 Abonnenten schickt.

Eigentlich arbeitet Andreas Kräftner (49) als Produktdesigner, in seiner Freizeit hilft er Münchner Mietern aber bei der Wohnungssuche.

München – 80 E-Mails erreichen Andreas Kräftner am Tag. Um 4.18 Uhr trudelt die erste ein. Um 5 Uhr die nächste. Schon am Vormittag füllt sich sein Postfach: Tausende Mieter schicken ihre Gesuche an den Produktdesigner aus Obergiesing. „Ich sortiere sie tagsüber neben meiner eigentlichen Arbeit“, berichtet er. „Abends würde ich das nicht mehr schaffen.“

Budenschleuder-Newsletter: Täglich mehr Abonnenten

Denn dafür sind es einfach zu viele: Rund 25.000 Mitglieder hat das E-Mail-Netzwerk Budenschleuder mittlerweile. Hier suchen Paare nach ihrer ersten eigenen Wohnung, Studenten nach einem Mitbewohner und Geschäftsleute nach einer Zwischenmiete.

Ihre Inserate trudeln auf dem Laptop von Andreas Kräftner ein, der mitten in seiner Giesinger Werkstatt steht – auf einem Holztisch mit Rollen, zwischen Bohrmaschine und Säge. Von hier aus sammelt und prüft Kräftner die Angebote – und schickt sie an seinen Verteiler, der stetig wächst. „Dieses Projekt ist mein Baby“, sagt Kräftner.

Angebote und Gesuche sind in Kräftners Mails aufgelistet. 

Im Jahr 2004 hat alles angefangen. „Eigentlich war es Zufall“, sagt Kräftner. Mit Freunden hatte er einen E-Mail-Verteiler, über den sie Party-Tipps austauschten. „Irgendwann war mal jemand dabei, der einen Mitbewohner gesucht hat. Zufällig wusste ich von einem Angebot, habe es an meinen Freundeskreis weitergeleitet – und so ergab sich eine Lösung.“ Die erste von Tausenden erfolgreichen Vermittlungen. Denn Kräftners Netzwerk wuchs und wuchs. „Heute schreiben mir auch Geschäftsleute aus dem Ausland, dass sie für ein Projekt nach München kommen und eine Wohnung suchen.“

Aber auch Rentner, junge Mütter und Urmünchner wenden sich an die Budenschleuder. Andreas Kräftner leitet die Inserate weiter, sofern sie nicht unseriös oder völlig überteuert sind. Alles privat, ohne Sponsoren. „Ich habe das nie geplant und staune selbst“, sagt Kräftner.

Münchner Mietverein und Sozialreferat von Newsletter-Initiative begeistert

Beim Thema Münchner Wohnungssuche ist er längst ein gefragter Mann – alle Suchmaschinen im Internet leiten zu seiner Budenschleuder. „Wohnungsangebote transparent zu machen, ist wichtig. Entsprechend finden wir diese ehrenamtliche Initiative gut“, sagt Ottmar Schader, Sprecher des Sozialreferats. Lob gibt es auch vom Mieterverein. „Wir finden es toll, wenn sich Münchner Mieter selbst organisieren und sich bei der Wohnungssuche helfen“, sagt Geschäftsführer Volker Rastätter. „Der Mietmarkt ist so angespannt, dass jedes Engagement äußerst wichtig ist. Wenn das wie beim Organisator des Newsletters auch noch ehrenamtlich geschieht, ist das besonders herauszustellen.“

Budenschleuder soll eine Non-Profit-Sache bleiben

Rund eine Stunde Aufwand hat Andreas Kräftner pro Tag. In Sachen Technik und Mail-Versand hat er sich von Freunden professionelle Unterstützung geholt. Ansonsten macht er alles selbst. Lesen, auswerten, versenden. Die Garantie, eine Wohnung zu finden, gibt es auch bei Kräftner nicht. Aber viele Erfolgsgeschichten. An der Budenschleuder will der Giesinger nichts verdienen. Spenden nimmt er zwar an, sieht grundsätzlich aber den sozialen Sinn seines Projekts: „Früher ging es darum, einem Freund einen Gefallen zu tun. Mittlerweile ist etwas Großes entstanden, das Tausenden Menschen nützlich ist. Gerade in dem schwierigen Umfeld des Münchner Mietmarktes ist das doch schön.“ 

Und es sorgt immer wieder für nette Begegnungen. „Neulich auf der Auer Dult sprach mich eine Standlbesitzerin an und bedankte sich. Das war schon toll“, berichtet Kräftner. Den Mietmarkt sieht er kritisch: „Die Leute haben sich an irre Preise und Horrormeldungen gewöhnt.“ Umso mehr will er die guten Geschichten herausheben. „Und die gibt es: Mieter, die günstig wohnen. Oder Vermieter mit Herz. Ich versuche nur, sie durch die Budenschleuder miteinander zu verknüpfen.“

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Wer in einer deutschen Großstadt ein neues Zuhause sucht, bekommt es schnell zu spüren: Der Wohnraum ist knapp. Hier erfahren Sie warum in den Metropolen große Wohnungsnot herrscht.

Immerhin: Der Mieterverein München hat einen Gesetzentwurf zum geplanten Volksgebehren für einen Mietenstopp in Bayern vorgelegt

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