„Es ist ein Desaster“

Nach illegalem Abriss in Giesing: Jetzt reden die Anwohner

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Platt gemacht: Wo das denkmalgeschützte Haus an der Oberen Grasstraße 1 in Giesing stand, klafft jetzt eine Lücke.

Folgt auf den illegalen Abriss des Giesinger Uhrmacherhäusls der Wiederaufbau? Gestern zumindest haben Arbeiter begonnen, die Ruine zu sichern. Allerdings ist von der alten Bausubstanz nicht mehr viel übrig.

München - Judith Schekulin steht vor einem Haufen Schutt und sucht Ziegel aus dem Jahr 1840. Die Restauratorin vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege erkennt sie an den Mörtelspuren. „Kalkmörtel mit frühen zementären Zusatzstoffen“, sagt sie. Sind die Ziegel ganz, werden sie auf dem Trottoir gestapelt. Sie sollen beim Wiederaufbau des denkmalgeschützten Uhrmacherhäusls verwendet werden, das der Investor Andreas S. illegal abgerissen hatte.

Bislang liegen gerade einmal drei Ziegel auf dem Gehweg. „Da brauch’ ich ja 26 Jahre!“, mosert einer der Arbeiter, die am Donnerstagmorgen begonnen haben, unter Schekulins Aufsicht wiederverwertbare historische Bauteile aus den Trümmern zu holen. So lange wird er jedoch nicht Zeit haben: Die Stadt hat Andreas S. dazu verpflichtet, die Bauruine an der Oberen Grasstraße 1 binnen eines Monats räumen zu lassen, damit sich das Landesamt für Denkmalpflege ein Bild vom Schaden machen kann. Erklärtes Ziel der Stadt ist es, den Investor zum Wiederaufbau des Hauses in seiner ursprünglichen Form und Größe zu zwingen. Eine entsprechende Verfügung bereitet die Verwaltung gerade vor, Abstimmungen mit Polizei und Staatsanwaltschaft laufen.

Nach Abriss: So will die Stadt gegen den Vermieter vorgehen

Sollte sich Andreas S. weigern, sieht das Verwaltungsrecht mehrere Möglichkeiten vor, die Verfügung durchzusetzen. Als letztes Mittel könnte die Stadt ihm drohen, das Haus von einer anderen Firma wiederaufbauen zu lassen und ihm die Kosten dafür in Rechnung zu stellen. Dagegen könnte Andreas S. Rechtsmittel einlegen. Dann würde ein Gericht entscheiden, ob er das Haus wiederaufbauen muss oder nicht. Wie das ausgehen würde, kann niemand sagen.

Verlangt den Wiederaufbau: Generalkonservator Mathias Pfeil vom Bayerischen Landesamt für Denkmalschutz steht vor den Trümmern des Uhrmacherhäusls.

„Mir ist ein Fall wie dieser nicht bekannt“, sagt Mathias Pfeil, Generalkonservator und Leiter des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege. Er muss nicht lange überlegen, wenn es darum geht, den Schaden einzuschätzen. „Ein Desaster“, sagt er und schaut mit prüfendem Blick auf die Ruine. Immerhin, etwa 30 Prozent der Bausubstanz, schätzt er, könnten wiederverwendet werden.

Anwohner diskutieren über das, was an der Oberen Grasstraße passiert ist. Die Wut ist bei vielen groß.

Für die Frage des Wiederaufbaus ist aber nicht entscheidend, wie viel historisches Material noch übrig ist. „Die Wiedergutmachung des angerichteten Schadens steht im Vordergrund“, sagt Pfeil – und beruft sich auf Artikel 15, Absatz 5 des Denkmalschutzgesetzes. Das verpflichtet jene, die vorsätzlich oder grob fahrlässig ein Denkmal zerstören, zur Wiedergutmachung des Schadens in vollem Umfang. „Wenn man so etwas nicht ahndet, kann man den Denkmalschutz in Städten wie München vergessen!“, sagt Pfeil. Er versteht den Zorn der Anwohner, die sich in der Bürgerinitiative „Heimat Giesing“ für den Erhalt des Hauses einsetzen. „Was hier passiert, ist der Verlust von Heimat und Identität.“ Schließlich lebten auch in München noch normale Leute. Das Uhrmacherhäusl sei ein Symbol für die Hilflosigkeit der Menschen, die sich in München kaum noch Wohnraum leisten könnten. Pfeil ist ein kultivierter Mann, einer, der genau so aussieht, wie man sich einen Generalkonservator vorstellt: Gescheiteltes Haar, gut sitzender Mantel, gewählte Wortwahl. Er muss sich zusammenzureißen, als er die Bedeutung des Uhrmacherhäusl erklärt. „Das war ein herausragendes Beispiel der frühen Stadterweiterung für die armen Leute. Wenn da der Bagger reinfährt – da wird man sauer!“

Anwohner sind sauer: „Es ist eine Schande, was hier passiert ist“

„Eine Schande“, sagt Nachbar Clemens Geyer.

Anwohner Michael Seitz ist fuchsteufelswild. Er will wissen, wo das wiederverwertbare Baumaterial gelagert wird. Er befürchtet nämlich, der Investor könnte es verschwinden lassen. „Versehentlich, so wie er auch versehentlich das Haus abgerissen hat“, höhnt er. Die Lokalbaukommission (LBK) kann Seitz’ Frage nicht beantworten. Der Bauherr Andreas S. und nicht die Stadt sei für die Lagerung zuständig. „Für uns ist nur wichtig, dass das sachgerecht gelagert wird, nicht wo es gelagert wird“, erklärt ein LBK-Sprecher.

Dabei ist Seitz’ Sorge nicht unbegründet: Ein Großteil des Bauschutts ist unmittelbar nach dem Abriss im September verschwunden. Anwohnern zufolge habe das Technische Hilfswerk seinerzeit die Straße geräumt, die voller Bauschutt und nicht passierbar war. Unter anderem fehlen die sogenannten Biberschwanz-Dachziegel.

Clemens Geyer, 63, wohnt gegenüber der Bauruine. Er kannte noch den früheren Eigentümer, den verstorbenen Uhrmacher Josef Böhm. „Es ist eine Schande, was hier passiert ist“, sagt der Kunsttherapeut. Schon seit einer Weile will er heimgehen, weil er kalte Füße hat vom langen Rumstehen. Aber er bleibt. Und schaut zu, wie die Arbeiter das zusammenklauben, was von dem Kleinod übrig geblieben ist.

Bettina Stuhlweißenburg

Die besten und wichtigsten Geschichten aus diesem Teil Münchens posten wir auch auf der Facebook-Seite „Giesing – mein Viertel“.

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