Altes Haus entmietet

Nach illegalem Abriss in Obergiesing: Ist die ganze Siedlung in Gefahr?

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Das denkmalgeschützte Häuschen an der Oberen Grasstraße 6 gilt als „akut einsturzgefährdet“

Giesing kommt nicht zur Ruhe. Nach dem Abriss des denkmalgeschützten Häuschens Obere Grasstraße 1 steht ein weiteres Gebäude leer. Die GWG dementiert Gerüchte um einen Abriss.

Peter Toll (58) ist einer der Mieter, der 30 Jahre im Haus gewohnt hat. Am 21. August musste er raus. „Die wollten uns aus dem Gebäude rausekeln – das ist Entmietung“, schimpft der Giesinger. „Die“, damit meint er die städtische Wohnungsbaugesellschaft GWG, die Verwalterin des Gebäudes. „Das Gebäude steht unter Denkmalschutz, ich kann mir nicht vorstellen, dass es abgerissen wird. Aber vor dem Hintergrund, was an der Oberen Grasstraße 1 passiert ist, weiß man nie.“ Das Gebäude darf nur unter strengen Denkmalschutzrichtlinien erneuert werden. Der 58-Jährige vermutet, dass das Haus aufwendig saniert und dann teuer verkauft wird. „Die Eigentümer können ja auch sanieren und für die alten Mieter die Miete erhöhen, dagegen habe ich gar nichts.“

Der Mieter Peter Toll (58) musste nach 30 Jahren überstürzt aus seiner Wohnung ausziehen. Er kritisiert die Vorgehensweise der Hausverwalterin GWG.

Toll kritisiert vor allem die Art, wie er und eine weitere Mieterin vor die Tür gesetzt wurden. Die Erdgeschoss-Bewohner des Drei-Parteien-Hauses wurden laut Toll „schon vor einiger Zeit umgesiedelt“. „Es heißt seit 15 Jahren, dass das Gebäude einsturzgefährdet ist.“ Er versteht nicht, warum jetzt plötzlich alles so schnell gehen musste. Am 10. August habe ihn eine Mitarbeiterin der GWG angerufen und gesagt, dass er ausziehen müsse. „Als ich im Urlaub war, meldete sich am 18. August erneut ein Mitarbeiter, der sagte, dass innerhalb einer Stunde der Strom abgestellt wird.“ Seine Lebensgefährtin habe noch ein paar Sachen aus Kühl- und Gefrierschrank geholt. „Die wussten genau, dass ich im Urlaub bin und die Mieterin über mir den ganzen Sommer in Griechenland verbringt.“

„Meine Anwältin sagt, dass sie so etwas noch nie erlebt hat“

Am 21. August wurde an der Eingangstüre das Schloss ausgetauscht und ein Zaun um das Gebäude gezogen. „Als ich aus dem Urlaub wieder kam, konnte ich nicht mehr in meine Wohnung.“ Mit einer GWG-Mitarbeiterin durfte seine Lebensgefährtin nochmals ins Haus, um ein paar Sachen zu holen. „Ich wurde erst ausgesperrt und dann kam die Kündigung“, schimpft Toll. Er will sich das nicht gefallen lassen. „Meine Anwältin sagt, dass sie so etwas noch nie erlebt hat.“ Die angebotene Ersatzwohnung lehnte Toll ab.

Die Linke-Stadtratsfraktion stellte bereits eine Anfrage an OB Dieter Reiter. Eine weitere Zerstörung des Ensembles Feldmüllersiedlung müsse verhindert werden. Die Fraktion will unter anderem wissen, wann das Gebäude saniert wird, damit es wieder für Wohnzwecke genutzt werden kann. Die GWG wehrt sich gegen die Vorwürfe. Der Mieter habe so schnell die Wohnung verlassen müssen, da laut Gutachten vom 18. August „Gefahr für Leib und Leben“ bestanden habe, sagt ein Referent der Geschäftsführung. Es sei keine Luxussanierung geplant – vielmehr sollen ortsansässige Handwerker das Gebäude erwerben und sanieren.

Lesen Sie auch:  Anwohner von Abriss-Haus wollen klagen: Auch der Stadt drohen Konsequenzen

Sehen Sie hier ein Video von der Abrissaktion:

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Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

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