Viele Löwenfans dabei

Obergiesing ist kein Einzelfall: So kämpfen die Münchner nach dem illegalen Abriss

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Rund 200 Menschen mit Fackeln versammelten sich am Dienstagabend vor dem abgerissenen Haus an der Oberen Grasstraße 1.

Mit Fackeln kamen am Dienstag rund 200 Menschen zur Mahnwache vor dem abgerissenen denkmalgeschützten Haus an der Oberen Grasstraße 1 in Giesing. In München gibt es nicht mehr viele Denkmal-Schätze wie die Feldmüllersiedlung, zu der das Haus gehörte.

München - Eine fast gespenstische Stimmung herrscht am Dienstagabend an der Oberen Grasstraße, als gegen 22 Uhr rund 200 meist schwarz gekleidete Menschen mit Fackeln auftauchen und „Giasing, Giasing“ skandieren. Auf Facebook hatte es einen Aufruf gegeben, dem auch viele Löwenfans nach dem Spiel des TSV 1860 München gegen den FC Unterföhring gefolgt sind. Einige Minuten verharrt der Pulk vor dem Bauzaun, hinter dem die Trümmer des 1840 erbauten „Uhrmacherhäusls“ liegen. Dann sind alle weg.

Schon vorher kommen immer wieder Anwohner und andere Menschen an den Ort, der seit Freitag für eine neue Eskalationsstufe des Immobilien-Hypes in München steht. Thomas Schellmoser (51) wohnt nebenan, kennt jene Menschen, die hier ähnliche Häuser wie das abgerissene gekauft und in liebevoller Arbeit zu kleinen Perlen gemacht haben. „Das Haus ist aus Geldgier plattgemacht worden“, sagt er. „Dabei gibt es eine Atmosphäre wie hier in München nicht mehr an vielen Stellen.“

Denkmalgeschütztes Ensemble: „Klein-Venedig“ genannt wird das Kleinod an der Mondstraße in Untergiesing.

Der gebürtige Giesinger Max Degen (36) spazierte vor Jahrzehnten mit seiner Mutter durchs Viertel, heute – inzwischen wohnt er anderswo in München – kommt er mit seinem Sohn her, um ihm den Charakter des Viertels zu zeigen. Degen ist erschüttert. „Die Dreistigkeit, mit der hier vorgegangen wurde, ist abscheulich, schwerer wiegt aber der Verlust.“ So gehe die Identität des Viertels verloren. Die wenigen Schätze, die die Stadt noch habe, müssten bewahrt werden, sagt Degen.

Noch gibt es in München zahlreiche erhaltenswerte Häuser – und insgesamt 76 Denkmalschutz-Ensembles. Einige Beispiele von Denkmälern, für die sich zum Teil auch Vereine und Privatinitiativen starkmachen oder gemacht haben:

Hildebrandhaus Bogenhausen

Das Hildebrandhaus an der Maria-Theresia-Straße 23 in Bogenhausen ist eine von Gabriel von Seidl errichtete bürgerliche Wohnvilla aus dem Jahr 1897. Weil es noch kein Bayerisches Denkmalschutzgesetz gab, verurteilte der Bayerische Verwaltungsgerichtshof die Stadt München 1970 dazu, die Abbruchgenehmigung zu erteilen. Erst in letzter Minute verhinderte die Stadt durch eine Vollstreckungsgegenklage den Abriss. Heute beherbergt das Haus die Sammlung Monacensia.

Herbergshäuser Au/Haidhausen

Die Herbergshäuser an der Nockherstraße in der Au und an der Preysingstraße, An der Kreppe sowie in der Milchstraße in Haidhausen stammen aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert. An diesen Häusern konnten damals Leute mit wenig Geld Anteile erwerben. Die bekanntesten sind das Üblackerhäusl und der etwa 300 Jahre alte Kriechbaumhof in Haidhausen. Seit 1995 wurden zwölf dieser Herbergen an Handwerker zum Verkehrswert verkauft – und anschließend in liebevoller und mühsamer Eigenleistung erneuert.

Im Üblacker-Häusl an der Preysingstraße in Haidhausen ist seit 1980 das Herbergenmuseum untergebracht.

Mondstraße/Birkenau Untergiesing

An der Mondstraße findet sich ein kleines spätbiedermeierliches Zentrum mit zweigeschossigen Traufseithäusern. Nicht weit entfernt, in der Birkenau, stehen noch heute vereinzelt ebenerdige Wohnhäuser aus der ursprünglichen Bebauung zwischen 1840 und 1845. Einige Häuser sind hier wie in der Mondstraße trotz Denkmalschutz bereits abgerissen worden.

Anlage Stadtlohner Straße Laim

Die aus zwanzig Einzelgliedern gestaltete Reihenhausanlage mit Einfamilien- und Mietshäusern wurde 1909 bis 1911 errichtet. Bemerkenswert ist der für damalige Verhältnisse wohnungstechnische Komfort (Bäder, Warmwasserheizungen, Ausstattung mit Gas und elektrischem Licht) sowie die durch die Kombination von Miets- und Einfamilienhäusern angestrebte Mischung verschiedener sozialer Schichten. Die Laimer Bürgerinitiative Lebenswertes Laim engagiert sich bis heute für den Erhalt.

Richard-Wagner-Straße, Maxvorstadt

Die Straße wurde um 1900 angelegt und bildet mit ihrer fast komplett erhaltenen Bebauung mit meist von Leonhard Romeis entworfenen, reich gegliederten Häusern des späten Historismus einen besonders malerischen Bereich. Am Südende schließt sich die Lenbach-Villa an.

Die Häuser des späten Historismus machen die Häuserzeile an der Richard-Wagner-Straße in der Maxvorstadt besonders malerisch.

Kriegersiedlung Sendling

Die Kriegersiedlung in Mittersendling aus den 1920er-Jahren ist als städtebauliches und sozialgeschichtliches Dokument wertvoll, denn die Baumaßnahme war ausdrücklich auf die Belange von Kriegsbeschädigten nach dem Ersten Weltkrieg ausgerichtet. Heute verwaltet die Baugenossenschaft Kriegersiedlung eG hier noch 219 Wohnungen.

Die zweite Zerstörung Münchens: Bausünden nach dem 2. Weltkrieg

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