Serie: Münchner Polizeiinspektionen

PI 23 Giesing: Wo alte Originale auf neue Probleme treffen

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Vier „Bullen“ in einem Löwenkäfig: Alfred Hauck (2. v.re.) und seine Kollegen (v.li.) Dieter Heumann, Hubert Weyhersmüller und Stefan Gesell. 

Für viele seiner Bewohner ist es die große Liebe: Giesing, wo das echte Münchner Herz noch schlägt. Meist freundlich, manchmal auch laut und wild – nicht nur zu Derby-Zeiten. PI-Chef Alfred Hauck (45) und seine Kollegen Hubert Weyhersmüller (60), Dieter Heumann (53) und Stefan Gesell (57) zeigen Schwerpunkte ihrer Arbeit und auch einige Ecken, in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.

München - Glitzer und Glamour sind den echten Giesingern schon immer herzlich wurscht gewesen. Diese sympathische Unabhängigkeit von Äußerlichkeiten gilt offensichtlich auch für die in die Jahre gekommene Polizeiinspektion 23, in der sich seit nunmehr 35 Jahren und mittlerweile in drangvoller Enge 80 Beamte in renovierungsbedürftigen Räumen tummeln.

Ein Fenster zu öffnen, ist zumindest zur einen Seite gewagt: Die Inspektion liegt an einer der verkehrsreichsten Kreuzungen der Stadt – dort, wo der McGraw-Graben (bis zu 80.000 Fahrzeuge täglich) an der Chiemgaustraße auf den Mittleren Ring (60.000 Fahrzeuge) trifft. 2200 leichte Unfälle, 275 Unfälle mit Verletzten sowie 431 Unfallfluchten (überwiegend Parkrempler) nahmen die Giesinger Beamten im Jahr 2015 auf. Leider gab es auch zwei Tote: „Einen Radfahrer und eine Fußgängerin“, bedauert Polizeidirektor Alfred Hauck.

Parkplätze und Pfaue - auch der Tierpark hält die Polizei auf Trab

Verkehrstechnische Ausnahmezustände mangels Parkraum erleben Polizei und Anwohner zuweilen am Tierpark – bald wieder an Ostern, wenn halb Bayern und Österreich das Hellabrunner Eisbärchen besuchen möchte. Hauck:„Ein Parkhaus-Bau ist wohl nicht möglich. Dieses Problem bleibt vorerst ungelöst.“ Und manchmal sorgen auch die Tiere selbst für Einsätze. Wie Alessandro – ein Straußenvogel, der auf Ausreißen programmiert ist. Auch am Karneidplatz (Harlaching) besetzte ein Pfau die Kreuzung. Nach einstündiger Pirsch gaben die Polizisten auf. Zitat Einsatzprotokoll: „Der Pfau begibt sich Richtung Tierpark und muss nun selbst nach Hause finden.“

Streit ums Partyvolk: Dauer-Brennpunkt Flaucher 

Überhaupt nicht mehr nach Hause findet oft das Partyvolk am Flaucher – vor allem an heißen Sommer-Wochenenden, die es im Jahr 2015 reichlich gab: Satte 1150 Beschwerden wegen Ruhestörung hagelte es im PI-Bereich. Ein erheblicher Teil davon galt dem Flaucher. Ebenso geschah ein Teil der 50 Sexualdelikte und der 609 angezeigten Körperverletzungen des Jahres 2015 dort. Die Spannerei am Strand der Nackten nahm zuweilen groteske Ausmaße an. Im letzten Sommer fasste die Polizei einen Mann, der Frauen durch Schlitze des Toilettenhäuschens fotografierte.

Das größere Problem aber sind Alkohol, Lärm, Rauch, Schlägereien, Müll und Scherben. Je später der Abend, desto böser die Gäste – das erlebten Dieter Heumann und Stefan Gesell allzu oft: „Der Ton hier kann ganz schnell übel werden.“

Unter der Flaucherbrücke: Die Polizisten haben an der Isar ordentlich zu tun. 

Im letzten Sommer sorgten Schlauchboot-Fahrten bei Hochwasser für Rettungseinsätze an und auf der Isar. Und auch die oft geforderte Surfer-Welle an der Brudermühlbrücke hält Hauck für zu gefährlich: „Da liegen Steine, und es treiben Baumstämme vorbei. Zudem steigt sofort die Zahl der Fehlalarme, wenn Zeugen scheinbar hilflose Menschen in der Isar treiben sehen. Das ist immer ein Riesen-Aufwand mit Hubschrauber und Feuerwehr.“

Ort häufiger Einsätze: Das Grünwalder Stadion

Hinauf geht die Fahrt zum Grünwalder Stadion. Der Ort strahlender Triumphe für den TSV 1860 – und ab und zu auch des Niedergangs der Fußball-Fankultur. Hunderte Polizisten müssen bei Hochrisiko-Spielen wie den Amateur-Derbys mit dem FC Bayern immer wieder tobende Ultras trennen. Ein Teil der 148 gefährlichen Körperverletzungen und 38 Raubüberfälle des vergangenen Jahres stand im Zusammenhang mit Fußball-Fans. Diese Unsportlichkeit hat Tradition, weiß Hauptkommissar Hubert Weyhersmüller (60), der die Giesinger Szene seit mehr als 35 Jahren kennt: „Schon 1982 wurde das Stadion verwüstet und ein Schiri schwer verletzt.“ Bundesweit für Aufsehen sorgte 2008 die Aktion mutmaßlicher Bayern-Fans, die die Stadion-Tribüne der Blauen in ein flammendes Rot umstrichen.

Mit den Fans im Gespräch. 

Graffiti - das Dauer-Ärgernis in Giesing

Ein Dauer-Ärgernis in Giesing ist die Graffiti-Schmiererei, oft im Zusammenhang mit Fußball-Einsätzen und gern auch gegen die Polizei – nachzulesen sogar in schwindelnder Höhe und Riesenlettern an Hausgiebeln. In 750 Fällen erstatteten Hausbesitzer, Kirchen, MVV und die Stadt im letzten Jahr Anzeige.

Im eleganten Villenviertel von Harlaching und der Menterschwaige kämpfen Polizei und Anwohner zusammen gegen Einbrecher. 93 Fälle wurden im Jahr 2015 im PI-Bereich gemeldet. Aber: „Bei etwa der Hälfte blieb es beim Versuch“, sagt Alfred Hauck. Die Prävention und die Segnungen der Technik zeigen scheinbar Wirkung: „Knapp 500 Mal teilten uns Anwohner verdächtige Beobachtungen mit. Das ist richtig gut.“ In dieser Gegend leben viele ältere Menschen – potenzielle Opfer für Trickdiebe, die im Jahr 2015 84 Opfer fanden.

Bilder: Auf Streife in Giesing mit der PI 23

Heß‘ Fluchttunnel ist wohl nur ein Gerücht

Weiter geht die Fahrt mit Heumann und Gesell, die hier so viele Geschichten kennen. Zum Beispiel die vom Gelände der Probebühne des Gärtnerplatztheaters an der Harthauser Straße. Hier stand einst die Villa von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß. Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass ein Flucht-Tunnel von dort unter der Isar hindurchführen soll. „Er wurde aber nie gefunden.“ Das Isar-Hochufer ist durchzogen von kleinen Höhlen. Im Winter 2010 erfror dort in der Einsamkeit ein Obdachloser: „Sein Schicksal hat uns sehr berührt.“

Auf der Rückfahrt kurzer Stopp am größten Asylbewerberheim des Reviers an der Hellabrunner Straße. Auf dem Höhepunkt des Flüchtlingsstromes lebten 1000 Menschen in den Unterkünften. Aktuell wohnen 340 im ehemaligen Osramgebäude. Ein Großteil der 900 Einsätze mit dem Stichwort Streit fand hier statt – ebenso wie viele der 300 Drogendelikte des vergangenen Jahres.

Brennpunkt: In der Flüchtlingsunterkunft an der Hellabrunner Straße eskalierte so mancher Streit. 

Wo der „Kaiser“ geboren wurde

Zwei Kilometer weiter genießen an diesem kühlen Märzmittag im Herzen Giesings die Stammgäste des Kult-Lokals „Die kleine Griechin“ an der Alpenstraße ihr erstes Freiluft-Weißbier. Um die Ecke im Hause Zugspitzstraße 6 kam am 11. September 1945 Franz Beckenbauer zur Welt. Und Heumann und Gesell erinnern sich auch noch an einen ehemals berühmt-berüchtigten Giesinger Ganoven, der einst in aller Freundschaft der Konkurrenz in die Wirtshaus-Scheibe schoss. Das ist zwar alles längst verjährt, aber immer sehr präsent – genau wie das alte Giesing.

Auf einen Ratsch mit der Polizei bei der „kleinen Griechin“ in der Alpenstraße. 

Der Fall aus dem Viertel: Der Stalker wurde zum Mörder

Dieser Fall schockte am 16. August 2016 die Stadt: Im Hausflur eines Wohnhauses in der Bayrischzeller Straße in Obergiesing erstach der Architekt Roland B. (45) seine Ex-Partnerin Tsinieh L. (45). Tödlicher Höhepunkt eines siebenjährigen Stalking-Dramas, bei dem B. die Frau auf Schritt und Tritt verfolgt hatte. Nach dem Mord gelang ihm zu Fuß die Flucht über die Pyrenäen bis nach Santiago de Compostela/Spanien, wo der europaweit gesuchte Mann in einer Pension aufflog. Er wird bald in München wegen Mordes vor Gericht gestellt.

Die Polizeiinspektion 23 in Zahlen

Zum knapp 16 Quadratkilometer großen Einsatzgebiet der 83 Beamten der Polizeiinspektion 23 in der Chiemgaustraße 2 gehört das elegante Harlaching, die Arbeiterviertel in Ober- und Untergiesing sowie Teile Ramersdorfs. 120.000 Einwohner leben hier. 16.130 Einsätze (davon 4700 Straftaten) bearbeiteten die Beamten im Jahr 2015 – relativ hohe Zahlen als Folge des ungewöhnlich heißen Sommers. Im Gebiet gibt es rund 300 Gaststätten, Ausschänke und Biergärten. Zu den Attraktionen gehören der Tierpark Hellabrunn, die Trainingsanlagen des FC Bayern und des TSV 1860 sowie das Löwen-Stadion in der Grünwalder Straße und das Naherholungsgelände am Flaucher.

Die PI 23 an der Chiemgaustraße. 

Hier finden Sie alle weiteren Folgen der Serie: 

Altstadt: Touristen, Taschendiebe und die Feierbanane machen der Polizei Arbeit.

Maxvorstadt: Das Studentenviertel kämpft mit Dieben und Rasern.

Pasing: Einbrecher und der Verkehr prägen die Polizeiarbeit.

Bogenhausen: Einbrüche machen einen Löwenanteil der Straftaten im Nobelviertel aus

Sendling: Der starke Verkehr beherrscht den Arbeitsalltag der Beamten

Au & Haidhausen: Tag und Nacht Einsätze in Haidhausen, am Ostbahnhof und in der Kultfabrik

Perlach: Streitereien, Ruhestörungen und Ladendiebstähle kommen hier oft vor.

Trudering-Riem: In der Messestadt trifft sich die Welt. Auch ein Ort sozialer Spannungen.

Westend & Ludwigsvorstadt: Das Südliche Bahnhofsviertel und der Gärtnerplatz halten die Beethoven-Wache auf Trab.

Olympiapark: Hier sind die Schwerpunkte die vielen Veranstaltungen

Neuhausen: Einbrüche, Trickdiebstähle und das Strafjustizzentrum sind hier Schwerpunkte

Planegg: Grüne Idylle mit schwarzen Fleckchen. Einbrüche sind hier das Problem

Grünwald: Die Isar und ihre zahlreichen Sport- und Freizeitmöglichkeiten bestimmen den Arbeitsalltag der Polizei

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