Häftlinge heulen Rotz und Wasser

Stadelheim-Seelsorger berichtet über seine Arbeit

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Seelsorger hinter Stacheldraht: Diakon Richard Strodel in der Stadelheimer Kirche „Maria, Trösterin der Betrübten“.

München - Richard Strodel (63) ist Seelsorger der schweren Jungs, als evangelischer Diakon der Münchner JVA Stadelheim. Die tz porträtiert ihn.

Maria ist hinter Schloss und Riegel, und wie sie das ist. Der Weg zu ihr führt durch 21 schwere Stahltüren, mehrfach gesichert. Der Weg zu Münchens unbekanntester Kirche – zu einer, von der man hofft, sie nie sehen zu müssen. Sie heißt „Maria, Trösterin der Betrübten“. Wo viele betrübt sind, und wo nicht nur Maria Trost spendet, sondern auch Richard Strodel. Als evangelischer Diakon der Münchner JVA Stadelheim, als Seelsorger für die Häftlinge.

Stadelheimer Straße 12, Besucheranmeldung. Richard Strodel steht hinter der Pforte, in der Hand hält er die Schlüssel zu Gott, ein mächtiger dicker Bund, die Schlüssel für die 21 Türen. Strodel führt durchs Treppenhaus, entlang an einem großen Fenster mit Blick auf einen Zaun, siebenfach umwickelt mit Widerhaken-Stacheldraht, dahinter die Mauer, die man sonst immer nur von außen gesehen hat. Sechs Meter fünf hoch, rechts ein Wachturm. Weiter durch den Besucherbereich, hinein in den Häftlingstrakt, Strodel sagt, man möge Blickkontakt mit Gefangenen meiden: „Vielleicht kennen Sie einen und wissen nicht, dass er hier ist.“ Strodel zeigt eine Zwei-Mann-Zelle, achteinhalb Quadratmeter, ein Stockbett, ein kleiner Tisch, die Kloschüssel hinter einer Holztür. Hier sind die Häftlinge, und wenn sie keine Arbeit in einem hausinternen Betrieb wie Schreinerei, Gärtnerei, Bäckerei haben, dann sind sie 23 Stunden am Tag hier herin. Bei einer Stunde Hofgang.

Der Innenhof, die nächste Station, Häftlinge drehen ihre Runden, manche in kleinen Gruppen, andere alleine, alle gehen die gleiche Richtung, gegen den Uhrzeigersinn. „Links herum“, sagt Strodel. „Auf der Herzseite.“ Am Rande des Hofs steht die Kirche, die letzten Türen, hinein ins Pfarrbüro.

Zwei evangelische Geistliche und drei katholische Pfarrer gibt es in Stadelheim für 1200 Häftlinge, einen Imam gibt es nicht, die meisten Moslems gehen zu Strodel. Sonntags um halb 9 hält er den Gottesdienst, da kämen so 45 Besucher, sagt er, zur katholischen Messe um 10 so an die 100. Mehr Zulauf als in vielen anderen Kirchen.

Strodel stammt aus Franken. Früher hat er in Jugendhäusern gearbeitet, mit geistig Behinderten. Strodel war auch selbst aktiv in der Friedensbewegung der Achtzigerjahre. Als ihn damals bei Blockaden die Polizisten wegtrugen, hätte er nie gedacht, sich mit 650 Beamten einen Arbeitsplatz zu teilen. Aber als in Stadelheim vor acht Jahren eine Stelle frei wurde, reizte ihn die Aufgabe.

Strodel macht Kunsttherapien mit Sexualstraftätern, es gibt Bibelkreise, Meditationen, den Kirchenchor mit 25 Sängern. In der Frauenabteilung leitet er eine Poesiegruppe, dort schreiben sie Gedichte und reden miteinander. „Manchmal sagen die Frauen zu mir, so hätte ihnen ein Mann noch nie im Leben zugehört.“ Strodel hört auch viel in Einzelbetreuungen, in Gesprächen mit den Gefangenen.

Harte Jungs, die vor anderen Häftlingen den starken Macker spielen, aber wenn sie bei Strodel im Pfarrbüro sitzen und aus ihrem tiefsten Inneren erzählen, von ihrer Jugend, ihrer Kindheit, wie sie geschlagen und missbraucht wurden, dann heulen sie Rotz und Wasser. Auf Strodels Tisch liegen Taschentücher. Strodel sagt, er brauche jeden Tag mehrere Packungen. Wenn er abends den Knast verlässt und auf der Stadelheimer Straße steht, „dann“, sagt er, „schnaufe ich tief durch und versuche, alles hinter den Mauern zu lassen“. Eine Distanz, die nötig ist, um den Beruf nicht ins Private mitzuschleppen.

Gespräche, Therapieangebote: Das bräuchte es hier noch viel mehr, sagt er. Und schon im Vorfeld mehr Prävention und mehr Zivilcourage in der Bevölkerung. Wenn eine Gesellschaft zeige, dass man mit Gewalt nicht weit kommt, dann säßen viele nicht hier herin.

Steht die Entlassung an, sagt Strodel zu Häftlingen immer: „Ich hoffe, Sie nie mehr wiederzusehen.“ Wenn er nur von ihnen hört, ist es besser – vorige Woche erhielt Strodel eine Postkarte von einem Ex-Knacki, darin stand: „Danke für Ihre Hilfe, mein Leben läuft wieder prima.“ Bei den meisten Entlassenen läuft das Leben nicht so gut. Strodel spricht von einer Rückfallquote von zwischen 50 und 80 Prozent, je nach Delikt. Viele sieht er dann doch wieder.

Strodel selbst hat noch zwei Jahre in Stadelheim, dann ist er 65 und geht in den Ruhestand. Dann lässt er die 21 Türen hinter sich. Für immer.

Florian Kinast

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