Ring-Serie: Fünf neue Geschichten

Hier stand einst ein Swingerclub

Hier stand mal ein Swingerclub: Bis zu 4500 Kunden machen an einem Tag Halt an der Allguth in der Chiemgaustraße

München - In der Serie zum Mittleren Ring erzählt die tz Geschichten rund um die wichtigste Straße der Stadt. Heute: links & rechts der Chiemgaustraße - mit Mietboxen und einer Tankstelle an einem ehemaligen Swinger-Standort.

Aufschlag mit Flair

Beim Tennispark Ramersdorf ist Hannes Schmidt der Herr über zwölf Sandplätze und das weiß getünchte Vereinsheim mit der malerischen Veranda, die für ein bisschen Südstaatenflair tief im Süden des Mittleren Rings sorgt

Diese malerische Veranda vor der kleinen Hütte, es sieht fast einwenig aus wie in Dixieland. In den amerikanischen Südstaaten. Nur sitzt man nicht vor einem Herrschaftssitz in Georgia, Louisiana oder Mississippi, sondern vor einem Vereinsheim in Ramersdorf und schaut darum auch nicht auf Baumwollplantagen, sondern auf die Tennisplätze von Hannes Schmidt. 30 Meter weg vom Ring, ganz versteckt. Seit 2001 ist der heute 60-Jährige hier, bis dahin gehörte die Anlage zum Sport Scheck. Schmidt kennt sich aus mit Tennis, früher war er Lehrer in der Akademie von Trainer-Legende Niki Pilic. Zwölf Plätze hat es, angelegt in Terrassen, auf drei Ebenen bis vor zur Rosenheimer Straße. Es gibt modernere Anlagen, die mehr dem Top-Standard entsprechen, doch die Nachrüstung mit mehr Abstand zwischen den Plätzen, neuer Einzäunung, Regenrinnen und Drainagen, das würde so eine halbe Million kosten. Das braucht es aber auch gar nicht, die Anlage hat einen einzigartigen Charme, das schätzen die Freizeitspieler und die gut 100 Vereinsmitglieder vom TC Ramersdorf, der hier seine Heimat hat. Wo es sich nach einer Partie so lässig entspannen lässt wie auf keiner Anlage sonst, auf der Veranda in Ramersdorf. Wo der Ring schon tief im Süden ist.

Ruhig auf den Zahn gefühlt

Die Zahnärzte Lena Seitz, Igor Misovic und Nadine Blümel

An den Wänden und den Glasscheiben der Behandlungszimmer sind Schattenrisse. Silhouetten verschiedener deutscher Städte. Heidelberg, Aschaffenburg, Ulm, Frankfurt. Städte, in denen Igor Misovic früher war, noch als Student und schon als Arzt. Jetzt ist er in der Chiemgaustraße 116, am äußersten Rand von Ramersdorf, direkt vor der Unterführung hinüber nach Obergiesing. Als einer der Zahnärzte am Mittleren Ring. So heißt das hier. Bis vor einem Jahr war Misovic auf der anderen Seite der Schienen am Giesinger Bahnhofsplatz, nun behandelt er hier in seiner hochmodernen neuen Praxis, zusammen mit den Zahnärztinnen Nadine Blümel (29), Lena Seitz (25) und seiner Schwester Tamara, einer Kieferorthopädin. 260 Quadratmeter, das Ambiente ist hell, freundlich, unaufgeregt, gehalten in ruhigen Farbtönen. Es ist ruhig, sehr ruhig und keineswegs so, dass man vom Lärm geplagt hier auf dem Zahnfleisch daherkommt. Vom Straßenverkehr ist nichts zu hören. Ring? Welcher Ring? Man wähnt sich fast in einem Wellness-Hotel, wäre es eben kein Zahnarzt. Misovic, Blümel und Seitz arbeiten im Schichtdienst, täglich von halb acht in der Früh bis neun am Abend. Diesen Zahnärzten kommt keiner mehr aus. Wem heimatliche Umgebung wichtig ist: Einen Raum mit den Umrissen Münchens gibt es auch, mit Frauenkirche, Rathaus, Alter Peter. Da kann man sich bei den eigenen Wurzeln behandeln lassen.

Manchmal dreht der Radlexperte am Rad

Radl für Groß und Klein haben es ihm angetan: Harry Paul betreibt an der Chiemgaustraße 142 den RadlMarkt und nebendran auch Harrys Kinderradl Ladl

Harry Paul hat nicht weit. Von daheim, nur ein paar Minuten die Balanstraße runter. „Bei Wind und Wetter“, sagt er, „jeden Tag fahr ich mit dem Radl in die Arbeit.“ So wie es sich auch gehört, für den 46-jährigen Inhaber vom Radl-Markt in der Chiemgaustraße 142. Wo der Ring noch durch ein Wohngebiet führt. Radl hatten es Harry Paul immer schon angetan, ihm und seinem Spezl Edi Sailer. „Darum haben wir uns vor 20 Jahren gesagt: Machma a Radlgeschäft auf.“ Machten sie dann auch, in der Nymphenburger Straße. Vor zehn Jahren expandierten sie in den Westen Ramersdorfs, Harry Pauls alte Heimat, wo er als Bub aufwuchs. So gibt es hier nun den zweiten RadlMarkt und nebendran noch Harrys Kinderradl Ladl mit besten Markenrädern für die Kleinen. Hier kennt jeder jeden, es herrscht gute Nachbarschaft, man wähnt sich am Dorf, und die Mama von Harry Paul schaut auch jeden Tag vorbei, weil sie auch immer noch in der Gegend wohnt. Noch viel näher als die Mama ist aber die Chiemgaustraße, und die nervt kolossal. „Vom Flüsterasphalt, den sie hier eingebaut haben, kriegst nix mit“, sagt Harry Paul. Manchmal ist es so laut, dass er hier am Rad dreht. Mit dem Auto braucht man übrigens nicht herkommen, Parkplätze gibt es vor Pauls Geschäft eh nicht. Besser wäre es, wenn die Kunden zu Harrys Radl-Ladl radln daadn.

Historische Fotos: So sah der Mittlere Ring früher aus

Historische Fotos: So sah der Mittlere Ring früher aus

946 Mal bitte Platz nehmen

Wenn der Keller zu klein wird: Martin Reiter hat Platz für fast alles. In seinem Lagerhaus an der Chiemgaustraße vermietet er 946 Abteile unterschiedlicher Größe

Wohin mit dem Surfbrett während der Weltreise? Mit den Möbeln vor dem Umzug? Und die Modelleisenbahn? Steht nur rum, aber wegschmeißen? Sie brauchen Platz? Dann nehmen Sie Platz ! Hier gibt es auch genug, im Mietlagerhaus von Martin Reiter (55). Rein damit, und daheim ist wieder aufgeräumt. 946 Abteile bietet die Giesinger Filiale von MyPlace. Die Größen der Mietboxen: zwischen 0,79 und 120 Quadratmeter, Kosten für vier Wochen Miete: ab 48,68 Euro aufwärts. Gegründet wurde das Unternehmen 1999 von einem Wiener. In Deutschland, Österreich, Schweiz gibt es 35 Filialen, sechs davon in München. Was die Kunden einlagern, ist Privatsache, interessiert Herrn Reiter nicht. Offiziell verboten sind Drogen, Sprengstoff, Pflanzen und Tiere. Das zu kontrollieren fällt schwer, es reicht gelegentlich aber eine feine Nase, um zu riechen, dass etwas faul ist. Wie bei einer Kundin, sie lagerte monatelang einen Kühlschrank ein – und vergaß darin das Hackfleisch. Das stank zum Himmel. In solchen Fällen müssen die Mieter ihr Zeug wieder abholen. Ansonsten wird zwangsgeräumt. Manchmal bekommt Martin Reiter wahre Geschichten aus dem Leben mit. Der Student, der sein Hab und Gut unterstellte, bevor er bei der Freundin einzog – und drei Monate später wieder kam zum Zwischenlagern seiner Möbel. Auf der erneuten Suche nach einer Single-Wohnung, weil ihn die Freundin rausschmiss. Solche Leute sind dann aufgelöst – und nicht mehr aufgeräumt.

Stille Ecke zum Auftanken

Bis zu 4500 Kunden machen an einem Tag Halt an der Allguth in der Chiemgaustraße

Bemerkenswert, an dieser Stelle stand einmal ein Schwarzbau. Insider wussten Bescheid, es war ein Swingerclub. Damals hatte man hier also noch die Wahl zwischen wechselnden Partnern, heute zwischen verschiedenen Benzinsorten. Super, Diesel, E10, an der Tankstelle von Markus Berbalk. Seit 1998 ist Berbalk Tankstellen-Pächter, im Moment leitet er die Allguth in Hohenlinden und seit 2009 hier in der Chiemgaustraße. Es gibt große Unterschiede zwischen draußen am Land und mitten am Ring. Dabei ist hier die ruhigste Stelle der gesamten 28 Ring-Kilometer, jeden Tag fahren nur 45 000 Autos vorbei. Nur. Unter der Woche hat Berbalk 2500 Kunden am Tag, am Sonntag 4500, nicht alle kommen zum Tanken. Viele nutzen die Tankstelle als Supermarkt. Für Semmeln von der Backstube, das Bier vom Getränkemarkt. Manchmal rückt die Polizei an, wegen Vandalismus und Diebstahl. Darum sitzen nachts auch oft Beamte in Zivil hier. Unauffällig, das sind die Männer an den Tischen links vom Tresen. Offen ist rund um die Uhr, pro Monat werden 1,4 Millionen Liter gezapft. Um die Zahl einordnen zu können: In gut vier Monaten verkauft Berbalk so viel an Benzin wie die Oktoberfest-Wirte in zwei Wochen an Bier. Auf der Wiesn wird doch noch mehr getankt.

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