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Krieg der Klötze - Anwohner wehren sich gegen Nachverdichtung

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Von: Andreas Daschner

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Angelika Schervier mit Andreas Ellmaier (CSU), Chef des Bezirksausschusses Pasing-Obermenzing, vor der mehrstöckigen Wohnanlage
„Unverhältnismäßige Bauklötze“: Angelika Schervier mit Andreas Ellmaier (CSU), Chef des Bezirksausschusses Pasing-Obermenzing, vor der mehrstöckigen Wohnanlage, die an der Fasanenstraße entsteht. © Marcus Schlaf

Obermenzing wird zugebaut und immer mehr Grün muss weichen. So empfinden es die Anwohner und wehren sich dagegen.

Einfamilienhäuser in Obermenzing müssen immer häufiger riesigen Wohnanlagen weichen. Die Architektin Angelika Schervier spricht von einer maßlosen Nachverdichtung. Verramscht die Stadt ihre Gartenstädte an Immobilienfirmen? „Bauträger mit Profitorientierung haben unser Viertel entdeckt und vollends die Regie übernommen“, sagt jedenfalls die Obermenzingerin.

Bereits bei der Bürgerversammlung im Jahr 2017 hatte Schervier, die Mitglied im Grünflächenverein Obermenzing ist, ihre Bedenken vorgebracht und einen Antrag gestellt: Die Bebauung im Viertel müsse durch entsprechende Bebauungspläne geregelt werden. Erst nach dreijähriger Wartezeit und weiteren Vorstößen reagierte die Stadt auf ihren Antrag. Die Reaktion fiel für Schervier aber wenig befriedigend aus: Die Stadt lehnte einen Bebauungsplan für Obermenzing als „nicht zielführend“ ab.

Schervier vermutet: „Es war sehr wohl bedacht, keine Antwort auf den Antrag von 2017 zu geben.“ In den vier Jahren seitdem seien zig weitere Präzedenzfälle an Bauklötzen entstanden, sodass die Chance, das Dilemma zu stoppen, viel geringer geworden sei. „Taktik des Hinhaltens?“, fragt sich Schervier.

Anwohner: Obermenzing keine „grüne Oase“ mehr

Die Architektin hat zahlreiche Beispiele für die ihrer Ansicht nach unverhältnismäßige Nachverdichtung gesammelt. Beispielsweise musste an der Fasanenstraße ein typisches Einfamilienhäuschen einer mehrstöckigen Wohnanlage weichen. Gleiches geschah auch an der Heerstraße, Ecke Thaddäus-Eck-Straße, und an der Pfättendorferstraße.

Obermenzing mit seinen städtisch-ländlichen Strukturen sei von Jahrhundertwende-Villen, kleinen Spitzgiebelhäusern mit Dachschrägen bereits im ersten Obergeschoss geprägt. „Die Gärten waren groß und die Vorgärten mit Hecken und Bäumen gesäumt, also echte grüne Oasen“, sagt Schervier. Davon sei an vielen Stellen nichts mehr geblieben – weil die Stadt in Obermenzing ausschließlich nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches entscheide. Dieser besagt, dass sich ein Bauvorhaben in die Umgebung einpassen muss.

Dass dabei für Baugenehmigungen oftmals mehrgeschossige Mehrfamilienhäuser der Jahrhundertwende als Bezugsfall herangezogen würden, ist nach Ansicht der Obermenzingerin nicht zulässig. „Denn diese alten Villen hatten riesige Gärten um sich und störten so keines der Nachbargrundstücke.“ Das sehe heute völlig anders aus. „Bauträger reizen jeden Quadratmeter aus mit der Folge, dass die Lebensqualität auf dem Nachbargrundstück eingeschränkt und das Grundstück damit auch entwertet wird.“

Obermenzing: Preise steigen rasant

Die Preise für die Baugrundstücke würden hingegen in die Höhe getrieben. Grund dafür sei ein perfides Zusammenspiel von Immobilienmaklern, Bauträgern und Politik. Makler würden nur an Bauträger vermitteln, da sie nach Fertigstellung des Vorhabens die neuen Wohnungen ebenfalls vermitteln könnten. „Ein höchst lukratives Geschäft“, sagt Schervier.

Die Politik ducke sich vor der Macht der Bauträger weg, die oft mehrere Anwälte auffahren würden, um maximal verdichten zu können. „Warum arbeitet die Lokalbaukommission nicht mit kompetenten Baurechtsanwälten, die genügend Engagement und Wissen mitbringen, den Bauträgern vehement entgegenzutreten?“, fragt sich Schervier.

Einzig und allein Bebauungspläne und Erhaltungssatzungen könnten ein Kaputtgehen der Gartenstädte noch aufhalten, sagt die Architektin. „Aber das ist genau das, was gerade jetzt die Landeshauptstadt München als nicht zielführend abgelehnt hat.“

Dabei sei eine maximale Verdichtung der Bebauung auch mit Blick auf den Klimaschutz nicht mehr angebracht, da durch die Bauklötze auch die Baumbestände zurückgingen. „Es gibt nun Grundstücke von 1000 Quadratmetern ohne jeden Baum“, sagt Schervier. Jegliche Diskussion über Klimaveränderungen und Aktionen wie „Rettet die Bienen“ empfindet sie vor diesem Hintergrund als „eine einzige Häme“.

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