OB Reiter macht wenig Hoffnung

Wiesn vor erneuter Absage: „Darf nicht zu einem Ischgl werden“ - Auch Schausteller zeigen Verständnis

Wird das Oktoberfest erneut abgesagt? Noch bleibt Zeit für eine Entscheidung. Doch die Skepsis wächst. Vor allem bei politischen Entscheidungsträgern wie OB Dieter Reiter (SPD) und Ministerpräsident Markus Söder (CSU).

München - Es war eine Premiere: Aufgrund der Corona-Pandemie* hielt OB Dieter Reiter* (SPD) am Donnerstagabend erstmals eine digitale Bürgersprechstunde ab. Auf seinem Facebook-Kanal beantwortete er knapp 50 Minuten lang Fragen - direkt aus seinem Rathaus-Büro. Dabei wurde im Live-Chat ein Thema aufgegriffen, das gewiss viele Münchner* bewegt: Kann die Wiesn heuer stattfinden? Ehrliche Antwort des OB: „Man darf sehr skeptisch sein.“

Spätestens im Mai soll laut Reiter die Entscheidung fallen. „Aber ich würde keine Wetten auf ein Oktoberfest 2021 abschließen.“ Denn - jeder weiß es - dort feiern Menschen aus aller Herren Länder. Und bis September müsste weltweit eine Durchimpfung sichergestellt sein, so der OB.

Wiesn 2021 vor der Absage: Reiter will keine abgespeckte Variante des Volksfestes

So deutlich hatte sich Reiter zuvor noch nicht geäußert. Wobei für das Stadtoberhaupt immer feststand: „Eine Wiesn light wird es nicht geben.“ Sprich: ein abgespecktes Oktoberfest mit Begrenzung der Besucherzahl. Dass seine offenen Worte in der Bürgersprechstunde nicht ungehört verhallen würden, war klar.

Auch Ministerpräsident Markus Söder äußerte sich nämlich am Freitag zum Oktoberfest: „Ich halte die Skepsis des Oberbürgermeisters für absolut berechtigt* und teile sie, auch wenn es heute noch keine abschließende Bewertung geben kann“, sagte er nach einer Sitzung des CSU-Vorstands. Mit Blick auf die aktuelle Zahl der Neuinfektionen erklärte Söder: „Alle, die noch vor zehn Tagen gesagt haben, jetzt muss um jeden Preis geöffnet werden, rudern schon wieder ein Stück zurück.“

Wiesn 2021 vor der Absage: „Hoffnung auf Trendumkehr bei den Fallzahlen“

Münchens Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU) ist ebenfalls wenig zuversichtlich. Die Wiesn sei „eine unschlagbare Marke, die nicht beschädigt werden darf“. Aus heutiger Sicht sei für den September keine sichere Infektionslage zu erwarten, glaubt er. Baumgärtner: „Die Wiesn darf nicht zu einem Ischgl werden.“ Eine endgültige Entscheidung erwartet er Ende Mai.

Das hält auch Wiesn-Stadträtin Anja Berger (Grüne) für sinnvoll, die den Traum von einer Wiesn 2021 noch nicht aufgeben will: „Im Moment schaut es natürlich nicht sehr gut aus. Aber noch habe ich Hoffnung, dass in den nächsten Wochen eine Trendumkehr bei den Fallzahlen einsetzt.“ Sofern das Impfen weltweit deutlich beschleunigt wird.

Das waren noch Zeiten: Zum Auftakt der Wiesn 2018 stießen Ministerpräsident Markus Söder (l.) und OB Dieter Reiter mit Maßkrügen an.

Wiesn 2021 vor der Absage: Schausteller sehen existenzbedrohende Lage

Für Wirte und Schausteller wäre die Absage der Wiesn ein weiterer schwerer Schlag. „Es schnürt vielen den Hals zu“, berichtet Yvonne Heckl, Leiterin der Veranstaltungsgesellschaft Münchner Schausteller. Ganz aufgegeben hätten die Schausteller die Hoffnung zwar noch nicht. „Aber wir sind auch Realisten“, sagt Heckl. Es sei nun bereits die zweite Saison, die zu großen Teilen ausfällt.

„Normalerweise wären jetzt schon viele unterwegs“, berichtet sie. „Die Situation ist existenzbedrohend und nicht alle bekommen Überbrückungshilfe.“ Kleinstbetriebe wie zum Beispiel Würstchenbuden müssten oft ohne Unterstützung auskommen. Und Karussellbetreiber müssten Reparaturen finanzieren. Eine Absage der Wiesn könnte zudem eine Sogwirkung auf andere Veranstaltungen haben, vermutet Heckl. „Die Wiesn ist eine Flagschiffveranstaltung.“

Wie OB Reiter hält auch sie Zugangsbeschränkungen für schwer vorstellbar: „Ein Volksfest lebt davon, dass jeder hingehen kann und kein Ticket lösen muss. Das macht den Charme aus.“ Wobei sie glaubt, dass selbst im Falle einer positiven Entscheidung wesentlich weniger Besucher auf die Wiesn kommen würden. Aktionen wie der „Sommer in der Stadt“ in München seien für manche Schausteller zumindest ein kleiner Ersatz. „Dafür sind wir sehr dankbar“, sagt Yvonne Heckl. (Klaus Vick, Claudia Schuri) *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

Rubriklistenbild: © Markus Götzfried

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