Rotes Kreuz aufs Kreuz gelegt?

Nach überraschendem Aus auf der Wiesn: BRK will Stadt verklagen

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Rotkreuz-Leute im Wiesn-Einsatz – das ist jetzt ­Geschichte.

Das Bayerische Rote Kreuz (BRK) kämpft um den Sanitätsdienst auf der Wiesn. Die Stadt hat den Auftrag für die medizinische Versorgung auf dem Oktoberfest an die Aicher Ambulanz vergeben, aus Preisgründen. 

München - Das vorläufige Aus auf dem Oktoberfest traf das Rote Kreuz offensichtlich überraschend und wie ein Hammerschlag. Der Wiesn-Dienst sei mehr als nur Engagement, heißt es: „Er ist unsere Herzensangelegenheit, die nicht ,verramscht‘ werden darf“, schreibt das BRK in einer internen Mitteilung an seine Mitglieder. Seit 133 Jahren ist das Rote Kreuz auf der Theresienwiese im Einsatz. „Diese Erfahrung kann nicht in fünf Monaten aufgeholt werden“, meint das BRK und fügt hinzu: „Hervorragend ausgebildete und eingespielte Einsatzteams und eine perfekte Kommunikation mit Polizei und Feuerwehr machen unsere Stärke aus.“ Man befürchte „massive Einschränkungen für eine medizinisch sichere Wiesn“. Diese Bedenken seien auch der Stadtspitze so vorgetragen und rechtliche Schritte angekündigt worden.

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Das BRK beschäftigt während der Wiesn 1000 Sanitäter und 70 Ärzte. Nur die Notärzte werden vergütet, das restliche Personal arbeite ehrenamtlich und erhalte nur eine Aufwandsentschädigung für Anreisekosten oder Dienstbekleidung. Der aktuelle Personalmangel in der Branche lasse Zweifel aufkommen, „wie eine andere Organisation bis September diese Leistungsfähigkeit aufbauen will“, heißt es vom Roten Kreuz. „Die Erfahrung sagt uns, dass bei einem deutlich niedrigeren Preis eine angemessene medizinische Betreuung der Wiesngäste gefährdet sein kann.“

So reagiert die Aicher Ambulanz 

Die Aicher Ambulanz weist diese Unterstellung scharf zurück. „Die in der Ausschreibung geforderte Personalstärke werden wir erfüllen“, erklärt das Unternehmen. Aicher betreut Großveranstaltungen wie Rock im Park in Nürnberg medizinisch. Beim Amoklauf am OEZ waren 100 Mitarbeiter des Dienstes im Einsatz. Auch mit dem Sanitätsdienst des Oktoberfestes sei man vertraut. Seit 2005 ist die Aicher Ambulanz in der „Fischer Vroni“, seit 2014 im „Marstall“ tätig. Drei Rettungswagen seien als Reserve täglich für die Wiesn-Besucher im Einsatz. Aicher arbeite daher bereits Hand in Hand mit dem Sanitätsdienst des Bayerischen Roten Kreuzes. Das Unternehmen geht davon aus, dass viele BRK-Ehrenamtliche weiterhin auf der Wiesn tätig sein werden – bloß dann eben im Dienste von Aicher.

Ehrenamtlich für Aicher? Nein!

Dr. Tatjana Lang (44).

Tatjana Lang zum Beispiel schließt das aus: „Für die Firma Aicher werde ich nicht ehrenamtlich tätig werden“, erklärt die 44-Jährige. Seit 1991 schuftete die gelernte Tierärztin immer auf der Wiesn, versorgte Bierleichen oder Opfer von Schlägereien. Sie nahm sich dafür extra Urlaub. Lang fragt sich, wie ein Wirtschaftsunternehmen wie die Aicher Ambulanz ein günstigeres Angebot abgeben könne und fügt an: „Ich weiß gar nicht, wie die das stemmen wollen.“ Sie sei maßlos enttäuscht von der Entscheidung der Stadt.

Ihr BRK-Kollege Jürgen Terstappen (44) äußert sich genauso: „Die Wiesn war seit 25 Jahren ein fester Punkt in meiner Jahresplanung.“ Der Unternehmensberater Nicolas Stamou (30) engagiert sich seit 2010 ehrenamtlich beim Roten Kreuz. Auf der Wiesn-Wache war er zuletzt Tragenführer. „Das sind Erfahrungen, die man nicht alltäglich macht“, sagt Stamou. Mit seinem Team kümmerte er sich nicht nur um Schnapsleichen und Besucher mit Schnittwunden, sondern auch um Vergewaltigungsopfer und einen Suizidgefährdeten. Er fragt: „Warum werden wir jetzt bestraft?“

Darum hat das Angebot von Aicher die Stadt München überzeugt

Die Stadt hatte nach einer europaweiten Ausschreibung die Aicher Ambulanz bevorzugt, weil diese das wirtschaftlichste Angebot abgab. Die Vergabe erfolgt nach einem Fixpreis. Dieser beinhaltet die Erstversorgung der Patienten, das heißt die Kosten von Personal und Material. Eine Endabrechnung im Anschluss an das Oktoberfest nach der Anzahl der Einsätze erfolgt nicht. Der kommerzielle Anbieter Aicher hatte sich in der Vergangenheit bereits für die Zeitspanne von 2011 bis 2013 beworben, war damals aber unterlegen. 2014 war das BRK der einzige Bewerber für den auf vier Jahre erweiterten Zeitraum. Bei der Aicher Ambulanz werden sowohl Festangestellte als auch ehrenamtliche Helfer für ihren Einsatz auf der Wiesn vergütet. „Wir haben unserem Angebot eine nachvollziehbare Kalkulation zugrunde gelegt“, entgegnet das Unternehmen Spekulationen über eine unterfinanzierte Offerte.

Unklar bleibt, weshalb das BRK offenbar ein teureres Angebot abgegeben hatte – vor dem Hintergrund, dass die Körperschaft doch gar keine Löhne bezahlt. Aus Insider-Kreisen heißt es, das Rote Kreuz habe zu hoch gepokert, womöglich also eine Gewinnmarge eingepreist. Dagegen verwahrt sich das BRK entschieden: „Unser Angebot kalkuliert mit einer schwarzen Null für den Sanitätsdienst auf dem Oktoberfest“, lässt das Rote Kreuz verlauten. Entscheidend sei schließlich auch der Umfang der Leistungen.

Wie es nun weitergeht? Bis zum 30. April läuft die Einspruchsfrist bei der städtischen Vergabestelle. Dann prüft wohl die Vergabekammer der Regierung von Oberbayern, ob die Entscheidung der Stadt mit rechten Dingen zugegangen ist. Sollte die Regierung diese Auffassung vertreten, wird das BRK wohl Klage vor dem Oberlandesgericht erheben. Das letzte Wort über den Wiesn-Sanitätsdienst dürfte also noch nicht gesprochen sein.

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