Zum zweiten Mal kein Oktoberfest

Sieben Dinge, die ich an der Wiesn nicht vermisse

Die Autorin dieses Textes ist nicht der größte Wiesn-Fan - aus guten Gründen.
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Die Autorin dieses Textes ist nicht der größte Wiesn-Fan - aus guten Gründen.

Bereits zum zweiten Mal findet coronabedingt kein Oktoberfest in München statt. Unsere Autorin kann diesem Umstand durchaus Positives abgewinnen.

Am 2. Oktober 2019 war es wieder soweit: Ich stand mit meinem Dirndl, dessen Enge bedingt durch den Konsum mehrerer nur in Literform erhältlicher Getränke noch unangenehmer war als ohnehin schon, vor dem Paulaner-Festzelt auf dem Oktoberfest. Es regnete, es war saukalt, aber ich war froh, dem Gegröle und Gedränge der anderen Festzeltgäste entkommen zu sein. Halb genervt, halb amüsiert dirigierte ich meinen atemlos „Atemlos“-singenden, leicht torkelnden Freund zur U-Bahn - möglichst ohne selbst in größere Kotz-Pfützen zu treten. Dabei stellte ich fest, dass der enorme Biergeruch nicht von ihm, sondern von meinem Haar ausging, das wohl eine Dusche mit diesem Gebräu abbekommen hatte. Wieso nur ließ ich mich jedes Jahr wieder zu einem Wiesn-Besuch breitschlagen?

Nun habe ich das zweite Jahr in Folge Auszeit bekommen und kann in diesem Fall nur sagen: „Danke Corona!“ Denn es gibt so viele Dinge, die der Wiesn jedes mal wieder jeglichen Zauber rauben. Mir würden hunderte einfallen - aber nennen wir mal die sieben wichtigsten:

#1 Trachten - und was für welche: Glaubt man den älteren Generationen, dann ist das Tracht-Tragen auf dem Oktoberfest eine ziemlich moderne Erscheinung. Früher, so wird es erzählt, ging man in Jeans und T-Shirt auf die Wiesn. Und so wäre es auch besser mal geblieben. Denn kaum etwas ist schlimmer anzusehen als die 10-Euro-Plastikteile aus dem Faschingshandel, deren grelle Neon-Farben einem schon von weitem das Wort „Kinderarbeit“ entgegenschreien, während sich ihre japanisch-, englisch- oder italienischsprachigen Träger*innen darin ach so nativ-bayerisch fühlen. Aber auch teure Preise machen die Sache oft nicht besser. Bei so manchem 800-Euro-Dirndl, das sich im Käfer-Zelt tummelt, fragt man sich, ob das wirklich noch als Kleid zu werten ist - oder ob es nicht eigentlich als Kostüm für einen Film über das Leben von Sonnenkönig Ludwig XIV. vorgesehen war. Knallbunte Hüte, an denen teilweise ganze Muppets als Schmuck befestigt wurden, setzen dem Ganzen im wahrsten Sinne die Krone auf. Und auch wenn mancher glaubt, neben all der Bonbon-Dirndl falle es nicht auf: Liebe Männer - Lederhosen sind einfach nicht sexy.

#2 Das liebe Geld: Die Erkenntnis ist nicht neu - das Oktoberfest ist teuer. Die Maß Bier kostete schon vor Corona beinahe 12 Euro und meist bleibt es nicht bei einer. Wenn man sich dann zu seinen - sagen wir durchschnittlich drei - Maß Bier noch ein halbes Hendl mit Wiesnbreze gönnt, dann ist das teurer, als mit Ryanair zum Ballermann und wieder zurück zu fliegen. Dabei ist da noch gar nicht einberechnet, dass zu später Stunde irgendwann bei nahezu jedem die wahnsinnige Lust aufkommt, das Konsumierte bei einigen Runden Olympia-Looping - 10 Euro pro Fahrt - mal so richtig schön durchzuschütteln und anschließend mit einer Tüte gebrannter Mandeln - 6 Euro pro 100 Gramm; Schnäppchen! - zu bestreuen. Vor allem Eltern haben es da nicht leicht. Als Familie mit mehreren Kindern kann man auf der Wiesn schnell mal mehr Geld ausgeben, als für einen Besuch im Europapark - nur können sich auch den schon nicht alle leisten. Die horrenden Summen für Hotelzimmer, für die zu Wiesnzeiten teils das 2,5-Fache vom Normalpreis verlangt wird, dürften zudem der Grund sein, warum sich so mancher Tourist lieber ins alkoholische Land des Vergessens befördert.

#3 Nein heißt Nein - auch zur Wiesn: Alkohol macht ja bekanntermaßen recht locker und zwar egal, welchem Geschlecht man sich zugehörig fühlt. Kommt es dann bierbedingt zu dem ein oder anderen amourösen After-Wiesn-Abenteuer, dann ist das sicherlich in Ordnung, sofern alle Teilhabenden freiwillig dabei sind. Doch was leider gar nicht geht, ist das ständige Gegrapsche in den Festzelten - und zwar ganz egal, auf welcher Seite die Dirndl-Schleife gebunden ist. Eine Frau auf der Wiesn zu sein, ist nicht gleichbedeutend mit: „Bitte fasst mir an den/die/das...“ und auch mit dem ständigen Ausgeben von Bier und Schnäpsen kann man sich die Zustimmung zu einem Liebesabenteuer nicht einfach erkaufen. Gerade beim Feiern auf sogenannten „Firmenwiesn“ ist man (oder Frau) oftmals negativ überrascht, an wie vielen Stellen der sonst so schüchtern wirkende Kollege aus dem Büro nebenan unter Biereinfluss seine Hände gleichzeitig haben kann. Ein Umstand, auf den wir auch in allen kommenden Wiesn-Jahren gut verzichten können.

#4 Überfüllter ÖPNV: Zugegeben, die U- und S-Bahnen in München sind zu gewissen Tageszeiten IMMER übervoll. Hunderttausende von Touristen, die den ÖPNV verstopfen, zerren aber dennoch an den Nerven. Da nutzen dann auch die „lustigen“ Durchsagen an den Stationen nichts mehr, die versuchen sollen, der entweder durch Bier oder Vorfreude taumelnde Menge freundlich aber bestimmt den richtigen Weg zu weisen. Dass zur Wiesn-Zeit zudem unerfreulich oft der Mageninhalt einiger Oktoberfest-Besucher den U- und S-Bahn-Boden ziert, macht die ganze Sache noch schlimmer.

#5 16 Tage Fremdschämen: Japanerinnen in grellpinken Plastik-Dirndln; erwachsene Männer, die zur Melodie ihres, mit den Schenkeln wackelnden „Hendl-Huts“ frenetisch den Ententanz darbieten; 6000 Menschen, die gemeinsam in einem der Festzelte auf den Bänken stehen und mit den Armen wedeln, weil sie sich „stark wie ein Tiger“ und „hoch wie ein Flieger“ fühlen. Die Liste der Dinge, die für die man sich als Nicht-Wiesn-Fan schämen muss, wenn man in den besagten 16 Tagen des Jahres den Blick über die Oktoberfest-Besucher schweifen lässt, ist lang. Glaubt man allerdings den „echten“ Münchnern, dann ist wohl kein noch so betrunkener Tourist jemals so peinlich, wie die pfauenartig herausgeputzten, der Münchner Upperclass angehörigen Nicht-Bayern, die glauben, dass das Wort Servus in Verbindung mit einer Lederhose über ihren „Migrationshintergrund“ hinwegtäuschen könnte. Oder wie der Grantler Harry G sie nennen würde: Die Isarpreißn.

#6 Die sogenannte Wiesn-Grippe: Zugegeben, nach der ganzen Corona-Sache will man eigentlich ungern über die Verbreitung von Grippe-Viren in diversen Festzelten sprechen. Doch die Wiesn-Grippe ist ein altbekanntes Phänomen und sie trifft leider jeden Münchner auf die ein oder andere Art und Weise. Entweder man hat sie, dann ist man krank und leidet. Oder man wird von ihr verschont - dann kann man sich darauf einstellen, dass man sehr stressige Tage auf der Arbeit vor sich hat, weil die Hälfte der Kollegen zu Hause im Bett liegt. Ob die Wiesn-Grippe auch nach Corona noch ein Thema sein wird, steht außer Frage. Es sei denn die bayerische Staatsregierung setzt die Pflicht von Masken und Mindestabstand im Festzelt durch - was ungefähr so wahrscheinlich sein dürfte, wie das Sinken des Bierpreises.

#7 Alle Jahre wieder: Ja, es gibt sie. Die Nicht-Wiesn-Fans. Sie sind sogar gar nicht mal so selten. Menschen, die dichtem Gedränge, übermäßigem Alkoholkonsum, schlechter Party-Musik und der Tatsache, dass alles auf dem Oktoberfest auf Kommerz ausgerichtet ist, nichts abgewinnen können. Und jedes Jahr stehen sie wieder vor der Entscheidung: Geh ich oder geh ich nicht? „Gehst halt ned hie, wennsd ned mogst“ - ja...wenn das so einfach wäre. Schließlich will man auch nicht als Spaßbremse dastehen. Und so sagt man sich jedes Jahr wieder, dass es ja im Grunde wie ein Wirtshaus-Besuch mit guten Freunden ist. Viel voller, viel lauter, viel teurer und in unbequemer Kleidung - aber die Gesellschaft seiner Freunde schätzt man dann doch. Und so heißt es jedes Jahr wieder: „Jaja, ich komm schon mit“. Bis man sich am Ende des Tages aus dem Wiesn-Outfit schält - nahezu taub, pleite und nach Bier riechend. Man schwört sich, im nächsten Jahr garantiert standhaft zu bleiben - und weiß doch tief in seinem Innersten schon, dass die Szene auch im kommenden Jahr genau dieselbe sein wird.

Übrigens: Meine Kollegin Carolin Huber sieht das alles ganz anders - und hat die sieben Dinge veröffentlicht, die sie an der Wiesn vermisst. kah

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