München ohne Oktoberfest

Sieben Dinge, die ich an der Wiesn vermisse

Foto-Collage des Oktoberfests am Abend und der Autorin Carolin Huber
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Die Wiesn findet das zweite Jahr in Folge nicht statt. Zum Leidwesen unzähliger Menschen - auch unserer Autorin Carolin Huber.

München geht ins zweite Jahr ohne Oktoberfest. Bei unserer Autorin häufen sich die Entzugserscheinungen.

Wiesn 2019. Ich stand irgendwo in einem Bierzelt rum, neben mir ein (nicht mehr vollkommen nüchterner) Kumpel, einer der größten Wiesn-Fans, die ich kenne. Über die Worte, die er mir damals entgegen lallte, habe ich in den letzten beiden Jahren manchmal nachgedacht: „Ich weiß genau, was ich nächstes Jahr am dritten Samstag im September mache und übernächstes Jahr auch und alle darauf folgenden Jahre auch.“

Er meinte natürlich, dass er diese Samstage damit verbringen würde in aller Herrgottsfrühe aufzustehen und dem Anstich des Münchner OB beizuwohnen. Nun, zumindest was 2020 und 2021 anging, sollte ihn das Coronavirus Lügen strafen. Natürlich ist es vollkommen richtig, mitten in einer weltweiten Pandemie kein Oktoberfest zu veranstalten. Aber trotzdem ist es auch unglaublich bitter. Es gibt so vieles, was in so einem Jahr ohne Oktoberfest fehlt. Ich könnte 100 Punkte nennen - aber starten wir mal mit sieben:

#1 Den Weg zur Festwiese: In einer Welle der Vorfreude aus der S-Bahn geschwemmt werden, über die kreisrunden Brunnenelemente an der Kurt-Haertel-Passage balancieren, die Klänge des Drehorgel-Spielers im Ohr haben - und schließlich mit offenem Mund das größte Volksfest der Welt betreten. Das sind glückliche Erinnerungen aus meiner Kindheit.

#2 Grantelnde U-Bahn-Fahrer: „Luja, sog i!“ - dieses Zitat von Ludwig Thomas „Münchner im Himmel“ spiegelt die Stimmung der Münchner MVG-Fahrer zur Wiesnzeit ziemlich gut wider, wenn sich die werten Fahrgäste schon wieder auf genau EINE Tür der U-Bahn stürzen, als ob ihr Leben davon abhinge. Obwohl der Waggon schon voller ist, als Otto Wiesn-Besucher nach fünf Maß. Und die nächste U-Bahn in etwa 30 Sekunden einfährt. Seufz. Für die Fahrer ist das nervenaufreibend. Für alle, die das Münchnerische Gegrantel über die Lautsprecher mithören dürfen, ist es urkomisch.

#3 Anarchie im gemütlichen Millionen-Dorf: In München - so sehen es zumindest viele alteingesessene Bayern - herrschen noch Recht und Ordnung. Ganz im Gegensatz zum 3,6 Millionen Einwohner starken Sündenpfuhl, der Deutschlands Hauptstadt ist. Nur zur Wiesn herrschen derart anarchische Zustände in der Isar-Metropole, das vielleicht sogar Berlin vor Neid erbleicht. Oder vor Scham: Mehrere Hundert kotzende Menschen auf einem Grashügel - joa mei, ghert hoid dazua. Ein Hauptbahnhof, der schon mittags von Betrunkenen nur so wimmelt - ‚etz stäi di ned so o. 100 Euro im Bierzelt ausgeben und trotzdem hungrig die nächste Fast-Food-Filiale ansteuern - Is doch wurscht.

#4 Aftershow-Partys im Neuraum: Mag sein: An 350 Tagen im Jahr würde ich keinem erwachsenen Menschen den Neuraum als Feier-Location ans Herz legen. Aber eine Saison ohne After-Wiesn-Partys ist für mich absolut unvorstellbar. Und so oft wie ich dort in der Vergangenheit zufällig auf alte Bekannte getroffen bin, geht es wohl nicht nur mir so.

#5 Verkatert in der Arbeit sitzen: Wenn man nicht gerade die Hälfte seines Jahresurlaubs für die Wiesn einplant (und ich kenne durchaus Leute, die das machen) ist nach dem Rausch unter Umständen auch vor der Arbeit. Aber sofern man nicht gerade Pilot ist oder ein Atomkraftwerk überwachen muss, darf diese übermüdete, alberne Stimmung ruhig mal sein.

#6 Anrufe aus dem Bierzelt: Selbst an Tagen, an denen man eine Auszeit vom Festzelt-Trubel nimmt, holt einen die Wiesn normalerweise ein. Zumindest, wenn man Freunde hat, die den einen oder anderen Wiesn-Hit mit dir verbinden. Wenn mein Handy klingelt und im Hintergrund ein volles Bierzelt „Sweet Caroline“ grölt, dann zaubert mir das immer ein Lächeln ins Gesicht.

#7 Hendl-Hüte: Jap, es ist so weit. Jahr zwei ohne Wiesn - und ich fange tatsächlich an, all die lächerlichen Kopfbedeckungen zu vermissen, die mir sonst zuverlässig einen Augenverdreher entlockt haben: Die Hüte in Maß- oder Bierfass-Form. Gerne mit dem Freistaat-Wappen drauf oder mit einem Zapfhahn aus Stoff. Wenn ich morgen wieder die Brunnenelemente an der Kurt-Haertel-Passage entlang in Richtung der überfüllten Festwiese flanieren dürfte - ich würde vor Freude glatt alle dieser Hüte übereinander tragen.

Übrigens: Meine Kollegin Katharina Haase sieht das alles ganz anders - und hat die sieben Dinge veröffentlicht, die sie nicht an der Wiesn vermisst.

Was vermissen Sie an der Wiesn? Schreiben Sie es unter unseren Facebook-Beitrag oder per E-Mail an carolin.huber@zentralredaktion.news.

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