Die Oly-Halle als Schunkelkammer: Die tz-Kritik

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Jürgen Drews (Archivfoto)

München - Die Olympiahalle wurde am Sonntag zu Münchnes größter Schunkelkammer. Wie war die große Schlager-Starparade? tz-Kolumnist Jörg Heinrich horchte vor Ort nach.

Sonntagnachmittag in München. Sonne, 24 Grad, alles sitzt im Biergarten, im Café, genießt den Open-Air-Frühling. Nur die Olympiahalle ist abgedunkelt. Für Kristina Bach scheint die Sonne nicht. Für Bernhard Brink auch nicht. Sie müssen Schicht schieben bei der Hitparade ohne Heck, bei der großen Schlager-Starparade, bei der 14 Schlagerstars innerhalb von sieben Stunden durchgeschleust werden, um Frohsinn in der Finsternis zu verbreiten. Andrea Berg ist da, der frisch verliebte Patrick Lindner und der nicht mehr ganz frisch verlebte Jürgen Drews. Die Olympiahalle als Münchens größte Schunkelkammer – ebenso schrecklich schön wie schön schrecklich.

„Alle Künstler singen live“, hatte der Veranstalter schon im Vorfeld des von Radio Paloma präsentierten Musizier-Marathons versprochen – und Minipli-Legende Bernhard Brink, der nächstes Jahr 40-jähriges Bühnen- und Frisurenjubiläum feiert, scherzt sogar live für seine Fans: „Ich war extra vor diesem Auftritt beim Schönheitschirurgen, aber der wollte keine Enthauptungen vornehmen.“ Während Brink, der mit 58 kehlig klingt wie Gunter Gabriel, Die Zeit heilt keine Wunden singt, während die Damen in der unbestuhlten Arena miteinander Discofox tanzen, wartet hinter der Bühne in den betongrauen Katakomben der Olympiahalle bereits Lena Valaitis, immer noch adrett wie einst bei Heck, ernst, nervös tippelnd auf ihren fuchsiafarbenen Pumps. Es geht Schlager auf Schlager. Valaitis darf rein zur Tür, Brink kommt raus, dampft, ächzt, „is’ schön warm geworden da oben“. Und schon singt Lena Valaitis, die jetzt ihr Lena-Valaitis-Strahlen aktiviert hat, Ob es so oder so oder anders kommt, ihren Nummer-26-Hit aus dem Jahr 1971. 20 Minuten hat jeder Sänger nur Zeit für seinen Auftritt, danach wird er von Goldstar-TV-Moderator Stefan Verhasselt von der Bühne entfernt. Zugaben sind nicht gestattet, und die Musik findet ohne Musiker statt, denn der Soundtrack kommt aus Kosten- und Effizienzgründen vom Band. Und wer Patrick Lindner kurz vor seinem Auftritt in der kargen neonhellen Schlagerkantine sitzen sieht, in der der Salat schon beunruhigend lange auf dem Buffet steht, der ahnt, wie wenig Platz für Glamour das Gewerbe lässt, das seine Stars als Akkorde-Akkordarbeiter auf musikalische Montage durch die Hallen der Republik schickt.

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Nach Semino Rossi, dem Karel Gott der Pampa, darf eine junge Sängerin namens Patricia Gabriela, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat, öffentlich üben und fällt durch. Patrick Lindner faltet beim Gedanken an Peter Alexander ergriffen die Hände und singt Die kleine Kneipe. Michelle, die Zwangsinsolvenz, Schlaganfall und eine Beziehung mit Matthias Reim überlebt hat, ist niedlich und wohltuend sympathisch. Nik P. singt Ein Stern in mehreren nur leicht variierten Versionen, Andrea Berg gibt die zackige rotgefärbte Schlagerdomina und zürnt Du hast mich tausendmal betrogen. Die Steiermark-Flippers Paldauer musizieren tatsächlich annähernd live.

Am Ende, gleich nach der merkwürdig überdrehten Ireen Sheer, freut man sich beinahe auf Jürgen Drews, den König der mallorquinischen Kornfelder, der zeigt, dass er ein exzellenter Sänger war, bevor er zum Lothar Matthäus des Schlagers mutierte. Sein Mama Loo von den seligen Les Humphries Singers ist der mit Abstand stärkste Song des Tages. Doch die Freude währt kurz, gleich darauf singt der 66-jährige seinen König von Mallorca. Danach ist Schluss, auch draußen ist es jetzt finster, es riecht nach Regen. Der Frühling ist vorbei, und in der Schlagergruft gehen die Lichter an.

Jörg Heinrich

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