Olympia-Attentat vor 40 Jahren

Ich sah das Massaker

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Bob E. Kallensee (li.) beobachtete als junger Reserveoffizier die Explosionen auf dem Fliegerhorst aus nächster Nähe.

München - Vor 40 Jahren schockierte das Olympia-Attentat München und die ganze Welt. Für die Opfer wird am Mittwoch eine Gedenkfeier veranstaltet.

Es sind tolle Tage, die Bob E. Kallensee bei den Spielen in München erlebt. Der Leutnant der Reserve hat jede Menge Eintrittskarten ergattert, genießt besonders die Boxkämpfe. Er ist selbst Faustkämpfer, sogar Trainingspartner von Dieter Kottysch, dem Mann, der am letzten Olympia-Wochenende Gold gewinnen wird. Doch da ist die gute Stimmung schon umgeschlagen – verdrängt von Trauer und Entsetzen nach einem schrecklichen Terrorakt. Dessen furchtbares Ende Kallensee als Augenzeuge miterlebte!

Es sind nur knapp 200 Meter, die israelische Geiseln, palästinensische Terroristen und den damals 30-Jährigen in jener tragischen Nacht trennten. Der junge Reserveoffizier liegt an diesem 5. September 1972 gegen 23 Uhr mit anderen Soldaten an einem Zaun, der das Flugfeld vom Kasernenareal in Fürstenfeldbruck separiert – er hat eine Pistole im Anschlag. Schon damals empfindet er das als lächerlich. „Eine Steinschleuder wär’ ähnlich nützlich gewesen“, kommentiert er heute – mit 70 – die Situation spitz. Der Hamburger, der in Mittenwald zum Gebirgsjäger ausgebildet worden war, wollte an jenem Tag eigentlich einen Spezl in der Kaserne besuchen. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: Noch auf dem Weg hört er im Radio, dass Bundeswehrhubschrauber in Fürstenfeldbruck landen sollen. Deshalb fährt er direkt zur Landebahn.“ Von dort sieht er zwei Helikopter, daneben – im Scheinwerferlicht – eine Lufthansa-Boeing. „Die Maschine war startbereit. Die Triebwerke liefen schon.“ Er beobachtet, wie zwei Männer einen Hubschrauber verlassen. Es sind die beiden Piloten – die Terroristen zwingen sie, sich vor die Maschine zu stellen. Danach beginnen Terroristen den Lufthansa-Jet zu inspizieren. Dann fallen plötzlich Schüsse. Präzisionsschützen haben das Feuer eröffnet. „Noch im gleichen Augenblick“, so Kallensee, „schossen die Terroristen wild um sich.“ Dann geht ein Helikopter in Flammen auf … Wenig später sind alle neun Geiseln und ein Münchner Polizist tot. Als Kallensee gegen zwei Uhr die Kaserne verlässt („Ich war der Einzige, der raus könnte, alle anderen hatten ja Ausgangssperre“) wird er von Hunderten Journalisten umringt. Das Gerücht macht die Runde, dass alle Geiseln befreit sind. Kallensee ahnt, dass es nicht so ist. Er ist fassungslos und wütend, auch heute noch: „Die Einsatzführung des Münchner Polizeichefs Schreiber war völlig dilettantisch. Ich weiß, dass es auch schon damals Spezialisten gab, die das hätten anders lösen können.“ Wenn er an die Sicherheitsvorkehrungen im Olympischen Dorf denkt, kann er auch nach 40 Jahren nur den Kopf schütteln. „Ich bin mit meinem Mercedes einfach reingefahren. Bei einer Kontrolle hab ich nur auf mein selbstgemaltes Pappschild im Fenster gezeigt. Darauf stand VIP. Da meinte der Beamte nur, ,oh, entschuldigen Sie …“

Bob Kallensee lebt heute in Hamburg. München 72 wird er nie vergessen: „Das war ein Zäsur in der Geschichte. Aber ich bin sicher: So etwas wird nie wieder passieren.“

Trauerfeier am Flugfeld

40 Jahre nach dem Terrorüberfall auf das israelische Olympia-Team versammeln sich am Mittwoch ab 16 Uhr auf dem Fliegerhorst Fürstenfeldbruck 600 Gäste, um der Opfer zugedenken – der elf getöteten israelischen Sportler und des erschossen Münchner Polizisten Anton Fliegerbauer. Bereits um 12 Uhr werden vor der Gedenktafel in der Connollystraße 31 im Olympischen Dorf mehrere Kränze niedergelegt – u.a. von OB Christian Ude.

Im Mittelpunkt der Feiern werden Überlebende des Anschlags und Angehörige der israelischen Opfer wie Ankie Spitzer stehen. Es ist erst vier Wochen her, dass die Witwe des ermordeten Fechttrainers André Spitzer dem IOC-Präsidenten Jacques Rogge bei einer Gedenkveranstaltung in London den Satz entgegen schleuderte: „Schande über Dich.“ Als Ausdruck dafür, dass sich das IOC geweigert hatte, eine Gedenkminute bei der Eröffnungsfeier in London abzuhalten.

Als vor 40 Jahren der damaliIOC-Präsident Avery Brundage sagte „The Games must go on“, war das vielen in ihrer Trauer und Fassungslosigkeit unverständlich. Inzwischen ist daraus ein Jahrhundertsatz geworden – mit der Botschaft: Das Leben muss weitergehen, der Terror darf nicht siegen. Diese Botschaft wird am Mittwoch alle Trauergäste vereinen.

Geheimakten veröffentlicht

Neue Dokumente zum Geiseldrama bei den Olympischen Spielen 1972 belegen nach Ansicht des israelischen Historikers Hagai Tsoref (59) das Versagen der deutschen Behörden. Besonders der kritische Bericht des damaligen Mossad-Chefs zeige „das Ausmaß des Misserfolgs“, so der Experte vom israelischen Nationalarchiv. „Ich war erschüttert, als ich seine Äußerungen las“, so Tsoref.

Mossad-Chef Zvi Zamir hatte den deutschen Sicherheitskräften damals Inkompetenz und Gleichgültigkeit vorgeworfen, wie aus Dokumenten (darunter sind auch viele Geheimakten) hervorgeht, die das Staatsarchiv in Jerusalem jetzt im Internet veröffentlichte. Besonders interessant sind aus Torefs Sicht die Bemühungen der damaligen israelischen Ministerpräsidentin Golda Meir, nach den tragischen Vorfällen eine Verschlechterung der Beziehungen zu Deutschland zu verhindern: „Sie hat versucht, Deutschland in Schutz zu nehmen.“

Wolfgang de Ponte

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