Die Großmarkt-Oma (89) zeigt's dem jungen Gemüse

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Maria Reitmeier heißt in der Großmarkt­halle bei allen „die Oma“. Seit 1970 arbeitet die 89-Jährige hier für die Gärtnerei.

München - Die Maria – oder die Oma. So wird Maria Reitmeier in der Großmarkthalle genannt. Jeder kennt sie, jeder mag sie. Ihr Strahlen ist so frisch wie das Gemüse und die Kräuter an ihrem Stand.

Seit 1970 verkauft sie Produkte der Gärtnerei Zotz (Sitz in Perlach). Sie hat also fast so viele Großmarkt-Jahre hinter sich wie Grünzeug-Sorten verkauft. Maria Reitmeier ist 89 Jahre alt, oder in ihrem Fall besser: jung. Arbeit strengt an? Pah! Die Oma zeigt’s dem jungen Gemüse.

Das „Kräuterweiberl“ Münchens fährt um 4.48 Uhr mit der S-Bahn aus Ottobrunn zur Arbeit. Aufgestanden wird um halb vier. „Einen Kaffee brauche ich schließlich auch. Ich muss ja munter sein, wenn ich hier reinkomme.“ Um 12 Uhr mittags ist Schluss. Und das täglich außer mittwochs.

„Wer in der Großmarkthalle anfängt, der kommt nicht mehr weg“, sagt sie. „Das ist ein alter Spruch.“ Zudem roste sie nicht ein. „Ich kann reden und rechnen, das macht mir Spaß.“ Wieselflink addiert Oma Reitmeier kleine Beträge mit Stift und Papier zusammen, die Preise kennt sie auswendig: „20 Dill macht 16 Euro, 20 Minze 14 Euro, 25 Koriander 17,50 Euro. Dann krieg ich 47,50.“ Und weil das Kleingeld nicht gleich aus der Kasse will, schiebt sie ein Münchnerisches „Geh raus“ hinterher.

Dabei kommt die Maria gar nicht von hier, sondern aus ­Villingen im Schwarzwald, wo die Eltern eine Landwirtschaft betrieben. Fünf Geschwister hatte sie, drei Schwestern und einen Bruder, der im Krieg geblieben ist. Die Liebe brachte sie 1946 in unsere Stadt, als sie einen Bekannten im Lazarett besuchte. Da traf sie Johann, malad von Malaria, und es funkte: „Ein Münchner musste es sein. Erst lebten wir bei seinen Eltern, aber als der Bub kam, wurd’s zu eng. Ich nahm eine Hausmeisterstelle am Dietramszeller Platz an, wo wir eine größere Wohnung bekamen.“ Bis 1993 arbeitete sie auch hier, bis zum Tode ihres Mannes.

Ihre beiden Kinder sähen es gerne, wenn ihre Mama zum ­90. Geburtstag zu arbeiten aufhört. Das wäre am 5. Juni. Ihr Sohn ist grad pensioniert worden. Und – wird sie? „Mei, mal schauen, ob ich das erleb’“, lächelt sie verschmitzt. Nein, sie will weitermachen: „Arbeit macht das Leben süß, Faulheit stärkt die Glieder.“ Ihre Tochter hat zwei Kinder, Maria Reitmeier ist zweifache Uroma: „Die Urenkel sind meine zwei Lieblinge, sie wohnen auch in Ottobrunn“, strahlt sie.

Ihre Kollegin Elli, Leiterin des Stands, lobt Maria in höchsten Tönen: „Sie ist meine Oma, auch wenn wir nicht verwandt sind.“ Als fleißig, gut gelaunt und herzlich beschreibt sie Maria. „Für mich wäre es schlimm, wenn sie nicht mehr da wäre. Die Oma belebt den ganzen Großmarkt, und ohne sie würde ich das hier gar nicht schaffen. Es war furchtbar, als sie vor vier Jahren ausfiel“, erinnert sich die 28-Jährige.

Wie kam’s? „Ich wollte in der Halle das Tor zumachen, aber das war schneller als ich. Es ging ein rechter Sturm damals im Sommer.“ Eine Woche lag Maria im Krankenhaus, aber nach der Gips-Zeit stand sie wieder auf der Matte. Mit den meisten Kollegen duzt sie sich.

Apropos Sturm: Den gibt’s zwar derzeit nicht, dafür kann’s in der Halle schon mal bis zu vier Grad kalt werden. Was Omas warmer Ausstrahlung keinen Abbruch tut. „Ich bin ja dick angezogen.“ Ob die Käufer – viel Stammkundschaft ist dabei, darunter vom Tantris, dem Königshof, dem Mangostin – auch mal unfreundlich sind? „Nein. Mir ist jeder recht, der zu mir nett ist, dann bin ich’s auch.“ Dann kommt der nächste Kunde. „70 Gramm Dill, das macht 1,50 Euro.“

Matthias Bieber

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